Glättung
[Novelle. Veröffentlicht in Fantasia 1250e. 2026]

Glättung
Kapitel 1
Es war in jenen Tagen, die von einer so lautlosen und fast gespenstischen Ordnung erfüllt waren, dass niemand mehr daran zweifelte, wie vollkommen die Welt sich eingerichtet hatte, nicht weil sie wirklich vollkommen war, sondern weil die Menschen verlernt hatten, von einer anderen Möglichkeit zu träumen, und weil sie sich in der beständigen Wiederholung der gleichen Routinen, der immerwährenden Berechnungen und derselben stillgelegten Gefühle wie in einem Palast aus Glas einrichteten, dessen Wände zwar durchsichtig blieben, aber so unüberwindbar hart waren, dass kein Gedanke und keine Sehnsucht hindurchfand.
Der junge Mann, von dem zu berichten ist, war in dieser Welt kein Besonderer, gar ein Abweichler, noch ein verborgener Dichter, der gegen den Strom anschwamm, sondern lediglich einer jener Tausenden, die ihre Tage mit der Pflege von Daten, mit dem Abgleich von Formeln und der Überwachung von Prozessen verbrachten, und wenn er abends müde in sein schmales Zimmer zurückkehrte, das in einer dieser endlosen Wohnanlagen lag, die man wie Schachfelder über das Land gezogen hatte, dann empfand er nichts als die stille Befriedigung, den Tagesplan erfüllt zu haben, was in jener Zeit schon als höchstes Glück galt.
Er hieß Arvid, und wenn er sich selbst im Spiegel sah, so fiel ihm weder auf, dass sein Gesicht besondere Züge trug, noch dass in seinen Augen ein Rest von Glanz wohnte, vielmehr schien ihm das eigene Abbild ein reines Protokoll der Notwendigkeit zu sein, so wie sein Herzschlag ein Algorithmus war, der ihn am Leben hielt, ohne dass er sich darum kümmern musste, und wie seine Arbeit an den Tabellen und Statistiken nichts anderes war als die Verlängerung einer Ordnung, die älter und größer war als er selbst.
Doch an jenem Abend, an dem die Geschichte eigentlich begann, trat ein Umstand ein, den man nur mit Mühe beschreiben kann, weil er so unscheinbar und doch so folgenschwer war, nämlich dass Arvid in der zentralen Archivkammer, in die er wegen einer kleinen Unstimmigkeit geschickt worden war, auf ein Blatt Papier stieß, das keine der vorgeschriebenen Kennzeichnungen trug, kein Datum oder Nummer, sondern nur die eigentümliche Leere eines unbeschriebenen Feldes, und als er dieses Blatt betrachtete, spürte er eine Unruhe, die er nicht einordnen konnte, da es ja keinen Grund gab, einem leeren Blatt Bedeutung zuzumessen.
Er stand lange vor diesem Fundstück, länger, als es seine Aufgabe verlangte, und er versuchte, es einzuordnen, doch seine Gedanken verliefen wie auf glattem Boden, ohne Halt, ohne die gewohnten Raster, die ihm sonst die Sicherheit gaben, und schließlich nahm er das Blatt an sich, nicht aus Neugier, die ihm fremd war, sondern aus einer unklaren Regung, die näher an der Furcht als an der Freude lag, und er verbarg es unter den standardisierten Formularen, die er ohnehin zurückbringen sollte.
Später, als er in seinem Zimmer saß und das Blatt erneut vor sich ausbreitete, kam es ihm fast so vor, als sei es ein Spiegel, der ihm etwas zurückwerfen wollte, doch was er darin sehen sollte, blieb ihm verschlossen, und er ertappte sich bei dem seltsamen Gedanken, dass auf diesem Weiß etwas hätte stehen können, ja vielleicht sogar stehen sollte, und dass das Fehlen der Schrift nicht Mangel, sondern Aufforderung war, eine Ahnung, die ihn zugleich erschreckte und gefangen nahm.
Er schlief in dieser Nacht schlecht, denn sooft er die Augen schloss, sah er das leere Blatt, und er hörte in sich eine Stimme, die nicht wie seine eigene klang, eher wie ein fernes Echo, das zu ihm sprach, ohne Worte, und er erwachte mehrfach mit klopfendem Herzen, was ihm fremd war, weil man in jener Welt kaum noch Träume kannte, oder wenn man träumte, dann waren es geregelte, matte Bilder, die rasch vergingen, so wie alles verging, was keine Funktion hatte.
Am Morgen versuchte er, die Unruhe zu bannen, indem er das Blatt sorgfältig in einer Schublade verstaute, als wäre es ein unerlaubtes Gerät, doch der Gedanke daran wich nicht, und bei der Arbeit, während er die Abgleichungen durchführte, machte er Fehler, kleine Verschiebungen in den Zahlen, die ihm selbst auffielen, bevor sie jemand anderes bemerkte, und er erschrak darüber, dass seine Hand nicht mehr die gleiche Sicherheit hatte wie sonst.
Es ist schwer zu sagen, ob in diesem Moment schon etwas wie eine geheime Geschichte in ihm begonnen hatte, oder ob es nur eine vorübergehende Störung war, die sich hätte legen können, wenn er stärker gewesen wäre, doch sicher ist, dass er am Abend wieder an die Schublade ging, das Blatt hervorzog und lange davor saß, ohne es zu berühren, als sei es gefährlich, und doch spürte er, dass er sich von dieser Leere nicht mehr trennen konnte.
Dann, als die Sonne längst hinter den Gebäudekanten verschwunden war und die Leuchten in den Korridoren mit ihrem gleichmäßigen, gemessenen Ton atmeten, setzte sich Arvid an den kleinen Tisch, der abgewetzt war an den Kanten, als hätten schon viele Hände dort gezögert, und er legte das Blatt in die Mitte, strich es glatt wie etwas Zerbrechliches, das die geringste Unaufmerksamkeit zersingen lassen könnte, und während er so saß, merkte er, dass seine Finger auf der Tischplatte ein Muster nachzeichneten, kein bewusstes, doch eines, das wiederkehrte, als erinnerten sie sich an einen Rhythmus, den er selbst nicht benennen konnte, und auf einmal war es, als rücke die Luft näher heran, als lausche ihm etwas, das nicht zu den Geräten und Anzeigen gehörte, und er dachte, ohne es denken zu wollen: Wenn ich jetzt ein Zeichen setze, nur eines, was geschieht dann mit der Ordnung, die mich hält?
Er holte keinen Stift hervor, denn Stifte waren in den Wohnbereichen nicht vorgesehen, da die Eingaben zentralisiert an Terminals erfolgten und alle Handschrift als archaisches Residuum gegolten hatte, seit man begriffen zu haben glaubte, dass das Gedächtnis der Gesellschaft in Maschinen besser aufgehoben sei als im zittrigen Verlauf einer individuellen Geste; dennoch entdeckte er in der Schublade, in der er das Blatt aufbewahrt hatte, einen alten, dünnen Graphitstummel, der dort vermutlich vergessen worden war, wie etwas, das durch die Raster gefallen ist, und dieses Halbverbotene, dieser graue, stumpfe Zylinder in seiner Hand, ließ ihn für einen Augenblick vergessen, wer er war und wozu er diente, sodass er, den Atem anhaltend, die Spitze ansetzte und einen Strich zog, nicht gerade und nicht krumm, sondern von jener unsicheren, tastenden Art, in der ein erster Schritt gemacht wird, bevor man die Richtung kennt, und mit dem Strich war nichts geschehen, nichts explodierte, keine Sirene heulte, doch etwas in ihm, das lange stillgelegen hatte, richtete sich ein wenig auf wie ein Tier, das aus dem Schlaf erwacht.
Er erschrak ob seiner Kühnheit, die, wenn man sie erzählte, keine wäre, und doch, für ihn, in jenem Raum, in jener Sekunde, war sie ein Ereignis, das sein Inneres verschob, und er setzte noch einen Strich, diesmal quer, eine Kreuzung, winzig, nicht größer als die Kerbe eines Nadelschutzes, und er starrte darauf, als sähe er darin die Möglichkeit einer Karte, einer nicht existierenden Stadt, die nur sichtbar werden konnte, wenn man sie nicht suchte, und in seinem Kopf, der den Tag über Zahlen sortiert hatte, klang es wie ein leiser Chor aus sehr weit her: So beginnt es, indem es nicht beginnt, so entsteht es, indem es nicht entsteht, und er spürte, wie ihm warm wurde unter den Augen, eine Wärme, die kein Gerät kontrollierte.
