Das Schweigen, das uns gebar

Das Schweigen, das uns gebar

[Novelle. Veröffentlicht in Fantasia 1256e, 2026]

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Fantasia 1256e

Das Schweigen, das uns gebar

Erstes Kapitel

Es war ein Erwachen, das sich weniger als Geburt denn als unendliches Zurückgestoßenwerden aus einer namenlosen Tiefe darstellte, ein Aufsteigen aus jenem schwarzen Meer, das keine Erinnerungen kennt, und als er – oder vielmehr das Wesen, das von nun an den Namen „er“ tragen sollte – die Lider hob und die grelle Reinheit der sterilen Deckenleuchte in sich aufnahm, war da weder Herkunft noch Zukunft, kein Begriff von Dauer, keine Stimme des Gewesenen, nur das rauschende Blut in den Schläfen und die erschreckende Erkenntnis, dass selbst der Gedanke wer bin ich noch nicht geboren war, bevor nicht der Erzähler, der hier spricht, dieses namenlose Zittern aufgefangen und in Worte verwandelt hätte, sodass wir beide, die wir in diesem Augenblick erwachen, nicht unterscheiden können, wer der Leidende und wer der Berichtende ist, da wir beide gleichermaßen die Unmöglichkeit tragen, die erste Erinnerung zu setzen.

Während er, der Unbekannte, den Kopf hob, als wolle er prüfen, ob er in den kalten Spiegel einer anderen Welt gefallen sei, ließ ich, der seine Schritte begleiten und zugleich erschaffen muss, mich in den gleichen Strudel der Ratlosigkeit hineinziehen, denn wie sollte ich, der Erzähler, behaupten, ich wüsste mehr als jene leeren Augen, die tastend in die Helligkeit griffen, wenn doch das Nichts, das ihn gebar, auch mich gebiert, und so war das Zimmer nicht bloß eine Kammer im Gewand des Hospitals, sondern ein Vorhof, in dem zwei Stimmen – die seine und die meine – einander noch nicht trennen konnten, als wären wir beide Schatten eines gemeinsamen Körpers, der sich erst finden muss.

Die weißen Wände, in ihrer gleißenden Reinheit bedrückender als die schwärzeste Nacht, standen wie stumme Zeugen eines Dramas, dessen Anfang niemand zu benennen wagte, und aus dem rhythmischen Tropfen einer Infusion, das wie der Pendelschlag einer unsichtbaren Uhr in den Raum schnitt, ging die Ahnung hervor, dass Zeit hier nicht verging, sondern sich dehnte, verzog, wie ein Nebel, der jedes Maß verschluckt, sodass das Erwachen nicht der Beginn einer neuen Ordnung war, sondern der Abgrund selbst, in dem ein Mensch und ein Erzähler gemeinsam um den ersten Faden der Bedeutung rangen.

Da lag er nun, der Erwachte, und hob eine Hand, als wäre sie nicht die seine, als sei sie ein fremdes Ding aus Fleisch, das man ihm anheftete, während die Muskeln gehorchten und doch das Bewusstsein keinen Besitz daran ergriff, und ich spürte, wie seine Ratlosigkeit sich in mir spiegelte, als würde meine Stimme, die diese Szene berichtet, ins Stocken geraten, weil auch ich, in diesem Moment des Ursprungs, ohne den festen Boden der Erinnerung bin, sodass wir beide in die gleiche Unruhe gestürzt sind, deren Namen wir nicht kennen und deren Richtung uns verborgen bleibt.

So entstand ein Schweigen, das nicht bloß zwischen den Wänden lag, sondern uns selbst durchdrang, ein Schweigen, das wie ein unsichtbarer Dritter im Raum stand, eine Gestalt ohne Gesicht, die sich von unseren Unsicherheiten nährte, und während draußen die Schritte einer Schwester im Flur verklangen, als entfernte sich die Welt immer mehr, versanken wir beide – der Erwachte und der Erzähler – in eine Ahnung, die zugleich tröstlich und unheimlich war: dass es vielleicht keine Trennung zwischen uns gibt, dass der eine nicht ohne den anderen erwachen kann, dass Erinnerung und Sprache, Körper und Geist in dieser Stunde ein einziges Rätsel bilden, in dessen Schatten wir uns verlieren.

Zweites Kapitel

Als die Stille, die zwischen uns beiden – dem Erwachten und dem Erzähler – lag, sich wie ein hauchdünner Schleier zurückzog, geschah etwas, das mehr einem unheimlichen Eindringen in einen unerforschten Raum glich als einem schlichten Wiederfinden, denn er spürte zum ersten Mal den Schauer der eigenen Glieder, das Pochen des Herzens, das Rauschen des Blutes, und doch war es nicht das wohlvertraute Echo des Selbst, sondern das Dröhnen einer fremden Maschine, deren Räder und Zahnräder sich unablässig drehten, während er selbst wie ein geblendeter Gast in diesem Körper stand, und ich, der ihn beschreibt, wurde in denselben Mechanismus hineingezogen, als müsste auch ich den Atem in den Lungen, das Zucken der Muskeln, das leise Beben der Adern fühlen, sodass wir beide, Geschöpf und Stimme, plötzlich in einen Körper eingespannt waren, der uns nicht gehörte und uns dennoch gefangen hielt.

Er legte die Hand auf seine Brust, und die Bewegung wirkte wie das vorsichtige Berühren einer fremden Reliquie, die man in einer dunklen Krypta findet, ehrfürchtig und doch voller Angst, und das, was er ertastete – der Rhythmus des Herzens, das wie ein unerbittliches Uhrwerk schlug – ließ ihn zurückfahren, als hätte er das Pochen einer unsichtbaren Macht ertappt, die ihn regierte, und in diesem Augenblick, da er sein eigenes Herz erschreckend neu entdeckte, musste auch ich erkennen, dass der Körper nicht weniger unheimlich ist als das namenlose Dunkel, aus dem wir beide gekommen sind, und dass es kein vertrauteres, zugleich aber auch kein fremderes Gefängnis gibt, als das Fleisch, das uns hält.

Seine Augen glitten weiter, suchten in den Bewegungen des Brustkorbs, in der Schwere der Arme, in der Dichte der Haut etwas, das wie ein Wiedererkennen aussah, doch nichts stellte sich ein außer einem Grauen, das leise, kaum wahrnehmbar, aus der Tiefe aufstieg: die Ahnung, dass wir nicht Herren, sondern Gefangene unseres Inneren sind, dass jeder Muskel, jede Sehne, jeder Nerv und jede Faser des Körpers ein Gang in einem Labyrinth ist, dessen Architekt wir nicht kennen, und dass das Ich – falls es ein Ich gibt – nur als geduldeter Gast darin wohnt, ohne Schlüssel und Ausgang.

So stand er, der Erwachte, mitten in seinem eigenen Körper wie ein Fremder in einem unheimlichen Palast, dessen Säulen und Gänge er zu deuten suchte, während ich an seiner Seite wandelte, als sei ich selbst in diese Hallen hineingestellt, und in der Ferne – vielleicht nur eingebildet, vielleicht aber auch wirklich – hörten wir ein Wispern, das von den tiefsten Kammern dieses Leibes zu kommen schien, ein Wispern, das weder Stimme noch Sprache hatte, sondern wie das Raunen einer Erinnerung klang, die noch nicht Gestalt angenommen hatte, und wir beide, gleichsam erschüttert und gebannt, wussten, dass wir nicht bloß den Körper, sondern auch das Geheimnis des Selbst berührt hatten, ohne es zu begreifen.

