Mara

Mara

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Fantasia 1254e. 2026]

Magazin

Mara

Sie hatte sich ihren Namen aus dem Tieratlas ausgesucht, und wenn man sie fragte, warum sie denn „Mara“ heiße, dann sagte sie, halb im Spaß und halb in einem ernsten Ton, der manchen erschreckte, weil er so sehr nach Entschluss klang, dass Namen keine Zufälle seien, sondern erste Versprechen, kleine Verträge, die man mit der Welt abschließe, bevor man überhaupt wisse, was ein Vertrag sei, und dass sie sich nun einmal, seit sie als Kind zum ersten Mal den Geruch von Heu und einem Lösungsmittel gemischt eingeatmet hatte, ein Leben vorgenommen habe, in dem sie mit Tieren arbeitete, nicht, um sich vor den Menschen zu verstecken, sondern um überhaupt erst auszuhalten, was Menschen einander antun, und das seien Sätze gewesen, die man einem dünnen Mädchen mit zu großen Augen vielleicht nicht geglaubt hätte, wenn nicht die Fähigkeit dagewesen wäre, stundenlang neben einem zitternden Mischling zu knien und ihm so schlicht wie folgerichtig den Rücken zu kraulen, dass selbst der Besitzer irgendwann ruhig wurde.

 Sie begann das Studium der Tiermedizin mit einem Fleiß, der sich aus früh aufgestandenem Ehrgeiz und spät eingelernter Disziplin zusammensetzte, sie mochte Anatomie, weil Formen Ordnung versprachen, mochte Physiologie, weil sie erklärte, wie ein Herz so zuverlässig zwischen Zusammenziehen und Loslassen unterschied, mochte sogar Pathologie, obwohl das Wort wie eine Anklage klang, mochte die langen Abende in der Bibliothek, die Zeichnungen in ihrem Heft, die nüchternen Tabellen und die feinen Unterschiede zwischen Rinderrasse A und Rinderrasse B, die man kennen musste, um ohne falsche Sentimentalität das Richtige zu tun, und doch war da etwas an den Kliniktagen, an den ersten Operationen, das sie überwältigte, nicht das Blut, nicht die Verantwortung, sondern der Druck, der sich wie ein zweiter Puls an ihr hängte, wenn jemand sagte, du bist dran, Mara, du entscheidest, und in dieser Anspannung knirschte ihr ohnehin wackelig gewordener Alltag, denn Jonas – der sich in den ersten Semestern so weich in ihr Leben gelegt hatte, als würde er ihren Rhythmus mitatmen – begann in jener Zeit, in der man nachts um drei über Antibiotika klagt und morgens um sieben wieder in Gummistiefeln neben einem Kalb steht, von anderen Rhythmen zu sprechen, von seinem Recht auf Raum und Zufall, und Mara sagte Dinge, die sie nicht sagen wollte, und schwieg, als sie hätte reden müssen, und schließlich blieb eine Wohnung übrig, die nach jemandem roch, der gestern gegangen war, und ein Körper, der sich bei jeder Treppenstufe fragte, ob es nicht leichter wäre, wenn man die Stufen gar nicht erst nähme.

 Die Ärztin im grauen Beratungszimmer sprach leise und setzte an jede Diagnose ein „kann“, „könnte“, „möglicherweise“, als wolle sie die Sprache abpolstern, damit sie nicht wehtue, woraufhin Mara nickte, als hätte sie verstanden, obwohl sie nur begriff, dass ihr Kreislauf, der so zuverlässig auf die Leitsysteme anderer reagiert hatte – abhängig von Schichtplänen, Skripten, Lernzielen und Ergebnisdruck – plötzlich eigenwillig wurde, dass ihr Herz zwar nicht krank, aber müde war, dass ihr Schlaf dünn wie Papier wurde und ihre Tage zu schwer, um sie zu heben, und irgendwann saß sie vor einem Formular, auf dem „Beurlaubung“ stand, und ließ ein Jahr aus der Hand wie einen Faden, den man nicht mehr aufwickeln kann, und als sie merkte, dass die Einsamkeit nicht verschwand, wenn man das Studium pausierte, sondern sich nur anders benannte, bestellte sie sich am Abend einen Kaffee und schrieb eine Bewerbung, nicht als Ärztin, nicht mehr als die, die sie werden wollte, sondern als tierärztliche Helferin, weil sie wusste, was man wissen musste, und weil es vielleicht an der Zeit war, etwas zu tun, das nicht mehr so tun musste, als wäre es die Erfüllung von etwas.