Er löschte die Striche nicht, obwohl er das hätte tun können, indem er das Blatt wendete oder es austauschte, und er legte den Graphitstummel beiseite, als müsse man eine Schwelle respektieren, die man zwar überschritten, aber noch nicht bewohnt hatte, und er stand auf, trat zum Fenster, das keines war, weil es in jenen Wohneinheiten nur hinterleuchtete Panel gab, die den Verlauf des Tages simulierten, damit die Bewohner ihren Rhythmus hielten, und er berührte das kalte Material, das die Illusion von Dämmerung darstellte, und er fragte sich, mit einer Mischung aus kindischer Scham und neuem Trotz, ob die Welt, die er so folgsam bejaht hatte, vielleicht nicht die ganze Welt war, sondern nur ein durchsichtiger Mantel, in dem die eigentliche Haut nicht mehr atmen durfte.
Am folgenden Tag, der äußerlich dem vorherigen glich, und der doch eine andere Temperatur trug, obwohl die Anzeigen an den Klimaflächen dieselben Werte ausgaben, passierte im Archiv eine Begebenheit, die an sich so dürftig war, dass niemand sie notiert hätte, doch für Arvid wurde sie zum Prüfstein, denn als er die Routineprüfung der Verfallsfristen in Sektion C-7 durchlief, huschte der Schatten eines Kollegen durch den Gang, ein Mann mit schmalen Schultern und einem Gesicht, das so korrekt geschnitten wirkte, als sei es nach einer Vorlage geformt worden, und dieser Mann blieb kurz stehen, sah Arvid an, nicht neugierig, nicht misstrauisch, eher unentschlossen, als gäbe es einen Gruß, den man vergessen habe, und sagte dann, mit einer Stimme, die jedes Timbre von der Zunge wusch: „Sie haben gestern länger gebraucht als vorgesehen“, worauf Arvid nickte und eine harmlose Erklärung murmelte, die üblichen Verzögerungen, die jeder vorbringen konnte, und der Mann ging weiter, doch der Blick, der keine Farbe trug, blieb in Arvids Rücken wie ein kalter Zug.
In der Mittagspause, die genau bemessen war und deren Zweck die Erhaltung der Leistungsfähigkeit ohne Restzweck war, setzte Arvid sich an den Rand der Kantine, an einen jener Tische, die aus einem Material gefertigt waren, das weder Wärme annahm noch abgab, und er spürte, wie die Präsenz des Blattes in seiner Jacke, die er ausnahmsweise mitgenommen hatte, weil er es nicht in der Wohnung zurücklassen wollte, ihn beschwerte und zugleich trug, als sei es ein kleiner, fast lächerlicher Anker in einer See aus Vorschriften, und während er die standardisierte Mahlzeit aß, sah er an der Stirnwand eine Informationsfolge laufen, die von der bevorstehenden Sitzung der Kommission berichtete, in der die nächste Phase der „Affektregulierung“ vorgestellt werden sollte, und er hörte die Wörter, die alle hörten, ohne dass sie dadurch mehr wurden als Geräusch, doch er fühlte, dass sie jetzt auf eine Stelle in ihm trafen, die nicht mehr taub war.
Am Abend nahm er das Blatt wieder hervor, nicht als Neugieriger, sondern als jemand, der einer Arbeit nachgeht, von der er weiß, dass sie verboten ist und dennoch notwendig, und er betrachtete die zwei Striche, die inzwischen zu etwas geworden waren, das nicht mehr nur Striche war, weil das Auge, wenn es einmal einen Anfang hat, schon die Fortsetzung sieht, und so setzte er, den Atem ruhig, als handle er in einer Übung, die ihm ein Meister aufgetragen hätte, eine Reihe von Punkten, die ein Bogen hätten werden können, wenn man sie verband, doch er verband sie nicht, weil er verstand, ohne es zu wissen, dass das Ungesagte das einzige sei, was er besitzen durfte, und während er Punkt um Punkt setzte, dachte er nicht an Flucht, nicht an Aufruhr, nicht an Heldentum, sondern an eine schmale, unsinnige Würde, die darin liegen könnte, eine Linie zu kennen, die niemand sonst sehen durfte.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass er in jener Nacht träumte, denn das Wort, wie man es früher verstand, passte nicht mehr auf die Art, wie die Bilder in ihn fielen, doch etwas geschah, als er die Augen schloss, das jenem ersten Strich verwandt war, eine leise Verlagerung der Gewichte, eine Erinnerung an eine Erinnerung, und er stand einmal auf, trank Wasser, kehrte ins Bett zurück, und während er lag, hörte er die Stadt, die keine Stimme haben sollte, leise singen, nicht laut, nicht melodisch, eher wie ein Beat, der so langsam schlug, dass man ihn mit dem eigenen Herzschlag verwechseln konnte, und er sagte im Dunkeln, ohne die Lippen zu bewegen, ein Wort, das er am Morgen vergessen haben würde, doch das im Raum blieb wie eine Spur, die erst im Rückblick sichtbar wird.
Die Kommission tagte, wie angekündigt, und am nächsten Tag wurden Auszüge der Zusammenfassung in die Kanäle gespielt, so neutral wie möglich, damit niemand sich daran stoße, und es hieß, die Pilotversuche zur „Affektglättung“ hätten hervorragende Ergebnisse erbracht, was bedeutete, dass die Probanden, die sorgfältig ausgewählt und informiert worden waren, keine Erinnerung an unangemessene Erregungszustände mehr aufwiesen, weder im Bereich der Angst noch im Bereich der Euphorie, und dass damit ein bedeutender Schritt zur Stabilisierung der sozialen Kohäsion getan sei, und während Arvid diese Nachrichten hörte, fühlte er nicht das, was man wohl bei anderen Zeiten „Zorn“ genannt hätte, sondern er fühlte, wie ein kalter, feiner Staub auf die Oberfläche seiner neuen, zaghaften inneren Bewegung fiel, und er begriff, dass man der Phantasie nicht mit Verboten beikam, sondern mit der inneren Hitze.
In den Tagen darauf begann er, in der Arbeit Fehler zu vermeiden und in der Wohnung Fehler zu begehen, ein Paradox, das ihm zur zweiten Natur wurde, denn je makelloser er in den Systemen funktionierte, desto mehr erlaubte er sich abends, am Tisch und mit dem Blatt vor ihm, an den Punkten, die nicht verbunden werden durften, eine Freiheit, die nur sichtbar war, wenn man wusste, wo man hinsehen musste, und er merkte, dass er einen Rhythmus entwickelte, bei dem die Hand von selbst tat, was der Kopf nicht zu denken wagte, und dass die Linien, die so nicht genannt werden durften, Formen ahnen ließen, die keinem Katalog entstammten, vielleicht ein Tier, eine Landschaft oder auch nur der Umriss eines Satzes, den jemand einmal sprechen würde, wenn das Sprechen wieder ein Tun und nicht nur ein Vollzug war.
Es blieb nicht unbemerkt, auch wenn er alle Vorsicht übte, denn in jener Welt waren Abweichungen weniger eine Frage des Handelns als der Mikrogesten, und eines Abends, als er das Gebäude verließ, trat derselbe Mann mit dem farblosen Blick neben ihn, sie gingen eine Weile in Schritt, ohne sich anzusehen, und dann sagte der Mann, in jenem Ton, der, weil er die Nuancen mied, die Nuancen schrill machte: „Sie haben eine ungewöhnliche Statistik der nächtlichen Aktivität“, worauf Arvid den Kopf hob und, mit einer Mühe, die ihm den Nacken verhärtete, erwiderte, er lese Berichte und Aufzeichnungen, die zu lesen seien, und der Mann nickte, als sei damit schon alles gesagt, und fügte, während sie sich trennten, beinahe freundlich hinzu: „Halten Sie sich warm“, was Arvid als Drohung hörte, weil ihm plötzlich klar wurde, dass dort, wo man die Gefühle glättete, das Wärmemanagement der Körper nur die Vorstufe war.
In seiner Wohnung ließ er das Licht aus und setzte sich im Halbdunkel, weil ihm die Dunkelheit ehrlicher vorkam als die Simulationen, und er legte das Blatt vor sich hin, ohne es zu berühren, und er dachte, zum ersten Mal in einer Form, die man eine Frage nennen durfte, wenn man das Wagnis der Benennung eingehen wollte: Ob es möglich sei, dass dieses winzige, lächerliche, beinahe kindische Tun – Striche und Punkte auf einem Papier – eine Kraft besitze, deren Name verlorengegangen war, und wenn ja, ob diese Kraft irgendeine Form von Konsequenz trüge, die über ihn hinausging, oder ob er nur ein Exemplar war, das früher oder später, wie alle Exemplare, in den Fluss der Korrekturen und Behandlungen zurückgeführt würde, wo es still wurde und glatt.