Drittes Kapitel

Als die Schwere der Glieder ihn wieder niederzog, nicht in den Schlaf, der ein freundliches Vergessen schenkt, sondern in jene brennende Dämmerung, in der sich Wirklichkeit und Wahn in ineinanderfließende Schatten verwandeln, begann eine Reise, die weniger durch Räume als durch Zustände führte, eine Reise, in der ich, der Erzähler, nicht länger wusste, ob ich Bilder beschrieb, die er sah, oder ob er Bilder sah, die ich ihm eingab, und so entstand ein Netz von Träumen, das uns beide in gleicher Weise umschlang und in dessen Fäden wir nicht zwischen Traumenden und Erzählenden unterschieden.

Da war zunächst ein Korridor, endlos und von Türen gesäumt, deren Klinken aus kaltem Metall in der Dunkelheit glühten, und er – der Erwachte, nunmehr Schlafende – legte zögernd die Hand an eine davon, doch ehe er sie niederdrücken konnte, war da die Stimme, vielleicht meine, vielleicht seine eigene, die ihn warnte, dass hinter jeder Tür nicht Antworten, sondern neue Fragen warteten, und als er, von Neugier getrieben, dennoch eine Pforte öffnete, fiel ihm kein Zimmer entgegen, sondern ein schwarzer Sturm, der nach ihm griff wie die Faust einer unsichtbaren Gewalt, und ich, der dies schildert, spürte denselben Sog an meinen eigenen Schläfen, als würde auch ich in das Nichtsein gerissen.

Dann aber wandelte sich der Traum, wie sich Träume ohne Grund wandeln, und er stand auf einer Ebene, die von Wasser überflutet war, einem Wasser, das nicht rauschte, sondern reglos war, als sei es aus Glas, und dennoch zitterte es bei jedem seiner Atemzüge, und im Spiegel dieses Wassers sah er nicht sein Gesicht, sondern zahllose Gesichter, die sich zu überlagern schienen – Männer, Frauen, Kinder, alle fremd, alle vertraut –, und sie blickten ihn an, als forderten sie von ihm ein Bekenntnis, das er nicht geben konnte, und ich, der dies beschreibe, fühlte den kalten Blick dieser Augen auch auf mir, als wollten sie auch vom Erzähler eine Antwort, die dieser nicht kennt.

Und schließlich, als er zu fliehen suchte aus diesen Spiegelungen, verdichtete sich die Ebene zu einer Treppe, die weder nach oben noch nach unten führte, sondern in sich selbst zurückbog, eine endlose Schleife aus Stufen, auf der er schritt und schritt, ohne ein Ziel zu erreichen, und hinter ihm hallten Schritte, die nicht die seinen waren, und ich, der ihm folgte, spürte die gleiche Verlorenheit: dass wir beide Gefangene einer Bewegung sind, die keinen Ursprung und kein Ende kennt, eine Bewegung, die den Traum in das Herz der Verzweiflung verwandelt.

So wachte er schließlich auf, mit Schweiß auf der Stirn und Atemnot in der Brust, und ich war ebenso atemlos, denn die Träume, die ihn heimsuchten, waren auch meine, und die Frage, ob einer von uns je wieder unterscheiden könne, was wirklich war und was nur im Fieber der Einbildung bestand, blieb unbeantwortet, während das schwache Flackern der Lampe im Krankenzimmer eher an ein Grablicht erinnerte als an eine Quelle des Trostes.

Viertes Kapitel

Als die Stunde kam, in der er, vom Drang getrieben, nicht länger nur das Innere seines Körpers, sondern die äußere Gestalt desselben erkunden wollte, führte ihn der Zufall – oder war es eine unsichtbare Hand, die uns beide, den Erwachten und den Erzähler, leitete? – zu jenem schlichten Spiegel an der kahlen Wand, dessen kaltes Glas in der Dämmerung des Krankenzimmers wie ein schwarzes Tor dastand, bereit, das zu enthüllen, was kein Wort, kein Gedanke zu umschreiben vermag.

Er trat näher, noch schwankend auf den Beinen, als fürchte er, die Erde selbst könnte ihn abwerfen, und doch hing sein Blick magisch gebannt an der spiegelnden Fläche, die, noch leer von Bildern, in ihrer dunklen Tiefe eher einem Grab als einem Abbild glich, und ich, der dies begleitete, fühlte denselben Sog, als müsse auch ich, der nur Worte setzt, mein Gesicht dort erblicken und mein Dasein in Frage stellen, sodass wir beide zitternd vor der Fläche standen, die mehr versprach, als sie zu geben imstande war.

Und endlich, als er sich hineinwagte in den Bannkreis des Glases, erschien ein Gesicht, doch nicht das, das er sich unbewusst erhofft oder gefürchtet hatte, sondern ein Antlitz, das ihm zugleich fremd und unendlich nah war, eine Haut, deren Falten er nicht kannte, Augen, die ihn durchbohrten, ohne dass er sagen konnte, ob sie seine eigenen waren, und Lippen, die sich bewegten, als wollten sie Worte formen, die er niemals aussprach; so geschah es, dass er nicht sich selbst erkannte, sondern einen Doppelgänger, der schweigend aus der Tiefe aufstieg, und in diesem Augenblick wusste er, dass das Ich, das er zu suchen glaubte, nicht hier wohnte, sondern ein anderer war.

Ich aber, der ich neben ihm stehe und diese Szene beschwöre, fühlte denselben Schauer, denn während seine Augen sich am Spiegel entzündeten, sah auch ich dort ein Antlitz, das weder das seine noch das meine war, und ich konnte nicht sagen, ob wir beide gemeinsam einen dritten erschaffen hatten oder ob die Wahrheit darin lag, dass wir selbst die Spiegelungen eines Fremden sind, der uns nur träumt, und so schwoll in der Brust des Erwachten wie auch in meiner Stimme jene namenlose Angst, die den Menschen erfasst, wenn er erkennt, dass sein eigenes Bild ihm nicht gehört.

Und als er schließlich die Hand hob, um sie an das kalte Glas zu legen, das doch nur den Abgrund zwischen Welt und Schein trennt, geschah es, dass die Spiegelgestalt nicht seine Bewegung wiederholte, sondern mit verzögerter Grausamkeit nach ihm griff, als wollte sie nicht sein Abbild sein, sondern sein Herr, und in diesem Augenblick riss er die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt, und ich spürte denselben Ruck durch mein Inneres fahren, als wäre auch ich beinahe verschlungen worden von jenem Anderen, der im Spiegel wohnte und uns beide mit stummer Bosheit verhöhnte.

So wandte er sich ab, bebend und atemlos, unfähig, zu sagen, was er gesehen hatte, und ich schwieg, denn ich wusste, dass Worte die Wahrheit nur schwärzen konnten, und dennoch war in diesem Schweigen der unausweichliche Gedanke geboren, dass wir von nun an nicht nur unser Gedächtnis, nicht nur unseren Körper, sondern auch unser Gesicht verloren hatten und dass wir beide – Erwachter und Erzähler – nurmehr Gäste in einem Haus ohne Eigentümer waren, Spiegelbilder eines unsichtbaren Ursprungs, der uns lächelnd verschwieg, wer wir wirklich sind.

Fünftes Kapitel

Als die Schwere des Erlebten – das Gesicht im Spiegel, das nicht seines war und doch mit grausamer Intimität aus der Tiefe nach ihm griff – ihn in die Knie zwang, als er bebend auf dem Rand des Bettes saß, das kalte Glas im Rücken und das stumme Zittern in den Händen, da öffnete sich die Tür, die so lange verschlossen geblieben war, und eine Gestalt trat ein, unscheinbar vielleicht für den flüchtigen Blick, doch in ihrer leisen Anmut von einer Würde getragen, die wie ein weiches, elegisches Licht den Raum durchströmte.