Die Praxis von Dr. Alina Vogt lag am Rand einer Stadt, die sich zur Landschaft hin so unauffällig öffnete, dass Wiesen und Reihenhäuser ineinander übergingen wie zwei Farben, die niemand sauber trennen will, das Schild war aus Holz, die Schrift leicht verschnörkelt, und wenn morgens um acht die erste Kundin mit einer Katze im Korb die Glocke an der Tür bimmeln ließ, dann roch es nach Kaffee, den die Ärztin nie austrank, und nach dem Shampoo, das die Helferin benutzte, und nach dem merkwürdig tröstlichen Gemisch der Welt, in der Tiere Schmerzen haben und Menschen sie abzugeben versuchen, als ließen sich Verantwortung und Liebe an der Rezeption abstreifen, wie Mäntel, die man später wieder mitnimmt, und Mara stand hinter dem Tresen, als hätte sie nie woanders gestanden, schnell und freundlich, mit einer Ordnungsliebe, die die Schubladen der Instrumente so akribisch beschriftete, dass selbst die Notfallzange ihren Platz bekam, und einer Gelassenheit, die ein eingefangenes Kaninchen in fünf Sekunden beruhigte.

 Alina – die im Übergang zwischen Strenge und Wärme lebte wie andere zwischen Tag und Nacht – merkte schnell, dass Mara mehr wusste, als in der Stellenbeschreibung vorgesehen war, sie ließ sie nähen, wenn es nur eine kleine Wunde war, ließ sie Blut abnehmen, ließ sie den Ultraschall vorbereiten, ließ sie im Behandlungsraum das Gespräch beginnen und im Labor die Werte interpretieren, während sie selbst noch mit einem Bauern telefonierte, der schon wieder die Antibiotika nicht nach Plan verabreicht hatte, und es war nicht so, dass Regeln ihnen gleichgültig gewesen wären, es war eher so, als glaubten beide an die Vernunft, die in den Zwischenräumen der Regeln lebt, an das, was in der Praxis „Auge“ genannt wird, und an die stillen Übereinkünfte, die entstehen, wenn man einander vertraut.

Die Stammkundschaft merkte das, und während Alina den Ton setzte, war Mara die, die ihn hielt, die still in die Bewegung einer Untersuchung hinein atmete, die Hand dort anlegte, wo die Haut zuckte, den Blick dorthin richtete, wo andere nur tasteten, und in den Stunden, in denen Notfälle kamen – ein Dackel mit einem Aprikosenkern, der quer stand wie ein Störenfried im kleinen System, eine Katze, die zu lange weggelaufen gewesen war, ein stolzer Mischling mit einer aufgeplatzten Pfote – war Mara jene, deren Hände niemals zu schnell wurden, deren Stimme sich nicht überschlug, und wenn Alina sagte, „gut, so, noch zwei Milliliter, ja, genau da“, dann wusste Mara, dass es vielleicht falsch war, etwas zu genießen, das man nicht sein durfte, und genoss es doch, wie man einen seltenen sonnigen Wintertag genießt, plötzlich und mit schlechtem Gewissen.

In der dritten Märzwoche – die Schneegrenze hing noch am Stadtrand, während in den Vorgärten schon alles zögerte, zu blühen – rief Alina früh am Morgen an und hob zweimal an, etwas zu sagen, was sie ungern sagte, am Ende klang es schlicht, „ich fühle mich nicht gut, ich bleibe heute daheim“, woraufhin Mara „natürlich“ sagte und gar nicht daran dachte, was „heute“ hieß, wenn man in einer Praxis arbeitete, die jeden Tag wie ein kleines Land war, das man regieren musste, und die ersten zwei Tage verliefen ruhig, die Sprechstunde ließ sich mit Routine und etwas mehr Atem füllen, die Impfungen, die Beratungen, die Fädenziehen, und Mara schrieb nach jeder Behandlung eine Notiz in die Kartei, als wüsste sie schon, dass jemand einmal sehr genau nachsehen würde.