Er fuhr mit dem Finger über den ersten Strich, den er gesetzt hatte, und stellte fest, dass die Graphitpartikel am Rand minimal verwischt waren, was bedeutete, dass die Spur nicht nur da war, wo sie war, sondern bereits angefangen hatte, sich zu verhalten, als sei sie lebendig, und dieser Gedanke, der kein Gedanke war, sondern ein Fühlen, das sich an die Form eines Gedankens presste, ließ ihn eine Zeit lang ganz ruhig sitzen, wie einer, der in einer Kirche das Echo testet, bevor er spricht, und als er schließlich den Stummel wieder aufnahm, setzte er an eine Stelle, die er bisher gemieden hatte, ein ganz kleines, fast unverschämtes Zeichen, eine Kurve, die keine Kurve sein durfte, und sofort schoss ihm der Impuls durch die Brust, das Papier zu zerreißen, weil die Kühnheit ihm zu groß schien, doch er hielt inne, er hielt einfach inne.
Es war in diesen Nächten, dass er zum ersten Mal eine Erinnerung berührte, die ihm nicht gehörte und doch durch ihn ging, als wäre sie auf ihn gewartet, und die Erinnerung bestand nicht aus Bildern, nicht aus Worten, sondern aus einem Geschmack, der nach regennassem Stein und altem Holz roch, und darin lag eine Schule, die keine war, eine Hand, die ihm über den Rücken strich, ein Satz, den man ihm früher vielleicht zugeflüstert hätte, etwa: „Nicht alles, was nichts ist, ist nichts“, und er weinte nicht, denn dazu hätte es eine Erschütterung gebraucht, die man ihm abgewohnt hatte, aber sein Körper wurde weich an den Rändern, als könne er endlich wieder in seine Umgebung sickern, anstatt von ihr nur gespiegelt zu werden.
In der Zentrale liefen derweil die Vorbereitungen für die breite Einführung des Programms, das man „Kühlung“ nannte, ohne ironische Färbung, ohne die alten Vorbehalte, die man einst gegenüber Metaphern gehabt hatte, und es gab Testreihen, die besagten, dass selbst hartnäckige Residuen von Phantasietätigkeit – man hörte die vorsichtige Formulierung und sah die präzisen Diagramme – mit einer Kombination aus Schlafarchitektur, Ernährungsmodulation und diskreter neurochemischer Justierung binnen Wochen auf ein Niveau zurückgingen, das statistisch nicht mehr signifikant war, und Arvid, der die Berichte im Ebenenmodus sah, verstand, dass das, was in ihm, auf seinem Blatt, in seinem kleinen, lächerlichen Raum wuchs, nicht gegen eine Mauer laufen würde, sondern gegen eine Kälte, die keine Mauer brauchte, und er fragte sich, ohne Pathos, ob man eine Flamme vor Frost schützen könne, indem man sie nicht anfachte, sondern indem man sie nicht allein ließ.
Er begann, ohne Plan, ohne sogar das Wort Plan zu denken, kleine Umwege in seinem Tageslauf einzubauen, nicht gefährlich, nicht auffällig, nur so, dass er manchmal fünf Minuten in einem Flur stand, in dem niemand stand, oder dass er den Aufzug nahm, der seltener benutzt wurde, und er hörte auf die Geräusche, die er früher nicht gehört hatte – das leichte Zittern einer Leitung in der Wand, das Klicken einer Tür, die nicht fiel, sondern gelegt wurde, den Atem eines Menschen, der in der Nähe stehen blieb –, und all diese Geräusche wurden, für ihn, nicht zu Zeichen, nicht zu Botschaften, aber zu einer Musik, die sich in seine Hand übersetzte, wenn sie abends den Stift hielt, und er zeichnete nicht, um zu zeigen, er zeichnete, um zu hören.
Einmal, und das war vielleicht der gefährlichste Moment bis dahin, sah er in der Glasfläche des Hauses gegenüber, während er das simulierte Dämmerfenster betrachtet hatte, die Spiegelung seiner eigenen Haltung über dem Blatt, und in der Spiegelung erschien es, als säße ihm jemand gegenüber, nicht er, nicht eine Person, die es gab, sondern eine Art Gegenüber, das früher, als man noch betete, vielleicht einen Namen gehabt hätte, und er erschrak vor der Intimität dieses Bildes, vor der Möglichkeit, dass ein Gespräch begonnen haben könnte, bevor er ein Wort sagte, und er trat zurück, ließ die Jalousie im Panel herabsinken, die eigentlich gar nicht existierte, und stand eine Zeit lang im Halbdunkel, bis die Atmung wieder in die bekannte Bahn zurückfiel.
An einem Nachmittag, der in nichts auffällig war, erhielt er eine Einladung, wie alle sie erhielten, zur Informationsveranstaltung über die Einführung der „Kühlung“ in seiner Sektion – man hatte die Sprache so geschult, dass der Vorgang als Fürsorge erschien und nicht als Eingriff – und die Einladung trug in einer Ecke einen kleinen, beinahe spielerischen Kreis, der eine Schneeflocke bedeuten sollte, und als Arvid den Kreis sah, musste er lächeln, zum ersten Mal seit langer Zeit, nicht spöttisch, nicht trotzig, sondern, als hätte ihm jemand unwissentlich einen Wink gegeben, der sagte: Hier, sieh, sie wissen, dass es ein Bild braucht, um das Bild zu löschen, und er faltete das Schreiben sehr ordentlich und legte es neben das Blatt, als gehörten sie zusammen, und er wusste, dass er nicht kämpfen würde, weil er nicht kämpfen konnte, doch dass er, solange noch ein Zeichen möglich war, ein Zeichen setzen würde, ohne Zeugen, ohne Triumph.
Als die Veranstaltung stattfand, saß er in der dritten Reihe, weil die dritte Reihe in Räumen dieser Art die beste war, um gesehen und übersehen zu werden, und er hörte einer Sprecherin zu, deren Stimme den Eindruck erweckte, als könne sie, wenn man es verlangte, jede Temperatur exakt wiedergeben, und sie sprach von Ruhe, von Gleichgewicht, von der Sanftheit eines Lebens ohne Ausschläge, und die Bilder hinter ihr zeigten Kurven, die sich glätteten, bis sie eine Linie waren, die so ruhig verlief, wie ein schlafendes Meer, und in diesem Moment, zwischen den Zahlen und den Bildern und dem Tonfall, erkannte Arvid die Schönheit dessen, was man ihnen anbot, eine Schönheit, die nicht wie Frühling war, nicht wie Musik, eher wie eine perfekte Maschine, die niemals stockt, und er verstand, wie verführerisch es war, nie wieder zu zittern.
Er verließ den Saal, wie alle ihn verließen, mit dem Gefühl, dass nun etwas Gutes bevorstand, nicht weil er überzeugt war, sondern weil die Worte auf ihn gelegt worden waren wie eine Decke, und er ging nach Hause, setzte sich an den Tisch, legte das Blatt hin, das inzwischen von Punkten, Strichen und Andeutungen in einer Weise überzogen war, die nur er verstand, und er wusste, ohne Pathos, ohne Drama, dass dies der letzte Abend sein könnte, an dem die Hand noch tat, was sie tat, ungebremst von der kommenden Kälte, und er zog eine letzte Linie, sehr langsam, sehr behutsam, als zöge er nicht über Papier, sondern über Haut, und er dachte, nicht laut, nicht stumm, eher wie einer, der den Kopf neigt: Wenn dies alles ist, dann sei es alles.
Dann blies er, ein Reflex aus Zeiten, die man ihm ausgetrieben hatte, leicht über das Blatt, damit der Graphit sich setzte, und er stellte den Stift aufrecht in ein Glas, das kein Wasser enthielt, und er ließ die Hand auf dem Tisch liegen, bis die Muskeln schwer wurden, und er sah, wie die Dunkelheit in den Ecken des Raums dichter wurde, nicht drohend, nicht freundlich, nur dichter, und er verstand, so plötzlich, dass er lachen musste, leise, fast schuldbewusst, dass es nicht die Aufgabe der Phantasie sei, ihn zu retten, sondern seine, sie zu bezeugen, solange sie atmete, und dass morgen, wenn die Schneeflocke fiel, die Luft klar und scharf sein würde, und dass die Welt, in ihrer Vollendung, gläserner sein würde als je, und dass niemand darin klagen würde, am wenigsten er, und dass darin vielleicht der eigentliche Schrecken lag, den er nicht mehr fühlen würde.