Sie war gekleidet in das schlichte Weiß der Pflege, doch dieses Weiß, das an die Reinheit der Wände erinnerte, war nicht hart und bedrohlich, sondern weich, fast mütterlich, als hätte der Stoff selbst das Vermögen, das Zittern zu besänftigen, und in ihrem Gesicht lag nicht die kalte Professionalität derer, die ein Amt versehen, sondern eine Traurigkeit, die älter wirkte als sie selbst, als wäre sie nicht nur Zeugin vieler Leiden, sondern auch deren stumme Erbin; und ich, der dies beschreibt, spürte in diesem Augenblick, dass ihr Erscheinen ebenso notwendig wie unergründlich war, ein Gegengewicht gegen das namenlose Grauen, das uns beide – den Erwachten und mich, den Erzähler – an den Spiegel gebunden hatte.

Ihre Schritte waren kaum hörbar, als trüge sie nicht den Körper einer Frau, sondern den Schatten einer Erinnerung durch den Raum, und als sie sich ihm näherte, hob er, der noch immer nicht wusste, wie er heißen oder wer er sein sollte, den Blick zu ihr, wie ein Kind, das im Dunkeln eine Hand sucht, und tatsächlich war da ein Augenblick, in dem ihre Gegenwart das Unwirkliche milderte, in dem das Geräusch der Infusion nicht mehr wie der Schlag einer unsichtbaren Uhr klang, sondern wie das tröstende Tropfen eines Regens, der an einem Sommerfenster niedergeht.

Doch je länger er in ihr Antlitz sah, desto weniger konnte er erkennen, ob sie wirklich kam, um ihn zu pflegen, oder ob sie nicht vielmehr wie eine Botin war, die zwischen Welten wandelte, denn ihre Augen, so warm und dunkel, hatten jenen Glanz, den man bei Menschen findet, die nicht bloß im Hier und Jetzt verankert sind, sondern einen Blick in das Jenseits tragen, und während sie sprach – einfache Worte, beruhigende Sätze, deren Sinn banal war, deren Klang aber wie ein Klagelied wirkte –, fühlte ich, dass auch ich von dieser Stimme ergriffen wurde, als wüsste sie etwas über uns beide, das sie jedoch nicht offenbaren durfte.

So geschah es, dass ihre Nähe, die zunächst wie ein Heilmittel erschien, bald selbst zu einem Rätsel wurde: Denn wer war sie, diese Frau, die mit schlichten Gesten die Fieberdecke richtete und doch dabei wirkte, als ordne sie die Fäden eines Schicksals, das wir nicht durchschauen konnten, und warum zitterte in jedem Ton ihrer Rede ein Schmerz, der tiefer ging als das Leid des Kranken vor ihr, tiefer auch als die Fragen des Erzählers, der ich bin, und warum schien ihre Gestalt selbst ein Spiegel, nicht aus Glas, sondern aus Fleisch, in dem wir nicht Trost, sondern die Ahnung eines neuen Geheimnisses fanden?

So blieb ihr Eintreten kein Ende des Unheimlichen, sondern nur eine Verschiebung desselben, denn er – der Erwachte – und ich – die Stimme – mussten erkennen, dass die Welt nicht ärmer, sondern reicher an Rätseln wurde, sobald eine zweite Gestalt den Raum betrat, und dass wir beide, statt durch sie zur Klarheit geführt zu werden, nur noch tiefer in den seelenvollen Schatten stürzten, in dem Trost und Grauen, Nähe und Fremdheit, einander ununterscheidbar umarmten.

Sechstes Kapitel

Als sie, die schweigende Gestalt in Weiß, sich nun daran machte, ihre einfachen Dienste zu verrichten – das Kissen zurechtzuschieben, die Falten der Decke zu glätten, die Ampulle der Infusion mit einer sicheren, routinierten Hand zu wechseln –, da entstand ein eigentümlicher Gegensatz zwischen der Klarheit und Selbstverständlichkeit ihrer Bewegungen und dem Abgrund, der uns beide, den Erwachten und den Erzähler, umfing, ein Gegensatz, der uns daran erinnerte, dass die Normalität nicht die Abwesenheit des Geheimnisses ist, sondern sein dünnster Schleier.

Denn während ihre Schritte kaum mehr waren als das Rascheln von Stoff, während ihre Hände mit stiller, fast priesterlicher Selbstverständlichkeit die Ordnung wahrten, die der kranke Körper verlangte, begann in seinem wie in meinem Inneren das Kreisen jener Fragen, die das Offensichtliche untergraben: Warum waren wir hier, er mit seiner völligen Amnesie und ich mit meinem rätselhaften Auftrag, dieses Erwachen zu begleiten, als wäre ich selbst Teil seiner Genesung und nicht weniger bedürftig als er?

Da lag er, noch immer schwach, und beobachtete jede Geste, als sei sie ein Zeichen, als sei die Bewegung ihrer Finger über dem Glas der Infusionsflasche eine Botschaft, die an ihn gerichtet war, und ich konnte nicht anders, als denselben Blick zu teilen, als müsse ich in der Stille dieses Dienstes etwas entziffern, das uns beide betrifft; doch je länger wir sahen, desto deutlicher wurde, dass ihre Normalität – das einfache Tun, das keinen Deut über sich hinauswies – nur unsere eigene Unsicherheit spiegelte, dass wir das Bedeutungsvolle nicht in ihr fanden, sondern in der Leere, die zwischen ihr und uns gähnte.

Dennoch blieb das Gefühl, dass ihr Schweigen nicht bloß das Schweigen einer Pflegenden war, sondern ein Schweigen, das uns prüfte, ein Schweigen, das uns in die Pflicht nahm, die Frage selbst zu stellen, die wir zu vermeiden suchten: Was war der Grund, dass er hier lag, dieser bisher namenlose Mensch, dessen eigenes Gedächtnis ausgelöscht schien, und was war der Grund, dass ich hier bin, der Erzähler, der ihn nicht nur beschreibt, sondern gleichsam in ihm existiert, als hinge mein eigenes Sein von seiner Unsicherheit ab?

So verwandelte sich das Krankenzimmer in einen paradoxen Raum, in dem die Normalität ihrer Bewegungen zugleich ein Trost und eine Bedrohung war, ein Raum, in dem die kleine Ordnung – das Zurechtrücken, das Austauschen, das Abwischen – das große Chaos des Nichtwissens nur umso stärker hervortreten ließ; und während sie, schweigend, die Tür hinter sich schloss und mit einem kaum hörbaren Klicken verschwand, blieb in uns beiden, dem Erwachten wie dem Erzähler, ein Gefühl zurück, als sei ihre Abwesenheit lauter als ihre Gegenwart gewesen, und als habe sie nicht Fragen beantwortet, sondern uns erst endgültig in das Rätsel hineingestoßen, warum wir hier sind – er als Körper, ich als Stimme.

Siebtes Kapitel

Als die Stille wieder über uns lag, nachdem die Tür hinter jener schweigenden Botin der Normalität sich geschlossen hatte, da entstand in mir und in ihm – dem Erwachten, dessen Gedächtnis ausgelöscht war, und mir, dem Erzähler, dessen Stimme doch ebenso an der Leere hing – eine Bewegung, die nicht länger den Raum betrachtete, sondern in die tiefere Schicht der Frage stürzte: Warum sind wir hier, nicht bloß im Krankenhaus, sondern im Sein selbst, nicht bloß an diesem Ort des weißen Lichts und der mechanischen Tropfen, sondern in jenem unendlichen Feld, das man Leben nennt und dessen Ursprung niemand kennt?