Am dritten Tag war da das Kaninchen, das nicht fressen wollte, und die Besitzerin, die verzweifelt mit der Zunge am Gaumen klackte, als könne sie das Tier damit erinnern, wie man Heu kaut, und Mara tastete und horchte, und hatte die Pneumonie im Ohr, bevor sie den Stethoskopbogen richtig angesetzt hatte, sie ordnete Röntgen an, ein Wort, das in ihrer Position ein Vorschlag sein sollte und nun doch eine Entscheidung wurde, und weil niemand sonst die Entscheidung hätte treffen können, traf sie sie, sie setzte Antibiotika an, schrieb das Rezept auf Alinas Namen, nicht aus Hinterlist, sondern aus dem Glauben, dass die Ordnung der Dinge eine Ordnung der Formulare brauche, und dass die Formulare, wenn man sie nur sauber ausfüllte, die Verantwortung nicht ändern würden, die ja ohnehin bei ihr lag, und als am Abend das Kaninchen wieder zu nagen begann, so vorsichtig, als sei jeder Halm eine Frage, da fiel Mara ein Stein vom Herzen, der groß genug gewesen war, um ihr tagelang die Brust zu beschweren.

Wenn es bei diesem einen Fall geblieben wäre, hätte man später vielleicht gesagt, es sei eine Ausnahme gewesen, der Moment, in dem das System seine Elastizität bewies; doch Alina meldete sich am vierten Tag nicht, und am fünften auch nicht, und irgendwann rief der Ehemann, dessen Stimme Mara kaum kannte, an und sagte, Alina sei im Krankenhaus, man wisse noch nicht, was es sei, und sein fast sachlicher Ton ließ den Satz kälter erscheinen, als er war, und Mara hing auf, stand einen Moment im Flur und sah den Kalender an, auf dem jemand mit einem grünen Filzstift die Impfkampagne eingetragen hatte, und dann begann jene Reihe von Tagen, in denen die Entscheidung nicht heroisch, sondern nötig war, weil Menschen und Tiere nicht warteten, bis ein Zustand geklärt war, und weil die Tür morgens um acht bimmelte, als sei nichts geschehen.

Sie operierte zum ersten Mal ganz allein an einem verregneten Dienstag, eine kleine Kastration, die eigentlich Routine war, die Instrumente lagen, wie sie sie gelegt hatte, das Tuch hing auf der Heizung, die Assistentin aus der Ausbildung – ein Mädchen namens Farina, die noch nicht wusste, wie sehr Hände schwitzen können – hielt das, was man hält, wenn man hilft, und Mara fühlte die alte Sicherheit in sich, dieses konzentrierte Schweigen der Muskeln, das darauf vertraut, dass das Gelernte nicht verschwindet, weil das Leben kompliziert wird, sie nähte, sauber, in gleichmäßigen Abständen, und als der Hund sechs Stunden später taumelig, aber schnuppernd die Praxis verließ, wischte sie den Tisch ab, als hätte sie damit einen Beweis gesichert, den sie noch nicht gebraucht hatte.

Die Wochen rollten über sie hinweg wie eine langsame, hohe Welle, man sah die Kante kommen und wusste nicht, ob man darauf reiten konnte, oder ob sie einen irgendwann überrollen würde, und jeden Abend saß Mara am Schreibtisch, die Stirn gegen die Hand gestützt, und füllte Formulare, ordnete Röntgenbilder, schrieb Berichte, faxte Befunde an die Labore, vor allem aber schrieb sie Rechnungen im Namen von Dr. Alina Vogt, weil die Software nichts anderes vorsah, weil die Hausratversicherung des Bauern nur Rechnungen dieser Ärztin akzeptierte, weil das System für Vertretungen Regeln hatte, aber nicht für Abwesenheiten, die länger dauerten als ein Erkältungsdurchgang, und wie sie unterschrieb, als zeichne sie eine Linie, die ohnehin die richtige Richtung hatte, weil ja alles getan wurde, wie es getan werden musste – sauber, geprüft, begründet und nüchtern –, und wer hätte ihr sagen sollen, dass sie diese Linie überschritten hatte, außer vielleicht die Person, die nicht anwesend sein konnte, um sie zurückzurufen.

