Der Satz als Mikrokosmos

Der Satz als Mikrokosmos

[Essay]

Der Satz als Mikrokosmos ist so etwas wie die Grundlage meines Schreibens. Nicht jeder Satz muss ein Kosmos aufspannen, aber wenn es einem Satz gelingt, ist er besonders gelungen.

Der Satz als Mikrokosmos

Müsste es nicht Ziel eines jeden Schreibenden sein, Sätze zu erschaffen, die ihren eigenen Mikrokosmos mit sich tragen, ihn nicht nur anreißen, sondern definieren, ausdefinieren gar, die eine Geschichte von Anfang bis Ende beinhalten, unabhängig von der Länge, dem Kontext und der Intensität der beschriebenen Inhalte? 

Wenn dieser Anspruch gelten würde – was nachweislich nicht der Fall ist –, dann müsste es der Anspruch eines jeden Schreibenden sein, Sätze ohne einen eigenen Mikrokosmos wieder loszulassen, quasi zu vernichten, kurz nachdem sie erschaffen wurden; doch, wer traut sich das schon? 

Die immanente Kraft des Schreibenden liegt ja gerade im Erschaffen, nicht im Zerstören, auch wenn es immer mal wieder Bestrebungen eines Zerstörens, einer Dekonstruktion, eines Vernichtens von Inhalten, Werten und Kosmen gab, die jedoch deswegen nicht überlebt haben, weil der Mensch das Erschaffen liebt – so auch die Schreibenden.

Aber ist es vielleicht am Ende zu viel verlangt, wenn ein Satz seinen eigenen Mikrokosmos besitzt, oder wäre es auch zulässig, wenn ein Satz zweckdienlich in einem Verbund von vielen Sätzen einen Mikrokosmos aufspannt, eine eigene Geschichte erzählt, eine Kontextualisierung von Phantasie und Geschehen erschafft – warum nicht?

Genau in diesem Zwiespalt, der zugegebenermaßen objektiv zugunsten eines weiter gefassten Mikrokosmosbegriffs zulässig sein muss, befinden sich jedoch einige Schreibende, die es anders machen wollen, denen es zu eigen ist, Mikrokosmos an Mikrokosmos aneinanderzureihen, um daraus – im Verbund – einen Makrokosmos entstehen zu lassen, einen größeren Verbund, der in sich konsistent und zielgerichtet ist. 

Bedeutet dieser Anspruch, dass jeder Satz seinen eigenen Mikrokosmos hat, dass ein Leser jede beliebige Stelle eines Makrokosmostextes aufschlagen könnte, einen x-beliebigen Satz liest und dann den Mikrokosmos singulär begreifen und einordnen könnte? Das wäre sicherlich die allerhöchste Kunst, wenn einem Schreibenden dies gelänge, doch in der Realität mag es sicherlich vorkommen, dass einzelne Sätze einen allgemeinverständlichen Mikrokosmos besitzen, doch die Wahrscheinlichkeit ist recht gering, allerhöchstens, wenn es sich um ein allgemeines und kontextloses Thema handelt, das beschrieben wird. 

Warum also dieser Aufriss, der einem Aufstand gleichkommt? Um einen Anspruch zu beschreiben, der kaum erfüllbar ist: Aber sollten Ansprüche nicht so gewählt sein, dass es sehr schwierig ist, diese zu erfüllen, damit man sich weiter anstrengt, nicht aufgibt, nicht abbricht, sondern weitergeht, weiter daran feilt, bis die maximale Umsetzung erreicht ist, bis es wirklich nicht mehr weitergeht? 

Der Satz als Mikrokosmos ist letzten Endes ein Gedankenkonstrukt, basierend auf einer fixen Idee, die wohl niemals erreichbar ist, aber als Anspruch die Motivation hochhalten kann, gewagtere und immer gewagtere Satzkonstruktionen zu versuchen, um möglichst nahe an das Ideal zu gelangen. Doch der Schreibende muss sich dessen gewiss sein, dass damit die Leserschaft geringer und geringer wird und am Ende nur noch diejenigen Leser übrigbleiben, die an Konstrukten und weniger an Inhalten – trotz all der Mikro- und Makrokosmen – ihren Spaß finden. Aber so sei es nun mal!