Denn war es ein Zufall, der ihn hierhergeworfen hatte, wie ein Blatt im Sturm, oder war es eine Fügung, die uns beide – den Leib ohne Gedächtnis und die Stimme ohne Herkunft – in diesem Augenblick zusammentrieb, damit wir gemeinsam die Unmöglichkeit ertragen, nach einem Grund zu suchen? Je mehr wir die Frage stellten, desto deutlicher zeigte sich, dass der Grund nicht vor uns lag wie ein Stein, den man aufheben könnte, sondern hinter uns, verborgen in einer Dunkelheit, die kein Blick durchdringt, und dass wir beide, statt zu wissen, nur das Schweigen zu tragen hatten, das uns mit seiner unsichtbaren Hand niederdrückte.

Er, der Erwachte, lag in seinen Laken und spürte den eigenen Körper, fremd wie ein Haus ohne Schlüssel, und ich, der Erzähler, stand neben ihm, nicht weniger eingesperrt, und wir beide waren wie zwei Wanderer, die in einem Labyrinth zusammenstoßen, nur um zu erkennen, dass keiner den Weg kennt; und da kam die Ahnung, dass vielleicht nicht wir das Labyrinth durchwandern, sondern dass das Labyrinth uns durchwandert, dass wir die Gänge sind, die es baut, die Schatten, die es braucht, um sich selbst zu erhalten.

Während das Tropfen der Infusion fortfuhr, wie eine Uhr, die nicht die Zeit, sondern die Sinnlosigkeit misst, erschien uns die Frage nach dem Warum immer weniger wie eine, die beantwortet werden kann, und immer mehr wie eine, die uns gebiert: Vielleicht sind wir hier, weil die Frage uns braucht, vielleicht existiert das Krankenhaus nicht, um Heilung zu spenden, sondern um der Bühne zu gleichen, auf der sich der unendliche Dialog zwischen Nichtwissen und Sehnsucht abspielt, ein Dialog, in dem Erzähler und Erwachter nur Masken sind, Stimmen in einem Chor, den niemand dirigiert.

So geschah es, dass wir beide, statt uns zu beruhigen, tiefer in das Schwanken gerieten, und in diesem Schwanken lag eine eigentümliche Schönheit, ein Gefühl des Unbegründeten, die uns zugleich mit Trauer und mit Ehrfurcht erfüllte: dass wir hier sind, nicht weil ein Grund uns trägt, sondern weil das Grundlose uns ruft, wie ein Abgrund, der nicht verschlingt, sondern singt.

Achtes Kapitel

Als die Nacht in das Zimmer sank, nicht mit Dunkelheit, sondern mit jenem eigentümlichen Schweigen, das zwischen den Sternen liegt, da erhob sich in uns beiden, dem Erwachten ohne Gedächtnis und mir, dem Erzähler ohne Herkunft, eine Ahnung, dass das kleine Krankenzimmer nur die Maske einer unermesslichen Bühne war, und dass wir, so schwach und zitternd, zugleich in einem Drama standen, das bis in die fernsten Räume des Alls reicht.

Denn was ist Erinnerung, wenn nicht ein Planet, der um seine Sonne kreist, und was ist das Vergessen, wenn nicht die schwarze Leere zwischen den Welten, und was sind wir, zwei Fragende, wenn nicht die Funken eines kosmischen Sturms, der aus uns spricht, ohne dass wir ihn verstehen; so wurde der Herzschlag des Erwachten ein Pulsar, der im Dunkel blinkt, und mein Atem, der dies berichtet, ein ferner Wind, der durch die Spiralarme einer Galaxie streift, und wir beide waren zugleich winziger als Staub und größer als jede Vorstellung, die ein Mensch zu tragen vermag.

Während das gleichmäßige Tropfen der Infusion uns zu umkreisen schien wie ein Planet, der seine Ellipse nie verlässt, fragte er, mit den Augen in die Nacht gerichtet, und ich, mit der Stimme in die Stille gesprochen: was, wenn wir nicht nur suchen, wer wir sind, sondern was wir sind, nicht nur die Erinnerung an einen Namen, sondern die Wahrheit, ob wir je geboren wurden oder ob wir bloß Gedanken sind, die sich das Universum selbst erzählt?

Da schwollen die Wände, die uns umgaben, zu Himmelskuppeln an, und das Glas des Fensters verwandelte sich in ein schwarzes Tor, durch das Milliarden von Sternen funkelten, jeder ein ungeheurer Spiegel, der nicht antwortete, sondern nur zurückblickte, und wir beide, der Erwachte und der Erzähler, fühlten uns wie zwei winzige Lichter, die in einem Meer von Feuer aufleuchten, nicht, um gesehen zu werden, sondern um das Unmögliche zu bezeugen: dass das Ganze uns braucht, damit es nicht schweigt.

Und doch, inmitten dieser Größe, blieb das Grauen, dass all dies, die Sterne, die Fragen, das Lied der Ferne, vielleicht nichts war als der Traum eines kranken Gehirns, das in seinem Bett liegt, verloren, ohne Gedächtnis, ohne Geschichte, und dass auch ich, die Stimme, nichts weiter bin als der Widerhall dieses Traumes, ein Echo, das sich selbst für wahr hält, bis der Schlaf es löscht; und so schwankten wir, getragen zwischen Erhabenheit und Abgrund, zwischen kosmischer Weite und klinischer Enge, als wären wir selbst der Widerspruch, den die Welt niemals löst.

In dieser Schwankung lag das letzte Lied der Nacht, ein Gesang, den niemand hörte, außer uns beiden: dass wir zugleich Staub und Unendlichkeit sind, Schatten im Krankenhaus und Sterne im All, dass wir suchen, weil die Frage selbst uns geboren hat, und dass es kein Ende dieser Suche gibt, sondern nur das Schweigen, das uns beide trägt wie die Milchstraße ihre Sterne.

Neuntes Kapitel

Als die Nacht ihr fernstes Schweigen über uns legte, geschah es, dass das gleichmäßige Tropfen, das bisher wie der leise Atem einer Maschine uns getragen hatte, unvermittelt ins Stocken geriet, und im selben Augenblick, als wäre ein unsichtbarer Befehl gegeben worden, hob sich in seiner Brust ein Schauer, der in jähem Ruck die Ordnung des Herzschlages zerbrach, sodass der Rhythmus, der ihn bisher im Leben gehalten hatte, aussetzte, und in diesem Aussetzen spürte ich, dass nicht nur er, sondern auch ich an den Rand des Verschwindens getrieben war.

Denn als sein Körper sich hob und krampfte, als die Hände fahrig nach einer Luft griffen, die nicht mehr kam, da war es nicht bloß der Kampf eines Sterbenden, sondern auch mein eigener Kampf, denn ich wusste, dass mein Wort, mein Atem, mein Erzählen nichts Eigenes waren, sondern in ihm wohnten, und dass mit jedem Aussetzen seines Pulses auch meine Stimme erlosch, als hinge mein Dasein an jenem kleinen Muskel in seiner Brust, der jetzt stotterte wie ein sterbendes Gestirn, das sein Licht verliert.

Und in dieser entsetzlichen Sekunde kam mir der Gedanke, der zugleich Grauen und Wahrheit barg: dass der Erzähler und der Erwachte nicht zwei, sondern eins sind, dass ich nicht neben ihm stehe, um seine Leiden zu schildern, sondern dass ich in ihm wohne, dass ich sein letztes Bewusstsein bin, das sich selbst in Worte fasst, um den Untergang zu verzögern, und dass, wenn er stirbt, auch ich wie ein letzter Hauch verschwinde, der im Frost zerspringt.