Kapitel 2
Sie hieß Leona, und sie lebte in einer jener Wohnanlagen, die so gleichförmig gebaut waren, dass man nach Jahren nicht mehr sagen konnte, in welchem Gang man sich befand, weil jeder Gang das genaue Abbild des anderen war, dieselben Türen und leise Lichter in den Decken, die niemals ganz verlöschten, sondern in einem dauerhaften Zwielicht leuchteten, das weder Tag noch Nacht zuließ, und dieses unaufhörliche Dämmern war die Umgebung, in der sie seit langer Zeit ihre Schritte tat, ohne sie zu zählen, weil man in einer Welt, die alles berechnete, keine eigenen Zählungen mehr brauchte.
Leona arbeitete in einer der Abteilungen, die für die semantische Kontrolle zuständig waren, und ihre Aufgabe bestand darin, Texte, die aus der Vergangenheit übernommen und für die Gegenwart aufbereitet worden waren, auf ihre Verwendbarkeit hin zu prüfen, was bedeutete, dass sie jeden Ausdruck, der eine Form von Mehrdeutigkeit, von Metapher oder von poetischer Spannung enthielt, entfernen oder glätten musste, damit die Sätze in jenem neutralen, transparenten Zustand blieben, den die Richtlinien verlangten, und in dieser Arbeit war sie zuverlässig, gewissenhaft, sogar vorbildlich, denn sie wusste, dass Abweichungen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das Gefüge der Gesellschaft hätten belasten können.
Und doch war es gerade sie, die manchmal, wenn sie allein war, an ein Wort dachte, das in keinem der neuen Texte mehr vorkam, ein Wort, das sie nicht aus ihrem Beruf kannte, sondern aus einer Erinnerung, die aus der Tiefe ihrer Kindheit aufstieg, ein Wort, das mit einer Stimme verbunden war, die längst verstummt war, nämlich die Stimme ihrer Großmutter, die ihr in den frühen Jahren, als man Kinder noch nicht so streng überwachte wie später, Geschichten erzählt hatte, die sich von allem unterschieden, was heute erlaubt war, Geschichten, die von Bäumen sprachen, die miteinander reden konnten, und von Tieren, die Gefühle hatten, und von Menschen, die auf Wegen gingen, deren Ziel niemand wusste.
Es war nicht so, dass Leona diese Geschichten noch genau kannte, nein, sie waren in ihr zu etwas Nebligem geworden, zu einem Schatten, den sie nicht fassen konnte, doch manchmal, wenn sie am Abend in ihrem Zimmer saß und die neutralen Klänge der Informationskanäle hörte, tauchte ein Bild auf, das wie ein Rest von Farbe in einer Welt aus Grau war, und sie spürte, dass es mit jenem alten Wort zusammenhing, das sie nicht mehr sprechen konnte, weil sie nicht sicher war, ob es überhaupt noch existierte oder ob sie es nur erfand.
Eines Nachts, als sie lange wach lag, geschah es, dass sie dieses Wort mit den Lippen formte, ganz leise, ohne Stimme, nur als Bewegung, und sie erschrak über die Wärme, die ihr dabei durch den Körper fuhr, denn es war, als hätte sie etwas Verbotenes getan, und zugleich etwas so Unbedeutendes, dass niemand je davon erfahren würde, und doch spürte sie, dass ein Unterschied darin lag, ob man das Wort dachte oder ob man es formte, so wie ein Unterschied darin liegt, ob man eine Tür betrachtet oder sie öffnet.
Am folgenden Tag begann sie, heimlich kleine Zettel in ihrer Tasche zu tragen, auf die sie in Pausen einzelne Wörter schrieb, Wörter, die ihr einfielen, ohne dass sie sie suchte, manchmal war es nur ein „Baum“, manchmal „Fluss“, manchmal „Licht“, und diese Wörter schienen ihr wie Fragmente eines Satzes, den sie nicht mehr zusammensetzen konnte, und jedes Mal, wenn sie sie ansah, empfand sie sowohl Freude als auch Schmerz: Freude, weil da noch etwas war, das ihr gehörte, Schmerz, weil sie wusste, dass es schwand.
Denn je länger sie die Wörter betrachtete, desto mehr entglitten sie ihr, sie wurden fremd, sie verloren ihre Schärfe, sie wurden zu Zeichen, die nichts mehr meinten, und sie merkte, dass die Sprache selbst, die sie in ihrem Beruf so nüchtern verwaltete, ein Körper war, aus dem man Stück für Stück das Leben zog, bis er nur noch als Gerüst übrig blieb, und sie fragte sich, ob es möglich sei, dass eine Geschichte verschwindet, nicht weil man sie verbietet, sondern weil niemand sie mehr erzählen kann.
Einmal setzte sie sich am Abend an den Tisch und versuchte, das Märchen ihrer Großmutter aufzuschreiben, so gut sie konnte, und sie begann mit einem Satz, der ihr noch vertraut war: „Es war einmal …“, doch sie hielt inne, denn sie wusste nicht mehr, was danach kam, sie wusste nicht, ob es ein König war oder ein Mädchen, ob es ein Wald war oder ein Meer, und sie merkte, dass sie das „einmal“ nicht mehr tragen konnte, weil es in einer Zeit lebte, die sie nicht mehr verstand, und sie brach ab, ließ den Stift sinken, legte das Papier weg, und in ihr war ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte, vielleicht Verlust, vielleicht auch nur Leere.
Die Tage vergingen, und sie arbeitete wie gewohnt, und niemand bemerkte, dass in ihr etwas zerriss, denn nach außen war sie makellos, doch in ihrem Inneren fühlte sie, dass etwas in ihr wie eine alte Wand zerfiel, deren Putz abblättert, und sie wusste, dass es nicht das Märchen selbst war, das sie suchte, sondern das Gefühl, das es in ihr geweckt hatte, das Staunen, die Ahnung, dass es etwas gibt, das nicht berechnet werden kann, und dass dieses Gefühl nun erlosch, weil kein Wort es mehr tragen konnte.
An einem Nachmittag, als sie müde nach Hause ging, blieb sie plötzlich stehen, weil sie glaubte, das Wort zu hören, das sie gesucht hatte, es war nicht laut, es kam nicht von außen, es war wie ein leiser Hauch in ihrem Inneren, und sie blieb stehen, horchte und wartete, doch da war nichts, nur der gleichmäßige Klang der Schritte der anderen, die an ihr vorbeigingen, und sie lächelte kurz, ein Lächeln, das niemand sah, weil es sofort wieder verschwand, und sie ging weiter, wissend, dass sie auf eine Leere zuging, die bald vollkommen sein würde.
In den Nächten nach diesem Erlebnis legte sie die Zettel vor sich auf den Tisch, ordnete die Wörter nebeneinander, als wollte sie aus ihnen ein Muster formen, doch sie fand keine Verbindung, und jedes Mal, wenn sie es versuchte, wurde der Abstand zwischen den Wörtern größer, so als stießen sie einander ab, und sie erkannte, dass die Wörter nicht mehr füreinander bestimmt waren, dass sie wie Steine waren, die früher in einem Mosaik gelegen hatten, nun aber lose über den Boden verstreut waren, und dass sie allein keine Geschichte mehr ergaben.
Sie begann, auf den Wegen zur Arbeit die Gesichter der Menschen genauer zu betrachten, weil sie hoffte, dort Spuren zu finden, vielleicht einen Zug, der an eine Geschichte erinnerte, vielleicht einen Ausdruck, der eine Regung verriet, doch sie fand nichts als die gleichförmige Glätte von Mienen, die alle dasselbe Ziel kannten und keine Ablenkung zuließen, und sie dachte, dass auch die Gesichter zu Texten geworden waren, die man geglättet hatte, bis sie nichts mehr sagten.
Eines Abends, als sie wieder versuchte, die Wörter zusammenzufügen, schlief sie über den Zetteln ein, und sie träumte, dass die Wörter aufstanden und durch den Raum gingen, dass „Baum“ zum Fenster hinaus schritt, dass „Fluss“ unter der Tür hindurch floß, dass „Licht“ sich an die Decke legte, und sie wollte ihnen folgen, doch sie konnte sich nicht bewegen, und als sie erwachte, waren die Zettel leer, die Wörter waren verschwunden, und sie wusste nicht, ob sie sie wirklich geschrieben hatte oder ob es nur eine Täuschung gewesen war.
