Miss Ebenhaut

Miss Ebenhaut

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Wünsch dich ins Märchen-Wunderland Band 7. Anthologie, 2026]

Miss Ebenhaut

Es war einmal – in einem Land, das ebenso von Märchen wie von den unerbittlichen Gesetzen der Pubertät regiert wurde – ein junges Mädchen, das die Menschen „Schneewittchen“ nannten, und dieser Name war längst nicht nur eine Metapher für die Blässe ihrer Haut, die in den Chroniken der Brüder Grimm so berühmt geworden war, sondern auch ein Synonym für das unerreichbare Ideal, das jede Generation von Kindern und Jugendlichen auf ihre Schultern geladen bekam, sobald sie alt genug waren, im Spiegel nicht mehr bloß die Augenfarbe zu sehen, sondern jede kleinste Unebenheit, jeden winzigen roten Punkt, jede Pore, die zu groß erschien, und es war genau diese Bürde, die Schneewittchen eines Morgens mit einer Härte traf, als wäre sie von einem Apfelzweig geschlagen worden.

Denn, wie es nun einmal das Schicksal der meisten Jugendlichen ist, die ungebeten und doch unausweichlich durch die Jahre des Wachstums stolpern, hatte Schneewittchen über Nacht eine Sammlung von Pickeln auf ihrer Stirn entdeckt, kleine, runde, rote Punkte, die nicht das geringste Interesse daran hatten, sich märchenhaften Regeln zu beugen, die keine Rücksicht darauf nahmen, dass Schneewittchen die Tochter einer Königin war, die stets von Schönheit sprach, und eines Königs, der in seinen Kriegszügen gelernt hatte, dass Stärke und Ansehen vor allem im Gesicht beginnen, das man den Menschen zeigt, und so stand sie da, in ihrem kleinen Zimmer, vor einem Spiegel, der angeblich nur die Wahrheit sprach, und sie dachte, dass diese Wahrheit grausamer nicht sein könnte.

Natürlich bemerkte die Stiefmutter, die Königin, bald, dass etwas anders war, denn sie war in einem Maße besessen von Vergleichen und Ranglisten der Schönheit, wie es nur jene Menschen sind, die nie ganz in Frieden mit ihrem eigenen Spiegelbild leben können, und sie stellte, als sie vor ihr Zauberglas trat, die berüchtigte Frage, die schon Generationen von Kindern in Märchenbüchern nachsprechen konnten, doch diesmal erhielt sie nicht die erwartete Antwort, dass sie die Schönste im ganzen Land sei, sondern das Glas sagte mit einer gewissen Unsicherheit, dass Schneewittchen zwar noch immer schön sei, doch dass die Pickel auf ihrer Stirn ein Unentschieden zwischen Mutter und Tochter hervorriefen, was die Königin in Rage versetzte, während Schneewittchen in Scham versank, denn sie wusste, dass nicht einmal die Magie eines Spiegels stark genug war, um die Gesetze der Haut zu umgehen.

Die Flucht in den Wald, die im klassischen Märchen aus der tödlichen Eifersucht der Stiefmutter entspringt, war in dieser Version nicht das Resultat eines Mordplans, sondern die Folge einer unausgesprochenen Schamspirale, die Schneewittchen jede Begegnung mit anderen Menschen wie einen Test erscheinen ließ, den sie nicht bestehen konnte, weil sie in den Augen der Hofdamen nicht mehr das reine, unbefleckte Mädchen war, sondern ein Geschöpf, das von den Launen der Hormone gezeichnet war, und so lief sie hinaus, weit hinein in die Wälder, die nicht nur Zuflucht boten, sondern auch das Spiegelbild einer Welt, in der niemand nach dem Zustand der Haut fragte, sondern höchstens nach der Frage, ob es Beeren, Pilze oder einen trockenen Platz zum Schlafen gab.

Dort, tief im Wald, fand sie schließlich das kleine Haus der sieben Zwerge, die, wie es nun einmal ihr Wesen war, praktisch, fleißig und direkt waren, und sie fragten nicht nach dem Geheimnis der roten Punkte auf ihrer Stirn, sondern sie fragten nach ihren Fähigkeiten, ob sie kochen, putzen, aufräumen oder Geschichten erzählen könne, und Schneewittchen, die anfangs zögerte, legte bald ihre Scham ab, denn in den Gesichtern der Zwerge, die vom Leben unter Tage gezeichnet waren, fand sie nicht die kleinliche Kritik der Hofdamen, sondern Spuren von Schmutz, Falten, Narben und gelegentlich selbst kleine Hautunreinheiten, die niemanden störten, weil das Wesentliche für sie nicht der Glanz der Haut, sondern der Glanz der Seele war, den man beim Abendessen in den Augen des Gegenübers erkennen konnte.

Doch wie es mit Märchen so ist, entkommt niemand ganz der alten Ordnung, und so stand eines Tages wieder die Königin mit dem Zauberspiegel im Palast und sann auf neue Pläne, denn sie konnte nicht ertragen, dass jemand, auch wenn er mit Pickeln geschlagen war, schöner genannt wurde als sie, und sie erfand den Apfeltrick, doch diesmal war das Gift nicht der Tod, sondern eine Illusion: der Apfel versprach Schneewittchen, dass ihre Haut über Nacht rein, makellos und glatt werde, wenn sie nur hineinbiss, und Schneewittchen, die trotz aller neuen Stärke noch immer den Wunsch trug, frei von ihren roten Punkten zu sein, griff nach dem Apfel und sank in einen Schlaf, der nicht das Ende, sondern die Verkörperung eines Traumes war, in dem sie sich selbst endlich ohne Scham betrachtete.

In diesem Schlaf träumte sie von einem Leben, in dem Menschen ihre Haut nicht als Ausdruck der Persönlichkeit behandelten, sondern als Leinwand, die Falten, Narben und Unreinheiten ebenso trug wie Lächeln und Tränen, und sie träumte davon, dass Jugendliche nicht das Gefühl hätten, durch jede Pore beurteilt zu werden, sondern dass sie einfach in Ruhe groß werden dürften, mit all den Spuren, die das Leben auf ihnen hinterließ, und als sie nach langer Zeit erwachte – im Märchen bekanntlich durch den Kuss eines Prinzen, doch in dieser Fassung durch die aufmerksame Fürsorge der Zwerge, die sie schlichtweg schüttelten und ihr kaltes Wasser ins Gesicht spritzten –, da hatte sie begriffen, dass der wahre Zauber nicht darin lag, pickelfrei zu sein, sondern darin, sich selbst nicht länger von roten Punkten beherrschen zu lassen.

Und so lebte sie fortan im Wald, nicht mehr als makelloses Ideal, das im Palast von den einen angebetet und von den anderen bekämpft wurde, sondern als junge Frau, die lachen konnte, auch wenn die Stirn glänzte, die Geschichten erzählte, auch wenn auf ihrer Wange ein neuer Punkt erschien, und die dadurch den Zwillingszauber entdeckte, der stärker war als jede Hautcreme und jedes Märchenelixier: nämlich den Zauber der Gelassenheit und den Zauber der Freundschaft, die zusammen den Spiegel besiegten, der nie etwas anderes konnte, als äußere Bilder zu wiederholen, während das Herz längst eine Wahrheit kannte, die tiefer reichte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – mit ihren Pickeln, aber vor allem mit ihrem Lachen.