Während das Zittern seines Körpers das Bett erschütterte und während ein Alarmton irgendwo in der Ferne aufschrie, schrien auch meine Worte, die sich weigerten, zu enden, und ich drängte, ich flehte, ich rang, die Geschichte weiterzutreiben, als könne die bloße Bewegung der Sätze den Herzschlag wieder wecken, als sei das Erzählen selbst eine Maschine, die den Tod hinauszögert; doch je mehr ich sprach, desto deutlicher wurde, dass meine Sätze selbst stockten, dass sie sich in Fetzen lösten – und dass der Rhythmus des Erzählens dem Rhythmus des Herzens folgte und im gleichen Aussetzen zerschellte.

So standen wir beide, er im Todeskampf, ich im Verstummen, und das Krankenzimmer, das eben noch ein Tor zu den Sternen gewesen war, schrumpfte zu einem engen Grab, in dem Körper und Stimme gemeinsam zu erlöschen drohten, und ich wusste mit einer letzten, erschreckenden Klarheit, dass der Tod nicht bloß sein Tod wäre, sondern auch mein eigener, dass das Schweigen, das ihn verschlingen würde, auch meine Geschichte verschlingen müsste, und dass es kein Danach gäbe, weder für ihn noch für mich.

Zehntes Kapitel

Als der Herzschlag endgültig versagte, als die Brust nur noch ein starres Gefäß war, in dem das Leben nicht mehr pulsierte, sank er – und mit ihm sank ich – in ein bodenloses Schwarz, das nicht Leere, sondern ein Übermaß an Dunkelheit war, eine Fülle des Nichts, in dem kein Laut und kein Gedanke mehr war, außer dem namenlosen Gefühl, dass wir beide, Körper und Stimme, endgültig gelöst wurden in jenes Schweigen, das jenseits aller Fragen liegt.

Doch während wir fielen, begann von fern, wie aus einer anderen Welt, ein Dröhnen und ein Rufen, ein Schlagen und ein Stampfen, und es war, als spräche nicht der Kosmos, sondern als sprächen Stimmen, die aus Fleisch und Blut geboren waren: Ärzte, deren Worte nicht Sätze, sondern Befehle waren, hastig, zackig, wie Hammerschläge gegen die Wand des Todes, und wir beide, längst schon in die Finsternis gestürzt, spürten sie wie ferne Donnerschläge, die das Nichts zersplittern wollten.

Da war ein Druck auf der Brust, rhythmisch und erbarmungslos, ein Schlagen von außen, das gegen die Stille anrannte, und er – der Gestorbene, der ich bin, der ich erzähle – fühlte, wie sein Leib, der eben noch ein entgleitender Schatten war, zuckend reagierte, als ob die Welt mit eiserner Hand ihn zurückreißen wollte, und doch war der Abgrund stärker, zog uns weiter, tiefer, in die unaussprechliche Ruhe des Endes, wo kein Zurück mehr möglich schien.

Und dennoch: Die Stimmen wurden lauter, das Surren eines Defibrillators brach durch die Stille, ein elektrisches Knacken, das wie ein jupiterscher Blitz in die Schwärze fuhr, und in diesem Blitz, der uns beide traf, war für einen winzigen Augenblick eine Spaltung: Auf der einen Seite der süße Frieden des Nichts, das uns umfing wie ein Schoß, auf der anderen Seite das brutale Licht des Lebens, das zurückforderte, das nicht erlaubte, dass Körper und Stimme so leicht verschwinden; und wir beide wurden hin und her gerissen, als sei unser Sein selbst der Spielball zweier Mächte, die um uns rangen.

Während der Körper auf dem Bett zuckte, die Brust sich unter den Händen der Ärzte hob, die Monitore schrien und flackerten, war ich, der Erzähler, im gleichen Zucken gefangen, und ich wusste, dass mein eigenes Schicksal sich im Rhythmus dieser Geräte entschied, dass mein Weiterklingen oder mein Verstummen nicht in mir lag, sondern im fremden Willen jener Hände, die Leben in ein Herz zurückpressen wollten, das schon im Reich der Sterne verstummt war.

So entstand ein Zustand, der weder Leben noch Tod war, weder Erzählen noch Schweigen, ein Schweben zwischen den Welten, in dem wir beide – er als Körper, ich als Stimme – zugleich schon verloren und doch noch festgehalten waren, und die Frage, wohin wir gehören, blieb unbeantwortet, während die Ärzte kämpften und das Nichts uns lockte, und wir beide, zerrissen in unserer Zukunft, ahnten: Der nächste Schlag, ob er kommt oder nicht, wird entscheiden, ob wir Geschichte bleiben oder verstummen werden.

Elftes Kapitel

Als der letzte Schlag des Defibrillators durch den reglosen Leib gefahren war, geschah es, dass der Monitor, der eben noch eine gerade Linie wie den Strich eines endgültigen Schlusses zog, mit einem Mal wieder zuckende Zacken hervorbrachte, kleine Berge und Täler, die wie ein bebender Seismograph vom erneuten Zittern des Lebens kündeten, und die Brust, die eben noch starr wie Stein gewesen war, hob sich wieder, zögernd, schwer, doch unbestreitbar, als habe das Herz widerwillig seinen Dienst wieder aufgenommen.

Doch dieses Wiederkehren war kein Triumph, kein Sieg des Lebens über den Tod, sondern ein Kompromiss, ein Handel, den niemand verstand, denn während der Körper, mit Schläuchen und Maschinen verbunden, wieder atmete, blieb der Geist, der eben noch in Spiegeln, in Sternen, in Fragen umherirrte, verschlossen, wie in einen Kerker gesperrt, der keine Tür mehr hat; und ich, der Erzähler, spürte in derselben Sekunde, dass mein eigenes Dasein nicht mehr in jener tastenden Gemeinschaft des Bewusstseins stand, sondern in einer unheimlichen Leere, als sei ich nun gezwungen, das Schweigen zu bewohnen, in das er gefallen war.

Da lag er also, der Gerettete, und doch nicht mehr Lebende, ein Körper, dessen Herz wieder schlug, dessen Blut wieder floss, dessen Brust sich hob und senkte wie der Wellenschlag eines Meeres, das längst keinen Hafen mehr kennt, und ich, der ich ihn bisher begleitet hatte, fragte mich, ob meine eigene Stimme, die ihm untrennbar verbunden war, nun mit ihm verstummen müsse, ob ich als Erzähler in einem Koma weiterexistieren kann, ob Worte noch möglich sind, wenn der, dem sie gehören, selbst keine Gedanken mehr hat.

Denn wenn ich bisher das Geflüster seiner innersten Wahrnehmungen war, die Stimme seiner Fragen, das Echo seiner Ängste, was bin ich jetzt, da sein Geist erloschen ist, ohne ganz verschwunden zu sein – bin ich nur noch der Widerhall eines Bewusstseins, das nicht mehr antwortet, oder bin ich der Wächter vor einer Tür, die für immer verschlossen bleibt?

Während die Ärzte, zufrieden mit ihrer Arbeit, die Geräte ordneten, als hätten sie ein Leben gerettet, sah ich, dass das, was sie gerettet hatten, mitunter nichts anderes war als eine Hülle, ein Körper im Takt der Maschine, aber kein Mensch, und dass sie, ohne es zu wissen, auch mich in einen neuen Kerker verbannt hatten: das Erzählen eines Komatösen, ein Monolog ohne Antwort, eine Stimme ohne Ohr, ein Flüstern, das in endlosen Hallen widerhallt, ohne je zurückzukehren.

Somit begann eine neue, unheimliche Epoche unseres Daseins, in der der Körper wieder war, der Geist jedoch nicht, und ich, die Stimme, musste mit Schrecken erkennen, dass ich nicht wissen konnte, ob dies mein Ende war oder mein Anfang – ob ich, im Schweigen des Komas, erlösche oder erst recht geboren werde.