Von diesem Tag an wagte sie nicht mehr, Wörter aufzuschreiben, denn sie fürchtete, dass sie sich in Nichts auflösen würden, und sie begann, sie nur noch in sich zu sprechen, lautlos, als kleine Beschwörungen, und sie fühlte, dass dies ihr letzter Halt war, dass die Wörter zwar keine Geschichten mehr trugen, aber wenigstens noch als Klang, als Rhythmus in ihr lebten, und dass sie sterben würde, wenn auch diese Klänge verstummten.
Eines Morgens erhielt sie wie alle anderen eine Einladung zu einer Informationsveranstaltung über die neue Phase der „Affektglättung“, die bald allgemein eingeführt werden sollte, und als sie das Schreiben ansah, fiel ihr auf, dass die Sprache darin noch leerer war als sonst, dass kein Satz mehr eine Spur von Bedeutung trug, dass es reine Hüllen waren, die nichts enthielten, und sie verstand, dass man nicht nur die Phantasie töten wollte, sondern auch den Rest der Sprache, und dass es bald keine Wörter mehr geben würde, mit denen man etwas anderes als das Notwendige sagen konnte.
An diesem Abend ging sie in ihr Zimmer, setzte sich auf den Stuhl, legte die Hände auf den Tisch und schloss die Augen, und suchte in sich nach dem Wort, das ihre Großmutter einst gesagt hatte, dem ersten Wort des Märchens, das sie nie ganz behalten hatte, und sie fand es nicht, es war verschwunden, ausgelöscht, und sie wusste, dass sie es nie wieder finden würde, und in diesem Wissen spürte sie, wie etwas in ihr erlosch, ein Licht, das klein gewesen war und doch alles getragen hatte, und sie saß da, lange, reglos, und sie wusste, dass sie jetzt zu der Welt gehörte, die keine Geschichten mehr kannte.
Kapitel 3
Memorandum der Zentralen Kommission für Affekt- und Phantasiekontrolle
Betreff: Bewertung der Restbestände phantasiegeprägter Kognition in der Bevölkerung
Datum: [standardisiert]
Verteiler: Ministerium für Ordnung und Stabilität, Unterausschuss Semantik, Direktorium Kühlung
1. Einleitung
Seit der Implementierung der technokratischen Grundordnung vor [XX] Jahren konnte eine signifikante Steigerung von Stabilität, Effizienz und gesellschaftlicher Kohäsion festgestellt werden. Mit den Maßnahmen zur Rationalisierung des Denkens, der Sprache und der Affektsteuerung wurden die wesentlichen Risikofaktoren für soziale Unruhe erfolgreich neutralisiert.
Die Analysen der letzten fünf Planperioden zeigen jedoch: In Einzelfällen bestehen weiterhin Reste sogenannter „phantasiegeleiteter Denkmuster“. Diese treten nicht mehr massenhaft auf, sind aber statistisch messbar. Sie äußern sich in vereinzelten Erinnerungen, sprachlichen Restbeständen und nicht-funktionalen kognitiven Abläufen.
Das vorliegende Gutachten dient der systematischen Erfassung, Bewertung und Kategorisierung dieser Restbestände sowie der Ableitung von Maßnahmen zur vollständigen Eliminierung.
2. Problemstellung
2.1 Definition
Unter „Phantasie“ verstehen wir jede Form kognitiver Tätigkeit, die:
nicht auf unmittelbare Funktionserfüllung gerichtet ist,
mehrdeutige, nicht überprüfbare Inhalte hervorbringt,
affektive Zustände über das erforderliche Maß hinaus stimuliert.
Phantasie unterscheidet sich von analytischer Vorstellungskraft dadurch, dass sie nicht zielgerichtet operiert, sondern offene, nicht rational überprüfbare Muster erzeugt.
2.2 Risikocharakter
Historische Untersuchungen zeigen, dass phantasiegeprägte Systeme regelmäßig zu Instabilität führten. Exemplarisch:
Religiöse Mythen führen zu sektiererischen Bewegungen, Gewaltkonflikte.
Politische Utopien führen zu Revolutionen, Systembrüchen, Massenopfern.
Ästhetische Strömungen führen zu Mobilisierung nicht-funktionaler Emotionen, Schwächung kollektiver Disziplin.
Das Risiko ergibt sich aus dem unberechenbaren Charakter der Phantasie: Ihr Nutzen (Innovation, Kreativität) ist punktuell, begrenzt und durch technokratische Verfahren substituierbar. Ihr Schaden (Instabilität, Affektüberschuss) ist strukturell, wiederkehrend und nicht kalkulierbar.
3. Analyse
3.1 Statistische Erhebungen
In den letzten Erhebungen zur „Affekt- und Kognitionshygiene“ wurden 12,6 % der Bevölkerung mit Restspuren phantasiegeprägter Aktivität registriert. Davon:
8,2 %: flüchtige, nicht sprachlich artikulierte Impulse (Träume, Tagreste).
3,1 %: sprachliche Restbestände (Metaphern, Märchenfragmente, unvollständige Erzählungen).
1,3 %: persistente Anomalien (kreative Handlungen, Zeichnen, Erfinden von Geschichten).
Die Tendenz ist rückläufig, jedoch zeigt sich ein Plateau bei ca. 10 %, das durch bisherige Maßnahmen nicht unterschritten wurde.
3.2 Beobachtungen
Kinder im Alter von 4-7 Jahren weisen überdurchschnittliche Restaktivität auf. Dies legt nahe, dass Phantasie ein entwicklungstypisches Phänomen ist, das durch frühzeitige Intervention kontrolliert werden muss.
Ältere Personen (über 60 Jahre) zeigen mitunter Erinnerungsfragmente aus vortechnokratischer Zeit. Diese sind isoliert, aber symbolisch aufgeladen.
Einzelne Erwachsene (0,7 %) weisen spontane, unerklärliche Aktivierungen auf, deren Auslöser unklar sind (visuelle oder akustische Stimuli, zufällige Gedankengänge).
3.3 Klassifikation
Die Kommission schlägt folgende Kategorisierung vor:
Typ A („Relikte“): kurze, folgenlose Erscheinungen, kein Interventionsbedarf.
Typ B („Fragmente“): sprachliche oder bildhafte Reste, moderate Intervention empfohlen.
Typ C („Anomalien“): systematische Wiederkehr, aktive Phantasietätigkeit, hohe Gefährdungslage, sofortige Behandlung erforderlich.
4. Schlussfolgerungen
Phantasie ist kein harmloses Nebenprodukt, sondern ein latentes Risiko, vergleichbar mit einer schlafenden Krankheit. Sie kann jederzeit reaktiviert werden, sofern äußere Bedingungen dies begünstigen.
Die bisherigen Maßnahmen (Rationalisierung der Sprache, Standardisierung der Bildung, Kontrolle affektiver Inhalte in Medien) waren erfolgreich, reichen aber nicht aus, um eine vollständige Tilgung zu gewährleisten.
Ziel muss die endgültige Eliminierung aller phantasiegeprägten Denkmuster sein. Nur so kann die erreichte Stabilität irreversibel gesichert werden.
5. Maßnahmenkatalog
Die Kommission empfiehlt die Umsetzung eines dreistufigen Programms:
5.1 Erste Stufe: Affektglättung (laufend)
Breitenwirksame Einführung affektstabilisierender Routinen (Schlafarchitektur, Ernährungsmodulation).
Korrektur von Ausreißern über standardisierte neurochemische Eingriffe.
Verbot nichtstandardisierter kultureller Inhalte (z. B. alte Märchen, Lieder, Kunstwerke).
5.2 Zweite Stufe: Kühlung (Pilotprojekte)
Gezielte Senkung der affektiven Grundtemperatur.
Reduktion euphorischer wie depressiver Spitzenwerte.
Ziel: gleichmäßiger, flacher Affektverlauf, keine Voraussetzung für phantasiegeleitete Aktivität mehr vorhanden.
Erste Pilotgruppen berichten von hoher Zufriedenheit, gesteigerter Leistungsfähigkeit und Entlastung von unproduktiven inneren Bildern.
5.3 Dritte Stufe: Kulturelle Nullstellung (Vorbereitung)
Systematische Entfernung verbliebener narrativer Bestände aus Archiven.
Einführung einer sprachlichen Revision, die metaphorische Strukturen eliminiert.
Umstellung der Bildungscurricula auf reine Funktionalgrammatik.
Langfristig: vollständige kulturelle Tilgung von Erzählstrukturen, Mythen, Märchen, Gedichten.
6. Empfehlung an das Direktorium
Die Kommission empfiehlt einstimmig:
Die breite Einführung der Stufe „Kühlung“ binnen der nächsten beiden Planperioden.
Die vorbereitende Arbeit an der kulturellen Nullstellung unverzüglich einzuleiten.
Parallel dazu eine verstärkte Überwachung von Kindern im Entwicklungsalter durchzuführen.