Nachts träumte sie von Jonas, nicht als Vorwurf an das, was sie verloren hatte, sondern als dunkler Schatten, der an einer Hauswand vorbeiging, und sie merkte, dass sie den Schmerz, der einst reduzierter war, mit der gleichen Technik abspaltete, mit der man einen chirurgischen Knoten setzt: zwei Mal links, zwei Mal rechts, fest, aber nicht zu fest, damit das Gewebe atmen kann, und am Morgen stand sie wieder hinter dem Tresen, die Ärmel hoch, und wenn eine alte Frau mit einer lahmen Katze zum hundertsten Mal sagte, „Frau Doktor, Sie sind ein Engel“, dann korrigierte Mara fast mechanisch „ich bin nicht die Doktorin“, und trotzdem blieb das Wort im Raum, wie ein Parfum, das man nicht mehr loswird, selbst wenn man die Fenster öffnet.

Als Alina aus dem Koma erwachte – so wird es später in den Akten stehen, nüchtern und kühl, als wäre es ein Schalter, den man umlegt –, als sie, aus einem Gebiet zurückkehrend, das sie nicht benennen konnte, in ein Zimmer blickte, in dem eine Uhr lief, die ihre Zeit nicht mitgezählt hatte, war der Betrieb in der Praxis ein Uhrwerk, das ohne sie weiterging, geölt und sauber, mit ordentlichen Einträgen, klaren Plänen, und der Mann, der sie nach Hause brachte, sah, wie es Mara gelang, die Menge der Dinge, die geschehen waren, in zwei Sätzen zusammenzufassen, „ich habe übernommen, es lief, wir haben alles dokumentiert“, und Alina nickte, sagte Danke, während in ihr ein leiser Alarm anging, einer, der nicht vom Misstrauen genährt war, sondern vom Wissen um das, was Lizenzen bedeuten, Kammern, Versicherungen, Haftungsfragen, und sie bat Mara, die Unterlagen des letzten Monats auszudrucken.

Der Drucker machte dieses schabende Geräusch, das in Büros die Geräusche von Gesprächen ersetzt, die man nicht führen will; auf Alinas Schreibtisch wuchs ein Stapel, in dem die Welt als Abfolge von Leistungen notiert war: Untersuchungen, Beratungen, zwei kleine Operationen, eine größere, die Notfallnarkose an einem Samstagnachmittag, Röntgen, Labor, nachgereichte Medikamente, und unter jedem Blatt stand ihr Name, die Unterschrift, die die Software als digitaler Strich an den unteren Rand setzte, und Alina, die wusste, wie ordentlich Mara war, sah die Sorgfalt, aber sie sah auch, was in den Augen anderer gesehen werden würde, wenn man es ihnen zeigte, und sie hörte in sich die Sätze der Ordnung, die sie selbst gelernt hatte: dass ärztliche Handlungen ärztlichen Händen vorbehalten seien, dass Vertretung nicht Aneignung sei, dass gutes Tun nicht jeden Verstoß heilt.