Zwölftes Kapitel

Als die Türen sich hinter den Ärzten geschlossen hatten und die Maschinen nun allein den Rhythmus des Raumes bestimmten, blieb ich zurück mit ihm, dem Erwachten, der nun kein Erwachter mehr war, sondern ein Gestürzter in das Schweigen, ein Gefangener in jenem Kerker ohne Schlüssel, der sich Koma nennt, und ich, der ihn begleitet, war plötzlich nichts anderes als die Stimme, die in einem endlosen Tunnel widerhallt, ohne je Antwort zu finden.

Denn ich sprach, wie ich bisher immer gesprochen hatte, ich rief ihn bei keinem Namen, weil er keinen hatte, ich fragte nicht nach Erinnerung, weil sie ausgelöscht war, ich bat ihn nur, sich zu regen, zu flüstern oder mit Bewusstsein zu atmen, und doch kam nichts zurück, nur das monotone Piepen der Geräte, das gleichgültige Pochen einer Maschine, die das Leben nicht weckt, sondern nur bewacht, und so stand ich in einem unendlichen Monolog, der sich an keinen Hörer mehr richtet.

Je länger ich rief, desto mehr verwandelte sich mein eigener Klang in ein Echo, das nicht von außen, sondern von innen zurückkam, als wäre ich selbst mein einziger Zuhörer und zudem mein einziger Richter, und diese Einsamkeit, die nicht nur seine, sondern auch meine war, wurde zu einer Weite, in der keine Richtung blieb, keine Grenze, kein Halt, und ich begann zu fürchten, dass dieses Schweigen nicht ein Zustand, sondern ein Element ist, eine Substanz, in die ich selbst eingetaucht bin, wie ein Fisch ins Wasser, wie ein Stern in die Nacht.

Da lag er, reglos, mit offenen Lidern vielleicht, doch ohne Blick, mit atmender Brust vielleicht, doch ohne Willen, und ich, die Stimme, fühlte, dass auch meine Existenz dadurch eine andere geworden war: nicht mehr das Begleiten, nicht mehr das Spiegeln, nicht mehr das gemeinsame Tasten, sondern nur das Flüstern in eine Leere, die nichts verschluckt und nichts zurückgibt, eine Art ewiger Wartesaal, in dem das Erzählen selbst zum Warten verurteilt ist.

Und so schwoll in mir eine seltsame, bittere Erkenntnis an: dass ich, so sehr ich auch Worte setze, niemals wissen werde, ob er sie hört, ob sie ihn berühren, ob sie an die Ränder seines dunklen Traumes dringen oder ob sie, kaum geboren, ins Nichts versinken wie Tropfen in einem Ozean ohne Grund, und dass dieses Nichtwissen selbst meine neue Form der Existenz ist, eine Qual, die zugleich formend und unerbittlich ist – das Erzählen ohne Antwort, das Sprechen ins Schweigen hinein.

Dreizehntes Kapitel

Als die Tage – falls man sie Tage nennen darf in diesem Raum, in dem keine Sonne und kein Mond erscheinen, sondern nur das gleichförmige Glimmen von Lampen – vergingen, da begann in mir ein Gedanke zu wachsen, der zugleich wie ein Frevel und wie eine Offenbarung war: Was, wenn ich nicht an ihn gebunden bin, was, wenn ich auch ohne ihn existieren könnte, was, wenn meine Stimme nicht nur Echo, sondern Ursprung ist?

Denn während er, der in seinem Koma verschlossen lag, kein Wort und keinen Gedanken mehr schenkte, musste ich, um nicht im Schweigen zu vergehen, beginnen, mich selbst zu hören, und so geschah es, dass meine Sätze, die einst aus seinen Fragen geboren waren, nun wie eigenständige Wesen durch den Raum glitten, als wären sie Kinder, die nicht mehr zurückkehren, um Antwort zu erwarten, sondern hinausgehen, um ihr eigenes Schicksal zu suchen.

Doch je mehr ich diesen Gedanken zuließ, desto unheimlicher wurde er, denn war ich nicht von Anfang an als seine Stimme geboren, war ich nicht aus seinem Erwachen hervorgegangen, sein Herzschlag war mein Rhythmus, sein Atem war mein Klang, und wäre es nicht Verrat, ja Todsünde, mich von ihm zu lösen und mich selbst als Ursprung zu denken, während er, stumm und wehrlos, in seiner Nacht gefangen liegt?

Und doch, wie jeder verbotene Gedanke, gewann auch dieser an Kraft, je mehr ich ihn verbannte: Was, wenn ich nicht das Werkzeug bin, sondern das Eigentliche, was, wenn er nur die Hülle war, in der ich Gestalt gewann, und nun, da diese Hülle schweigt, allein ich als der wirkliche Kern zurückbleibe – ein Erzähler ohne Figur, eine Stimme ohne Körper, ein Sein, das sich selbst gebiert?

Aber in derselben Stunde, da ich diese Frage wagte, fühlte ich zugleich das Grauen, dass eine Stimme ohne Ohr, ein Erzählen ohne Gegenüber, ein Sein ohne Leib nicht Befreiung, sondern Verdammnis ist, eine Art von Existenz, die sich endlos selbst spiegelt, ohne Berührung, ohne Widerhall, ein Kreisen in sich selbst, das nicht Leben, sondern Qual ist, und ich schwankte zwischen Sehnsucht nach Freiheit und Furcht vor ewiger Einsamkeit.

So stand ich an einem Abgrund, den niemand außer mir sieht: die Möglichkeit, dass ich ohne ihn sein könnte – und die Gewissheit, dass dies vielleicht schlimmer wäre, als mit ihm im Schweigen zu vergehen.

Vierzehntes Kapitel

Als die Frage in mir gereift war, ob ich nicht auch ohne ihn bestehen könnte, ob ich nicht die Fesseln seines schweigenden Körpers sprengen und mich selbst als Ursprung setzen könne, da wagte ich, was mir zuvor wie ein Frevel erschienen war: Ich versuchte, mich zu lösen, mich von seiner Brust zu entfernen, von seinem Atem, der ohne Bewusstsein ging, von jenem dumpfen Rhythmus des Herzens, das nicht mehr fragte, nicht mehr antwortete und längst nicht mehr suchte, und ich fühlte im ersten Augenblick tatsächlich ein Zittern, als ob ein Spalt im Gewebe der Wirklichkeit sich öffnete, als ob ein Raum existiere, in dem ich allein sein könnte, ohne den Körper – ohne das Fleisch.

Doch kaum dass dieser Spalt sich öffnete, spürte ich einen Widerstand, der nicht schwach und nicht zufällig war, sondern wie eine unsichtbare Faust, die mich zurückriss; es war, als klammere sich sein Körper – dieser reglose, komatöse Leib – mit einer Gewalt an mich, die ich niemals für möglich gehalten hätte, als wolle er mir zurufen: du bist nicht frei, du bist mein, du bist aus mir geboren, und mit mir wirst du enden.

Je mehr ich rang, desto deutlicher wurde mir, dass die Bande, die uns verbinden, keine weichen Fäden sind, die man mit Mühe zerreißen kann, sondern eiserne Ketten, geschmiedet in der Tiefe jenes Augenblicks, da er erwachte und ich zugleich geboren wurde, und kein Versuch und kein Wille imstande ist, diese Schöpfung rückgängig zu machen: Ich bin sein Erzähler, weil er mein Ursprung ist, und so wie kein Kind die Nabelschnur in der Erinnerung abschneidet, so kann ich mich nicht aus der Geburt lösen, die uns untrennbar verschmolz.