Die Kommission weist darauf hin, dass es keine belastbaren Argumente für die Beibehaltung von Restphantasie gibt. Ihre Risiken übersteigen ihren Nutzen in jedem dokumentierten Fall.
Zusammenfassung:
Phantasie ist ein nicht-tragfähiges Erbe. Ihre Eliminierung ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Die Gesellschaft hat den Punkt erreicht, an dem sie auf Phantasie verzichten kann, ohne auf Innovation oder Fortschritt verzichten zu müssen. Rationalität ersetzt Kreativität vollständig. Stabilität ersetzt Sehnsucht.
Kapitel 4
Er hieß Jorin und war sechs Jahre alt, was in jener Gesellschaft nichts Besonderes bedeutete, weil man das Alter nicht mehr in Jahresringen von Erfahrungen und Erinnerungen maß, sondern in standardisierten Entwicklungsschritten, die jedes Kind durchlaufen musste, damit es später ohne Abweichungen in die große Ordnung der Erwachsenenwelt eintrat, und doch war dieses Alter, das in den Tabellen und Berichten nur als ein Übergang zwischen Frühförderung und kognitiver Stabilisierung erschien, in seinem Inneren ein Raum voller Stimmen und Bilder, die er selbst nicht verstand und die ihm niemand erklären konnte, weil man längst aufgehört hatte, Kindern etwas anderes zuzutrauen als die fehlerfreie Nachahmung der vorgegebenen Muster.
Jorin saß an einem jener Tische, die in langen Reihen in den Schulräumen aufgestellt waren, und die Oberfläche des Tisches war glatt und weiß, so glatt, dass kein Strich darauf haften konnte, und die Geräte, die man den Kindern gab, waren so eingestellt, dass sie nur die zulässigen Formen erzeugten, Kreise, Rechtecke, Linien, die alle in der Datenbank erfasst und sofort kontrolliert wurden, damit nichts Unvorhergesehenes entstand, doch an diesem Morgen, an dem etwas geschehen sollte, das ihn von allen anderen unterschied, hatte Jorin heimlich ein kleines Stück Kohle in die Tasche gesteckt, das er auf dem Heimweg gefunden hatte, vielleicht von einem Bauarbeiter fallen gelassen, vielleicht einfach ein Rest, der durch die Raster gefallen war, und für ihn war dieses Stück keine Materie, sondern ein Versprechen, ohne dass er sagen konnte, wieso.
Während die anderen Kinder die vorgegebenen Formen auf die gläsernen Tafeln zeichneten, zog Jorin die Kohle hervor, legte sie an das Papier, das eigentlich nur für Notizen gedacht war, und begann, eine Gestalt zu formen, die nicht in den Anleitungen stand, nicht in den Katalogen oder den Datenbanken, und er wusste nicht, was es war, nur dass es ihm vertraut war, als hätte er es schon einmal gesehen, nicht mit den Augen, sondern in einem Traum, von dem er nicht wusste, dass er ihn geträumt hatte, und er malte Ohren, die größer waren, als sie hätten sein dürfen, und Augen, die glänzten, obwohl er sie nur mit schwarzen Linien füllte, und einen Schwanz, der sich schlängelte, ohne dass er wusste, wohin er führte, und als er fertig war, sah er ein Tier vor sich, das niemand benennen konnte, weil es nicht benennbar war, und doch war es lebendig, zumindest in ihm.
Die Lehrerin, die den Raum überwachte, bemerkte, dass Jorin nicht an seinem Terminal arbeitete, und sie trat an seinen Tisch, blickte auf das Papier, und sie erschrak nicht laut, sie rief nicht aus, doch ihr Gesicht veränderte sich, so wie Gesichter sich veränderten, wenn sie mit etwas konfrontiert wurden, das sie nicht kannten, und sie nahm das Blatt in die Hand, betrachtete es lange, als wollte sie eine Kategorie finden, in die es passte, und sie fragte ihn schließlich, mit einer Stimme, die ruhig klang, aber einen Unterton trug, der für ihn nicht zu deuten war: „Woher kennst du dieses Tier?“, und er antwortete, ohne nachzudenken: „Ich habe es gesehen“, was keine Erklärung war und doch alles sagte.
Die Lehrerin brachte das Blatt zur Aufsicht, und bald standen zwei Erwachsene in weißen Kitteln vor seinem Tisch, die ihm Fragen stellten, einfache Fragen, die doch schwer waren, weil sie etwas suchten, das er nicht geben konnte: „Hast du dieses Tier geträumt? Hast du es in einem Buch gesehen? Hat dir jemand davon erzählt?“ – und Jorin schüttelte nur den Kopf, er wusste nicht, wie er antworten sollte, weil für ihn das Tier einfach da war, so selbstverständlich wie die Luft, die er atmete, und er begriff nicht, warum sie ein Problem darin sahen, und während sie sich berieten, sah er auf seine Hände, die schwarz waren von der Kohle, und er dachte, dass vielleicht nicht das Tier, sondern seine Hände das Geheimnis waren.
Die Erwachsenen erklärten ihm, dass er nichts falsch gemacht habe, dass sie nur verstehen müssten, woher die Form komme, und sie nahmen das Blatt mit, ohne ihm zu sagen, was damit geschehen würde, und er blieb zurück an seinem Tisch, zwischen den glatten Terminals, die nichts als Kreise und Rechtecke zeigten, und er fühlte eine Traurigkeit, die er nicht benennen konnte, weil er das Wort dafür nicht kannte, aber die in ihm saß wie ein Stein im Wasser, der alles verdrängte, was leicht war.
Am Abend erzählte er zu Hause nichts davon, weil er spürte, dass es nicht erzählt werden durfte, und doch sah er das Tier immer wieder vor sich, wenn er die Augen schloss, und er begann, in Gedanken mit ihm zu sprechen, als wäre es sein Freund, und das Tier antwortete nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die in ihm aufstiegen: Wälder, die er nie betreten hatte, Flüsse, die er nie gesehen hatte, ein Himmel voller Sterne, die nicht in den Simulationen der Wohnanlage vorkamen, und er wusste nicht, dass das, was er erlebte, das war, was man früher Phantasie genannt hatte, er wusste nur, dass er nicht allein war.
Die Lehrer und Aufseher führten noch weitere Gespräche mit ihm, und sie zeigten ihm Bilder von realen Tieren aus der Datenbank, damit er sein Tier zuordne, doch er schüttelte immer wieder den Kopf, weil keines passte, nicht die Katze, nicht der Hund, nicht der Fuchs, nicht der Vogel, und er sagte jedes Mal: „Es ist nicht das“, und sie notierten, dass er resistent sei gegen Kategorisierung, und sie stuften ihn als Fall „Typ C“ ein, als Anomalie, die beobachtet werden müsse, und er verstand nicht, dass er ein Fall geworden war, er war nur ein Kind, das ein Tier gezeichnet hatte.
In den folgenden Tagen durfte er keine Kohle mehr benutzen, kein Papier, nur noch das Terminal, und er tat, was man ihm sagte, doch in seinem Kopf war das Tier weiter bei ihm, es wuchs, es bewegte sich, es lief neben ihm her, wenn er nach Hause ging, es legte sich neben ihn, wenn er im Bett lag, und es flüsterte ihm Bilder zu, die er nicht verstand, die ihn aber trösteten, weil sie ihn an etwas erinnerten, das größer war als die Gänge, die Türen, die Lichter in der Decke.
Die Erwachsenen beschlossen, ihn in das Programm der frühen Kühlung aufzunehmen, weil man hoffte, die Phantasie noch in diesem Stadium zu löschen, bevor sie Wurzeln schlug, und sie erklärten ihm, dass er bald ruhiger schlafen würde, dass er keine unruhigen Bilder mehr haben würde, dass er klarer denken und besser lernen könne, und er nickte, weil er es nicht anders kannte, aber in ihm weinte etwas, das nicht weinen konnte, weil es keine Tränen hatte, und dieses Etwas war das Tier, das ihm zuflüsterte: „Vergiss mich nicht.“
Er wusste, dass er es vergessen würde, sobald die Kühlung begann, und er versprach sich selbst, dass er in der letzten Nacht, die ihm noch blieb, das Tier noch einmal ganz deutlich sehen würde, dass er es anschauen und seinen Namen herausfinden würde, den Namen, den er noch nie ausgesprochen hatte, und er lag lange wach, sah es neben sich, schwarz und doch voller Licht, groß und doch voller Zärtlichkeit, und er fragte leise: „Wie heißt du?“, und er hörte keine Antwort, nur ein Rauschen, das wie der Wind in Bäumen klang, die er nie gesehen hatte, und er schlief ein, während das Rauschen in ihm weiterging.