Das Gespräch fand am Montag statt, als die Praxistür den gesamten Vormittag geschlossen blieb, und es war eines jener Gespräche, die nicht durch ihre Lautstärke, sondern durch die Intensität ihrer Pausen grausam werden; Alina saß auf der einen Seite des Schreibtischs, Mara auf der anderen, die Hände an einer Kaffeetasse, die kalt geworden war, bevor der Kaffee darin zu etwas hatte werden können, und Alina begann leise, „ich bin dir dankbar, mehr als ich sagen kann“, und setzte fort, bevor die Dankbarkeit wie ein Vorwand klang, „aber wir haben ein Problem, das über uns hinausgeht“, woraufhin Mara nickte, als hätte sie es gewusst, ohne es zu Ende denken zu wollen, und Alina holte Luft und legte die Worte so hin, wie man Instrumente hinlegt, vorsichtig, geordnet, anfassbar, „du hast ärztliche Tätigkeiten ausgeübt, die dir nicht erlaubt waren, du hast sie in meinem Namen abgerechnet, und selbst wenn alles gut gegangen ist – was es ist, soweit ich sehe –, ist das für die Kammer Betrug, für die Versicherung ein Risiko und am Ende für mich ein Grund, dich zu kündigen, bevor man mir vorwirft, ich hätte es gewusst und geduldet!“

Es gibt Tränen, die sich ankündigen, indem sie erst einmal nicht kommen, sondern nur als heißer Druck hinter den Augen stehen, und Mara spürte diesen Druck und spürte, wie eine alte Erschrockenheit an ihr hochstieg, und stellte sich in eine frühe Erinnerung: Sie, die Studentin, zitternd am Beckenrand einer Übungsnarkose, und die Oberärztin, die streng und fair war, sagte, „Entscheiden heißt, die Grenze zu sehen und sie nicht zu verwischen“, und wie viele Grenzen hatte sie in den letzten Wochen gesehen und verschoben, nicht aus Arroganz, sondern weil sie geglaubt hatte, dass die Grenze dort liege, wo das Können sei, und das Können war da, das war die zynische, doppeldeutige Wahrheit, die alles so kompliziert machte, und als sie schließlich „ich verstehe“ sagte, meinte sie nicht nur den juristischen Satz, sondern auch den, der ihr Leben betraf, den Satz, der sagte: Es gibt Wege, die man verlässt, und wenn man sie verlässt, nehmen sie einem nicht übel, dass man ging, aber man kehrt nicht ohne Weiteres zurück.

Man schrieb eine Kündigung, die Worte hingen für Stunden in der Luft, als wären sie noch nicht real; Alina bestand auf einer Abfindung, so klein, dass sie kaum tröstete, und so groß, dass sie ein Zeichen war; sie rief bei der Kammer an, erklärte den Fall so, dass es die Wahrheit nicht verriet und doch nichts beschönigte, und vielleicht war in der ruhigen Sachlichkeit der Beamtin am anderen Ende des Telefons ein Rest Welt enthalten, der nicht nur Strafen kennt, sondern auch Verhältnismäßigkeit, denn außer einem Verweis und der Auflage, die Vorgänge sauber zu dokumentieren, kam nichts; die Versicherung meckerte nicht, weil kein Schaden entstanden war, und in der Praxis roch es bald wieder so, wie es früher gerochen hatte, und die Glocke bimmelte, und Menschen nannten Alina „Frau Doktor“, und damit war die Geschichte äußerlich erledigt.

Innerlich begann sie erst.

Mara räumte ihre Schublade mit einer Gründlichkeit, die jeder Bürokrat geliebt hätte; sie legte den Kugelschreiber in den Karton, die Haftnotizen, den kleinen Glücksbringer in Form einer Porzellankuh, den ihr einmal ein Kind geschenkt hatte, sie strich mit der Hand über die Arbeitsplatte, als wäre sie ein Tier, dem man erklärt, dass man jetzt gehe, und in den Briefkasten steckte sie einen dicken Umschlag mit Kopien, die sie für sich behielt, nicht aus Misstrauen, sondern als Beweis für sich selbst, dass sie nicht geträumt hatte, und dann ging sie hinaus in eine Luft, die plötzlich kälter schien, obwohl der April eigentlich längst beschlossen hatte, freundlich zu sein.