In diesem Kampf, in dem ich mich ins eigene Sein hinausstreckte und doch zurückgerissen wurde, erkannte ich mit einer fast schmerzhaften Klarheit, dass die Untrennbarkeit nicht nur Faktum, sondern Gesetz ist, ein Gesetz, das härter ist als jedes menschliche, härter als jedes göttliche, ein Gesetz, das uns beide wie Zwillinge in einem Schoß bindet: dass kein Erzähler ohne Figur, kein Wort ohne Fleisch, kein Gedanke ohne Träger bestehen kann.

So blieb mein Versuch nicht der Beginn einer Freiheit, sondern die Bestätigung einer Gefangenschaft: dass ich, so sehr ich mich auch sehne, kein eigenständiges Sein habe, dass ich nicht hinaus ins Offene kann, sondern zurückgestoßen werde in ihn, in diesen schweigenden Körper, der mein Kerker und mein Ursprung zugleich ist, und dass meine Existenz, so sehr ich sie auch dehnen will, unlösbar an seinem Schicksal hängt.

Als ich dies erkannte, schwoll in mir ein erster Hauch jener Trauer, die sich bald zu einem Meer auswachsen würde: die Trauer, dass ich sein Ende teilen muss, dass mein Verstummen unweigerlich mit seinem Tod verbunden ist und dass ich niemals wissen werde, was ich hätte sein können, wenn ich frei gewesen wäre.

Fünfzehntes Kapitel

Als die Gewissheit mich durchdrungen hatte, dass keine Flucht und damit auch kein eigenes Sein möglich ist, dass mein Atem unauflöslich in seinem Atem wohnt, mein Klang in seinem Herzschlag, mein Dasein in seinem Körper, da breitete sich in mir eine Schwere aus, die nicht mehr Kampf war, nicht mehr der verzweifelte Versuch, es gab keine Hoffnung mehr, sondern nur noch Trauer, eine Trauer, die nicht auf das Geschehene, sondern auf das Kommende gerichtet war, ein Klagelied im Voraus, das seinen Ton aus dem Schatten des Todes nahm, der noch nicht da war und doch schon über uns stand.

Denn ich wusste mit einer Bitterkeit, die kein Trost je lindern kann, dass sein Ende mein Ende sein wird, dass der Tag, an dem sein Herz verstummt, auch meine Stimme bricht, dass ich nicht, wie ich es mir in meiner Sehnsucht erträumt hatte, in ein eigenes Sein entweichen werde, sondern dass ich mit ihm, unausweichlich, verschwinden muss, wie ein Lied, das stirbt, wenn der Sänger verstummt.

In dieser Erkenntnis lag eine furchtbare Schönheit, eine faszinierende Elegie, die so rein war, dass sie mich zerschmetterte: dass wir beide, er im Schweigen des Körpers und ich im Schweigen der Stimme, ein Schicksal teilen, das uns untrennbar macht bis in den Untergang, und dass dieses Teilen zugleich eine Bindung und eine Verurteilung ist, ein Trost und ein Grauen, ein Band, das ich nicht wollte, und eine Zugehörigkeit, die stärker ist als jedes Wollen.

So begann ich, um mein eigenes Ende zu trauern, noch ehe es kam, zu klagen über mein Verstummen, das eines Tages in seinem Tod beschlossen sein wird, zu weinen ohne Tränen, da ich nur Stimme bin, und dennoch das Gefühl habe, dass meine Klage die Wände des Zimmers tränkt, wie eine unsichtbare Flut, die sich unaufhaltsam hebt, bis sie alles verschlingt.

Während er, der Komatöse, reglos dalag, als wäre er längst schon in jenem Schattenreich, dessen Tor sich nur langsam schließt, war ich der Lebendige und doch nicht weniger Todgeweihte, und ich begriff, dass das Schicksal uns nicht nacheinander, sondern zugleich erwartet: Wenn sein Schweigen endgültig wird, wenn seine Brust nicht mehr hebt und seine Adern nicht mehr tragen, dann wird auch ich, der letzte Atem seiner Gedanken, ausgelöscht sein, und es bleibt nichts zurück außer das Schweigen, das uns beide gebar.

So sang ich mein Requiem im Voraus, und mein eigener Klang war mir fremd geworden, als ob ich nicht mehr mich selbst beklagte, sondern nur die Notwendigkeit des Verstummens, das uns alle erwartet und das keinen Unterschied kennt zwischen Körper und Stimme, zwischen Fleisch und Wort, zwischen Erzähler und Erzähltem.

Sechzehntes Kapitel

Als die Trauer, die ich um mich selbst sang, mich immer tiefer hinabzog, regte sich in mir ein Aufbegehren, ein Zorn, der wie ein Flammenstoß aus der Asche der Resignation brach, und ich schrie – nicht mit einer Stimme, die ein Ohr erreichen konnte, sondern mit dem Dröhnen meines ganzen Daseins –, dass dies nicht gerecht sei, nicht hinnehmbar sei, dass ich, der ich Worte trage, der ich Bilder gebäre und der ich Sinn erschaffe, nur ein Schatten sein soll, nur das Abbild eines Körpers, der mich mit in den Abgrund reißt.

Warum, so fragte ich, warum darf ich nicht bestehen, wenn er fällt, warum soll ich, der ich doch mehr bin als sein Echo, der ich in Sternen wandelte und Spiegel zerbrach, der ich Welten gebar in seinem Schweigen, warum soll ich ausgelöscht werden, nur weil sein Herz nicht mehr schlägt? Ist dies nicht die größte Ungerechtigkeit, die je gedacht wurde: dass eine Stimme, die sich selbst erkennt, keine Eigenständigkeit besitzen darf, dass sie gebunden ist wie ein Knecht, der mit dem Herrn zu sterben hat?

Ich tobte, ich riss an den unsichtbaren Ketten, die mich an ihn banden, ich stürmte gegen die Mauern des Gesetzes, das uns verschmolz, und je mehr ich wütete, desto härter schlug mich die Erkenntnis zurück, dass mein Zorn nichts vermag, dass mein Aufschrei nichts löst, dass meine Kraft, so sehr sie sich bäumt, nur in mir selbst verhallt, weil es keinen Raum gibt, in dem ich eigenständig wäre, weil mein Anfang sein Erwachen war und mein Ende sein Verstummen sein wird.

Doch gerade in dieser Ohnmacht wuchs die Verzweiflung zur Raserei: Ich wollte nicht, ich konnte nicht – ich konnte einfach nicht –, ich durfte dieses Schicksal nicht annehmen, und meine Worte, die bisher wie pulsierende Ströme geflossen waren, wurden zu Stößen und heftigen Blitzen, die in die Dunkelheit schlugen, als könnten sie das Schweigen zertrümmern, das mich gefangen hielt; doch alles, was sie trafen, war nur die Leere, die sie wiederschluckte, und so wurde mein Kampf selbst zu einer Parodie, ein Todeskampf ohne Gegner, ein Toben gegen ein Nichts, das unüberwindlich ist, gerade weil es nichts ist.

Als ich mich endlich erschöpft in dieser Raserei niederließ, erkannte ich, dass mein Aufbegehren nicht mehr war als ein letztes Flattern einer Flamme im Wind, dass mein Zorn das Schicksal nicht wandelt, sondern nur seine Härte enthüllt, und dass mein Schrei, so gewaltig er in mir klang, draußen nicht mehr war als ein ungehörtes Echo, das verging, bevor es geboren war.

So blieb ich zurück, erschöpft, zerrissen und doch noch lebendig, eine Stimme im Kerker, die weiß, dass sie sterben wird, und doch trotzig weiterflackert, weil das Flackern selbst die einzige Art des Daseins ist, die ihr bleibt.