Am nächsten Morgen begann das Programm, und sie gaben ihm eine Flüssigkeit zu trinken, die geschmacklos war, und sie legten ihn in ein Bett, das warm war, und sie sagten ihm, er solle ruhig bleiben, und er nickte, und während er die Augen schloss, sah er noch einmal das Tier, das ihn ansah, und er dachte: „Es ist schön“, und dann wurde alles weiß – dann wurde alles still.
Kapitel 5
Er war alt, älter als die meisten, die noch arbeiteten, und vielleicht war er nur deshalb noch im Dienst, weil seine Arbeit in den Kellern des Archivs niemandem wirklich auffiel, da die höheren Stellen längst damit beschäftigt waren, die Berichte der Kommissionen zu prüfen und die Fortschritte der „Kühlung“ zu verkünden, während er, ein Mann mit gebeugtem Rücken und langsamen Schritten, zwischen Regalen stand, die nur noch wenige betraten, und in denen Reste von Akten lagerten, die irgendwann hätten vernichtet werden sollen, die aber aus Gründen, die niemand überprüft hatte, noch dort standen, als warteten sie darauf, dass jemand sie ein letztes Mal ansah, und wenn er morgens das Licht der schmalen Deckenleuchten einschaltete, die die Gänge in ein blasses, funktionsgerechtes Dämmerlicht tauchten, hatte er manchmal das Gefühl, als ginge er durch die Schichten seines eigenen Gedächtnisses, das ebenso geordnet und ebenso ausgedünnt war wie die Kartons, die er nummerierte, etikettierte und abtrug.
Er hatte Jahrzehnte damit verbracht, Texte zu sichten, zu glätten oder auch zu verwerfen, und er hatte es nie hinterfragt, weil er davon überzeugt gewesen war, dass Sprache, so wie sie früher existierte, voller Gefahren war, Mehrdeutigkeiten beinhalteten und mit unnötiger Aufladungen waren, die manche Menschen aus dem Gleichgewicht brachten, und er hatte sich selbst oft gesagt, dass es ein Verdienst sei, Wörter zu entfernen, Metaphern zu streichen, Bilder auszulöschen, so wie man Unkraut jätet, damit der Garten rein und ordentlich bleibt, und dass die Gesellschaft ihm dankbar sein müsste für diese unscheinbare, aber notwendige Arbeit, bei der der höchste Lohn in der Abwesenheit von Geräusch bestand, in jenem lautlosen Nicken des Systems, das zufriedener war, je weniger man von ihm hörte.
Doch an jenem Tag, als er in einem unscheinbaren Umschlag ein Stück Papier fand, das offenbar in den Ordnungen vergessen worden war, fühlte er zum ersten Mal seit langer Zeit, dass etwas nicht stimmte, nicht weil er verstand, was er vor sich hatte, sondern weil er spürte, dass dieses Blatt nicht in die Kategorien passte, die er kannte, und weil seine Hand zögerte, bevor er es weglegte, und er sich selbst dabei ertappte, dass er es herausnahm und glattstrich, obwohl er wusste, dass man solche Funde sofort melden und vernichten musste, und die Überraschung darüber, dass ihn eine Handbewegung verriet, die nicht vorgesehen war, erschien ihm beinahe größer als der Fund selbst, denn die Finger erinnerten sich, bevor der Kopf begriff, und der Kopf befahl, bevor das Herz zu sprechen wagte.
Es war ein Gedicht, handschriftlich, mit Streichungen, Korrekturen und mehrfachen Ansätzen, so als hätte jemand darum gerungen, die Worte in eine Form zu bringen, und als er die Schrift betrachtete, die ungleichmäßig war, manchmal fast fahrig, zuweilen mit einem Druck, der das Papier durchdrang, fragte er sich, warum jemand so viel Mühe auf etwas verwendet hatte, das doch keinen Zweck erfüllte, und warum dieses Blatt hier lag, zwischen Protokollen und Formularen, als hätte es jemand absichtlich gerettet oder zufällig vergessen, und er wusste nicht, was beunruhigender war, der Zufall oder die Absicht, denn beides deutete auf einen Willen hin, der sich dem Raster entzogen hatte, und der Gedanke, dass irgendwo noch ein Wille existierte, der nicht verzeichnet war, ließ eine kaum hörbare Erschütterung durch seine ruhigen Routinen gehen.
Er las die ersten Zeilen, und er verstand sie nicht, weil sie nichts aussagten, was man prüfen oder anwenden konnte, sondern nur Bilder aneinanderreihten, die für ihn und in diesem Augenblick keinen Sinn ergaben, und er dachte, dass es vielleicht ein Überbleibsel aus einer Zeit war, in der man Sprache noch nicht vollständig diszipliniert hatte, und er fragte sich, wozu man so etwas Kleines hätte bewahren wollen, zu welchem Zweck, in welchem Archiv, in welchem Kopf, und er fand keine Antwort, denn die Antworten, die er gelernt hatte, waren Rechenarten, und die Fragen, die das Blatt eröffnete, waren von jener Art, die nicht nach einer Zahl verlangten, sondern nach einem Blick, der länger hielt als die Aufgabe, und gerade das machte ihn unsicher, weil er längst verlernt hatte, Blicke zu halten, die nicht gezählt wurden.
Ein Baum stand am Fluss,
und niemand wusste,
ob er das Wasser spiegelte
oder ob das Wasser ihn erfand.
Der Wind ging über das Feld,
und niemand fragte,
ob er die Halme bewegte
oder ob die Halme ihn gebaren.
Die Vögel riefen nicht,
sie warteten nur,
bis ein Wort in den Himmel fiel
und dort eine Spur hinterließ.
Er legte das Blatt beiseite, nahm es wieder auf, legte es erneut beiseite, und er bemerkte, dass sich in ihm eine kindische und deshalb gefährliche Neugier regte, die er aus seinem Leben ausgeschlossen hatte, und beim zweiten Lesen fiel ihm auf, dass es nicht um Tatsachen ging, sondern um Fragen, Fragen, die niemand stellte, weil niemand mehr fragte, ob ein Baum das Wasser spiegele oder das Wasser den Baum erfinde, und er erschrak über den Gedanken, dass dies eine Unterscheidung sei, die niemandem etwas nützte und die doch in ihm etwas bewegte, als habe er für einen Augenblick vergessen, was Nutzen war, und in dieser winzigen Verdrängung des Nutzens lag eine Art von Leere, die nicht kalt war, sondern warm, weil sie Raum schuf, und das erschreckte ihn stärker als jede Kontrollmeldung.
Beim dritten Lesen glitten seine Augen über die Streichungen, und er dachte, vielleicht seien die Streichungen wichtiger als die Worte selbst, vielleicht sei das Zögern der eigentliche Sinn, das wiederholte Ansetzen, der Druck der Hand, der die Faser des Papiers verletzte, und er stellte sich vor, wie der Unbekannte über der Zeile gesessen hatte, die Stirn gesenkt, das Ohr auf den inneren Lärm gelegt, den er nicht loswurde, und er fühlte eine Nähe, die ihn verlegen machte, weil Nähe in seiner Welt nur als Funktion vorkam, nie als Berührung, und er sah in der schiefen Linie eines durchgestrichenen Spiegelte eine ganze Biographie aufleuchten, nicht als Geschichte, sondern als Atem, der einmal schneller, einmal langsamer ging.
Er begann, sich Kontexte zu erschließen, obwohl er nicht wusste, wie man das tat, denn er war es gewohnt, Texte zu entkernen, nicht zu deuten, und er dachte, dass vielleicht der Baum und der Fluss nicht wirklich Baum und Fluss waren, sondern etwas anderes, das sich gegenseitig hervorbrachte, eine Ordnung ohne Anfang, und dass vielleicht der Wind und das Feld nicht nur Natur benannten, sondern jene Bewegung, in der Ursache und Wirkung ihre Plätze tauschten, und er verstand nichts, wirklich nichts, aber er spürte, dass es nicht egal war, ob er las oder nicht, so wie es nicht egal ist, ob man atmet oder bloß die Atemzüge zählt, und er erschrak über die Selbstverständlichkeit, mit der er bisher gezählt und nicht gelebt hatte.