Das rührselige Drama, das sich anschickte, sie zu fassen, begann nicht in großen Szenen, nicht mit Alkohol und langen Telefonaten, sondern in den stillen, peinlichen Begegnungen im Supermarkt, in denen Kunden – ehemalige Kunden, korrigierte sie sich – zu ihr herüberkamen und sagten, „wir haben gehört“, und das „gehört“ klang wie ein Messer, das auf Porzellan kratzt, und Mara lächelte, sagte, „alles gut“, und dachte, dass „gut“ ein Wort sei, das in diesen Wochen eine neue, dünnere Form angenommen hatte, und nachts saß sie am Fenster und zählte keine Sterne, weil die Stadt zu hell war, sondern die Lichter der Linienbusse, und stellte fest, dass ihr Herz wieder im Takt war, nur dass der Takt zu leer war, als dass man ihn hätte mit Arbeit füllen können.

Jonas schrieb eine Nachricht, kurz und zu spät, er habe gehört, er hoffe, es gehe ihr ordentlich, und sie las „ordentlich“ zweimal, weil es das Wort war, das sie im Studium geliebt hatte und das nun wie ein Vorwurf wirkte, und sie antwortete, ohne Bitterkeit, die sie sich nicht mehr leisten konnte, sie schrieb, dass sie eine Stelle in einem Tierheim annehmen würde, erst einmal, um nicht untätig zu werden, und dass die Katzen dort Namen hatten, die nach Zigarettenmarken klangen, und dass ihr das gefalle, weil es das Leben entdramatisiere, und sie merkte, wie sie sich an das kleine Lachen klammerte, das man aus der Distanz zu sich selbst gewinnt, wenn man gerade nicht weint.

Im Tierheim roch es weniger nach Desinfektionsmittel und mehr nach Futter, weniger nach Ordnung und mehr nach Versuch, eine Normalität zu ermöglichen, und Mara fand, dass beides in ihr wohnte, die Sehnsucht nach dem geraden Schnitt und die Fertigkeit, ein schiefes Regal so zu beladen, dass es nicht kippt, sie schrieb Behandlungspläne, die keine waren, weil sie nicht unterschreiben durfte, und sie legte doch Verbände an, weil niemand sonst da war, und sie telefonierte mit Tierärzten, die kamen, wenn man sie rief, und sie merkte, wie ihr Können nun zu einem Hilfswerk wurde, das nicht so sehr Ordnung schuf, wie es Schäden begrenzte, und manchmal stand sie am Zwinger von „Luca“, einem alten Rüden, dem die Hüfte wehtat, und lauschte seinem stoischen Atem, und stellte sich vor, dass etwas in ihr heilte, nicht das Ehrgeizige, das nie ganz verschwinden würde, sondern das Spröde, das sich an Vorschriften gescheuert hatte, bis es blutete.

Alina schrieb ihr nach drei Monaten einen Brief, der mit „Liebe Mara“ begann, als wäre nichts geschehen, und doch so präzise war, dass er nicht wie Trost klang, sondern wie ein Angebot, das man annehmen durfte, ohne sich zu verkaufen; sie schrieb, dass sie sich oft frage, ob sie anders hätte handeln können, dass sie wisse, dass man in der Praxis manchmal über Regeln hinweg atme, ohne zu merken, dass man sie überschreitet, dass sie glaube, dass Mara eine gute Ärztin wäre, wenn sie denn eine wäre, und ob sie – das war der Satz, der wie ein stilles Fenster geöffnet wurde – sich vorstellen könne, das Studium wieder aufzunehmen, und ob es etwas gäbe, das sie dazu brauche, Empfehlung, Unterstützung, vielleicht nur einen Zuspruch, und dass sie bereit sei, dies alles zu geben, auch wenn sie wisse, dass es die Vergangenheit nicht ungeschehen mache.