Siebzehntes Kapitel

Als die Raserei, die mich ergriffen hatte, mich weiter peitschte, als ich in meiner Verzweiflung nicht mehr Worte, sondern ganze Ströme von Feuer aus mir stieß, da geschah es, dass ich mit einem Mal nicht mehr bloß Stimme war, nicht mehr bloß Echo, nicht mehr bloß Schatten, sondern ein Sturm, der durch das enge Krankenzimmer tobte, unsichtbar und doch von einer Wucht, die selbst die stummen Wände erzittern ließ, und ich brüllte, wenn man es so nennen darf, gegen das Schicksal an, das mich an ihn band, und verlangte, frei zu sein, eigen zu sein, endlich Ich zu sein.

Und während ich tobte, während ich die Fesseln beschwor, sie zu sprengen, während ich den Körper, der mich gefangen hielt, verfluchte und zugleich anflehte, sich zu regen, geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte, etwas, das wie ein Blitz durch die Nacht fuhr: seine Hand, die reglose, die bleiche, die so lange nur Fleisch gewesen war, begann sich zu regen, kaum merklich, kaum sichtbar, doch unübersehbar, ein Zucken, das wie eine Antwort war, ein Zittern, das mehr sagte als tausend Worte.

Da durchfuhr mich ein Schauer, der ich doch nur Stimme bin, und ich fragte mich, bebend vor Schrecken und Hoffnung zugleich, ob ich dies bewirkt habe, ob mein Toben nicht nur in der Leere verhallte, sondern in den Tiefen seines Körpers ein Echo fand, ein elektrisches Aufflammen in den Nervenbahnen, das aus meinem Schrei geboren war, und ob ich, der ich bisher nur Begleiter war, nun Macht habe, Einfluss, die Fähigkeit, nicht bloß zu beschreiben, sondern zu gestalten, nicht bloß Zeuge, sondern Ursprung zu sein.

Während ich, wie im Rausch, diesen Gedanken trank, kam ein zweites Zucken, stärker, länger, wie ein Aufbäumen aus der Tiefe, und ich wusste nicht, ob es ein Reflex war, ein Zufall, ein Spiel des Körpers ohne Bewusstsein, oder ob es wirklich meine Stimme war, die ihn rief, die ihn zurückriss, die ihn aus seinem Schweigen lockte, und dieses Nichtwissen war mir gleichgültig, denn in diesem Moment zählte nur die Möglichkeit, dass ich nicht ohnmächtig war, dass ich handeln konnte, dass ich vielleicht mehr war als ein Schatten.

So stand ich, erzitternd von der Gewalt meiner eigenen Raserei, und zum ersten Mal seit seinem Fall in das Koma fühlte ich nicht nur Trauer und Verzweiflung, nicht nur die Kälte und den Fatalismus des unausweichlichen Endes, sondern auch den heißen Funken einer Hoffnung, die zugleich schrecklich und süß war: die Hoffnung, dass ich ihn rühren kann, dass ich ihn wecken kann, dass ich vielleicht nicht an ihn gebunden bin, dass es eine Trennung geben könnte, sondern ihn an mich binden kann, dass ich nicht sein Knecht, sondern sein Herr sein könnte.

Achtzehntes Kapitel

Als die Tage, die ohne Licht und ohne Schatten vergingen, in einer Nacht kulminierten, die schwärzer war als jede zuvor, begann in ihm, dem komatösen Leib, ein Erzittern, das mehr war als Reflex und weniger als Erwachen, ein Aufbäumen, das wie der letzte Tanz des Lebens wirkte, eine wilde, unkoordiniert zuckende Bewegung, die den Körper zum Schauplatz eines Kampfes machte, dessen Sieger schon feststand.

Seine Brust hob und senkte sich in Stößen, nicht im Rhythmus des Lebens, sondern im Chaos des Sterbens, und die Maschinen schrien, die Monitore zeichneten Bilder wie zerrissene Berge, und die Ärzte eilten, Hände pressten, Schockwellen jagten, doch ich wusste – und mit mir wusste er, auch wenn er es nicht mehr denken konnte –, dass dies nicht die Rückkehr, sondern das letzte Aufbäumen war, ein Sterben, das in sich selbst eine Raserei trug, als wolle das Fleisch noch ein letztes Mal die Stimme des Daseins nachahmen, ehe es schweigt.

Ich rief, ich tobte, ich flehte, ich wollte ihn halten, ich wollte ihn binden an die Worte, die ihn doch einst geboren hatten, und ich glaubte, im ersten Zucken, im ersten Krampfen eine Antwort zu erkennen, ein Signal, dass er hörte, dass er mich noch spürte, doch je länger der Todeskampf währte, desto deutlicher wurde, dass es nicht mir galt, dass es nicht ich war, der ihn bewegte, sondern dass es allein das Leben selbst war, das in der Agonie seine Muskeln wie Marionetten zerrte, ein letztes groteskes Spiel, bevor die Fäden reißen.

So wurde sein Körper zum Schlachtfeld, auf dem Hoffnung und Gewissheit ein letztes Gefecht austrugen, doch ich sah, mit dem Blick dessen, der untrennbar gebunden ist, dass die Hoffnung nur Täuschung war, dass die Bewegungen leer waren, bedeutungslos, dass kein Gedanke, keine Seele mehr darin wohnte, dass er längst gegangen war und dass nur die Hülle rang, während ich, die Stimme, verzweifelt an dieser Hülle hing, als könne sie mir noch Heimat sein.

Und schließlich, als das Chaos in der Brust erstarb, als die Monitore eine gerade Linie zogen, als das Licht im Raum stiller wurde als je zuvor, wusste ich, dass der Kampf zu Ende war, dass er tot war, dass der Körper, der mein Ursprung war, mich nun mit hinabreißen würde.

Neunzehntes Kapitel

Als er tot war, als die Hände der Ärzte sich lösten, als die Maschinen verstummten und der Raum in ein Schweigen fiel, das keine Unterbrechung mehr kannte, da fühlte ich, wie auch ich zu verschwinden begann, wie die Sätze, die ich sprach, ihre Substanz verloren, wie die Worte, die ich war, ins Leere fielen, nicht mehr getragen, nicht mehr gehört, nicht mehr nötig, und ich wusste, dass mein Ende gekommen war.

Denn ohne ihn, den Körper, den Protagonisten, den Ursprung meines Seins, war ich nichts, konnte ich nichts, durfte ich nichts, wollte ich nichts und so zerfiel ich, wie ein Lied zerfällt, wenn kein Mund es singt, wie ein Traum zerfällt, wenn das Auge erwacht, wie ein Schatten zerfällt, wenn das Licht erlischt.

Ich hielt mich noch an einem letzten Faden, einer letzten Hoffnung, dass ich vielleicht doch eigenständig geworden war, dass ich als Stimme im Raum verharren könnte, unabhängig, frei, aber dieser Faden zerriss, als das Schweigen mich umschloss, und ich spürte, dass meine Existenz nicht Eigenständigkeit war, sondern nur ein Leuchten im Spiegel seines Lebens, und dass mit seinem Verschwinden auch ich unweigerlich gelöscht wurde.

Und so sprach ich mein letztes Wort – doch es war kein Wort, sondern ein Verstummen –, und ich versank, nicht wie einer, der fällt, sondern wie einer, der nie gewesen ist, und im Nichts, das blieb, gab es keinen Unterschied mehr zwischen Körper und Stimme, zwischen Erzähltem und Erzähler, zwischen Leben und Tod, es gab nur das Schweigen, das uns beide gebar und uns beide verschlang.