Mara legte den Brief auf den Tisch, neben einen Napf, den sie gerade spülte, und las ihn noch einmal, und noch einmal, und in ihr regten sich die alten Sätze, die sie gekannt hatte, als sie wusste, welche Fächer im vierten Semester drankamen; sie setzte sich, schrieb eine Antwort, die mit „Liebe Alina“ begann, und dazwischen lag kein Ärger, nur das Bewusstsein, dass man, wenn man fällt, nicht jedes Mal an exakt dieselbe Stelle zurückklettert; sie dankte, sie erzählte von Luca, sie erzählte von der Art, wie das Tierheim die Welt bändigt, nicht durch Gesetze, sondern durch Hände, die anpacken, und sie schrieb, dass sie wisse, wie leicht es sei, aus einer Mischung von Liebe und Können heraus Grenzen zu übertreten, und wie schwer, sie danach wieder in sich einzubauen, und dass sie, vielleicht, irgendwann, wieder studieren werde, wenn der Gedanke das Zittern verloren habe, und ob sie in der Zwischenzeit einmal in der Praxis vorbeikommen dürfe, nicht, um zu arbeiten, sondern um Hallo zu sagen.

Als sie sich ein paar Wochen später gegen die Tür lehnte, die Glocke bimmelte und Alina aus dem Behandlungsraum trat, war die Umarmung, die sie einander gaben, nicht die Art Umarmung, die alles vergibt, sondern jene, die anerkennt, dass man sich in einer Geschichte befindet, die größer ist als zwei Menschen; eine Kundin wartete, die Katze im Korb miaute, und die Welt stand nicht still, weil zwei Frauen versuchten, etwas Gutes aus einem Schlechten zu machen; sie tranken Kaffee, zu dem endlich die Zeit reichte, und sprachen über Luca und über Jonas und über die Kammer, und es waren jene Sätze, in denen das Rührselige und das Nüchterne sich berühren, ohne einander zu verschlucken, und als Mara ging, trug sie den Napf, den sie ursprünglich nur zurückbringen wollte, an der Seite, als hielte sie etwas aus Porzellan, das man nicht fallen lassen darf, nicht weil es teuer ist, sondern weil es die Form einer Geschichte hat, die, wenn sie zerbräche, zu Scherben werden würde, an denen man sich später die Finger schneidet.

Man erzählt diese Geschichte manchmal als eine von Schuld und Recht, von Betrug, der keiner sein wollte, von einer Ärztin, die handeln „musste“, und einer Assistentin, die „nicht durfte“, und es ist nicht falsch, sie so zu erzählen, weil die Welt nun einmal in solche Sätze gefasst wird, wenn sie verhandelt werden soll, aber es gibt eine andere Weise, sie zu erinnern, bei der das Scheitern kein Urteil, sondern ein Zustand ist, durch den man hindurchgeht, wie durch Regen, der irgendwann aufhört, während man noch mit nassen Haaren dasteht; in dieser anderen Weise bleibt Mara die, die sie sein wollte, nicht mit einem Titel, sondern als Haltung, und wenn sie nachts aus dem Tierheim nach Hause geht und der Atem des alten Luca sich neben ihr beruhigt, dann denkt sie manchmal daran, dass Grenzen nicht nur Trennlinien sind, sondern auch Konturen, an denen entlang man sich später wieder findet, und dass Wünsche, die scheitern, nicht verschwinden, sondern sich verwandeln, leiser zwar, aber nicht weniger wahr.

Wenn sie dann einmal, viele Monate später, an einem Morgen die Hand in die Tasche steckt und dort den kleinen Porzellan-Napf findet, der wie ein zu schwer geratenes Symbol daherkommt, dann lächelt sie darüber, dass die Welt sich die Mühe macht, solche Symbole zu streuen, obwohl niemand sie braucht, und sie beschließt, das Formular für die Wiederbewerbung an der Universität herunterzuladen, nicht, um die Vergangenheit zu reparieren, sondern um die Zukunft auf eine Weise zu öffnen, die nicht länger aus Verzicht gemacht ist, und sie schreibt ihren Namen, „Mara“, sorgfältig in das Feld, in dem Namen stehen, und denkt daran, was sie früher darüber gesagt hat, über Verträge, die man zu Beginn schließt, und sie nickt, als würde sie sich selbst zustimmen, und atmet, einmal, tief, ganz tief in sich hinein, als wäre ihr Herz ein Tier, das wieder in die Hand zurückkehrt, die es füttert, und nicht mehr fort will.