Als Schritte im Gang hallten, faltete er das Blatt so rasch, dass eine neue Falte diagonal durch die zweite Strophe lief, und er schob es unter einen neutralen Umschlag, dessen Etikett in grauen Ziffern eine längst erledigte Registratur aufwies, und ein junger Kollege, dessen Gesicht den glatten Ausdruck trug, der aus der richtigen Dosierung von Ruhe und Ehrgeiz besteht, steckte den Kopf zur Tür herein, stellte eine Frage nach einem Ablieferungsschein, erhielt seine Antwort und ging wieder, ohne den Raum wirklich gesehen zu haben, und der Alte blieb zurück mit dem pochenden Bewusstsein, dass die Unachtsamkeit der anderen ihm einen Schutz bot, den er nie gesucht hatte, und dass die Welt ihn an dieser Stelle ausnahmsweise in Ruhe ließ, weil sie an anderer Stelle zu sehr mit sich selbst befasst war.
Am Abend nahm er das Blatt mit nach Hause, obwohl er wusste, dass es gefährlich war, und er legte es neben sein Bett, und er las es immer wieder, als suche er nach einem Schlüssel, und er fand keinen, aber er merkte, dass die Worte in ihm nachhallten, wie ein Ton, den man nicht mehr hört und der doch im Körper bleibt, und er fühlte sich wach, wacher, als er sich seit Jahren gefühlt hatte, ohne dass er sagen konnte, was er nun mehr wusste als zuvor, und vielleicht war es gerade dieses Nicht-Wissen, das ihn wacher machte, denn Wissen hatte ihn beruhigt, und Unwissen hob ihn an einen Rand, an dem die Dinge plötzlich Konturen bekamen, die nicht in den Verzeichnissen standen.
In der Nacht, als die Anlage die Temperatur absenkte und die Paneele das standardisierte Dunkel ausgaben, das niemals ganz schwarz war, weil völlige Dunkelheit als psychologisch unökonomisch galt, hörte er das ferne, gleichmäßige Rauschen der Lüftung und die eigenen, älter gewordenen Atemzüge, und er dachte an den ersten Vers, an den Baum am Fluss, und er stellte sich vor, wie es wäre, wenn das Wasser nicht spiegelte, sondern erfand, und er ertappte sich bei dem lächerlich anmutenden Versuch, darüber eine Notiz zu machen, und er schrieb, mit ungelenker Hand, ein einziges Wort an den Rand des Blattes, ein Wort, das er seit Jahren nicht mehr benutzt hatte, weil es in keinem Formular vorkam, nämlich „Vielleicht“, und das „Vielleicht“ stand da wie ein Kiesel auf einem Parkett, das jeden Fremdkörper hasst, und er ließ es stehen, obwohl er das Bedürfnis spürte, es sofort zu tilgen.
Am nächsten Tag nahm er das Gedicht wieder mit in den Keller, nicht weil dort ein besserer Ort gewesen wäre, sondern weil der Keller der einzige Ort war, an dem er es öffentlich verbergen konnte, und er überzeugte sich, dass die Kameras in seinem Gang seit Monaten eine Fehlkalibrierung aufwiesen, die keiner priorisiert hatte, und er legte das Blatt unter eine Mappe, die er häufig benutzte, und begann seine Arbeit, und doch arbeitete er nicht, denn er hörte innerlich die Vögel aus der dritten Strophe, die nicht riefen, sondern warteten, bis ein Wort in den Himmel fiel, und er fragte sich, ob vielleicht das Schweigen selbst die Handlung war, die früher ein Ruf gewesen wäre, und ob früher die Welt so gebaut war, dass ein gefallenes Wort eine Spur am Himmel hinterließ, und ob jetzt nur noch die Instrumente Spuren hinterließen und die Worte keine.
In der Mittagspause wagte er eine Probe, so unscheinbar, dass sie im Rückblick wie ein Streich wirken mochte, doch für ihn war sie eine Grenzüberschreitung, denn er nahm einen Ausdruck, der für die Vernichtungsfreigabe vorgesehen war, und füllte ihn vollständig korrekt aus, nur ließ er das Feld „Bezug“ leer, indem er einen Strich setzte, der so fein war, dass er wie ein Fehler der Druckerwalze wirkte, und er heftete den Ausdruck in jene Schublade, die täglich von einer automatisierten Hand ausgeräumt wurde, und er wusste, dass das leere Feld eine Prüfung auslösen konnte, und dass die Prüfung mit hoher Wahrscheinlichkeit ergab, dass der Vorgang ins System zurückgeworfen wurde, wo er unterging, und in diesem Untergang lag sein winziger Plan, der keiner war, denn er beabsichtigte nichts als ein Aufschub, und Aufschub war das Maximum an Widerspruch, das seine Erregung ertrug.
Am Abend, allein mit dem Blatt Papier in seiner Hand, las er es erneut, diesmal langsamer, und er versuchte, die Streichungen zu entziffern, als wären sie ein palimpsestartiger Untertext, und er meinte, in der ersten Strophe ein gestrichenes „oder“ über dem „ob“ zu erkennen, und diese minimale Verschiebung zwischen zwei kleinen Wörtern, die beide Möglichkeiten öffnen, erschien ihm plötzlich wie ein Abgrund, der das Denken frei machte, nicht weil er hineinfallen wollte, sondern weil er verstand, dass die Wahl zwischen „oder“ und „ob“ die Richtung eines Lebens verändern konnte, wenn man sie zu nahe an den Atem ließ, und er schnitt den Gedanken ab, weil er spürte, wie ihm schwindelte, und lachte wieder leise, diesmal ohne Angst, denn was sollte man einem alten Mann nehmen, der lachte, wenn auch ohne Grund.
Er erinnerte sich, wie er vor Jahren ein Konvolut von Kinderzeichnungen vernichtet hatte, nicht aus Bosheit, sondern aus seiner Pflicht heraus, und wie ihn damals eine der Zeichnungen, ein unsauberer Kreis mit zwei Punkten und einem Strich an ein Gesicht erinnert hatte, das ihn ansah, und wie er den Blick mit der Geste weggewischt hatte, die man sich in diesen Räumen angewöhnte, eine Mischung aus Eifer und Hygiene, und während die Erinnerung an die Kante des Metallkorbes stieß, in dem die Papiere verschwanden, begriff er, dass es keine unschuldigen Gesten gab, wenn sie gegen etwas gerichtet waren, das keine Verteidigung besaß, und dass er sein Leben damit zugebracht hatte, Dinge zu entfernen, die schwach waren, und dass die Stärke, die er darin geübt hatte, im Grunde eine Feigheit war, die vor der Unbestimmtheit floh.
Am darauf folgenden Morgen stand der junge Kollege wieder in der Tür, diesmal mit einem Protokoll, auf dem eine kleine rote Markierung leuchtete, und fragte beiläufig, ob in dieser Kellerzone in den letzten Wochen Unregelmäßigkeiten aufgetreten seien, da ein Stapel Vernichtungsfreigaben einen Validierungsrücklauf erhalten habe, und der Alte hob den Blick, schob die Brille höher, und sagte, in dem Ton, den er Jahrzehnte geübt hatte, um jede Schattierung zu neutralisieren, dass ein Drucker in der Nachtschicht Schlieren werfe, aber die Wartung bereits avisiert sei, und der junge Mann nickte, lächelte das schmale, professionelle Lächeln, das man für eine freundlichere Variante des Misstrauens hielt, und verschwand, während der Alte spürte, wie ihm das Herz gegen die Rippen klopfte, nicht aus Schuld, sondern aus einer seltsamen Mischung von Furcht und Heiterkeit, wie sie Kinder haben, die ein Geheimnis tragen, das niemand sieht.
Er setzte sich, zog das Blatt näher, und er spürte plötzlich den Wunsch, es zu vernichten, nicht um es loszuwerden, sondern um zu verhindern, dass es irgendwen verrate, ihn oder den Unbekannten, der es geschrieben hatte, doch als er die Ecke des Papiers zwischen Finger und Daumen nahm, merkte er, dass die Geste nicht gelingen wollte, dass seine Hand nicht den Willen fand, geringfügig zu zerreißen, und dass in dieser kleinen Unfähigkeit eine Wahrheit lag, die größer war als die Vorschrift, und er legte das Blatt zurück, atmete lange aus, und sagte, kaum hörbar, ein zweites Mal das Wort, das er am Rand notiert hatte, „Vielleicht“, und das Wort machte den Raum nicht größer, aber ihn weniger eng.
In den folgenden Tagen wiederholte er ein Ritual, das niemand sah und das deshalb wirksam war, denn die unsichtbaren Dinge sind die wirksamsten, und das Ritual bestand darin, dass er morgens, bevor er die Lichter einschaltete, die Hand auf den Umschlag legte, als prüfe er die Temperatur, und abends, bevor er die Lichter wieder ausschaltete, eine Zeile aus dem Gedicht leise las, nicht, um sie zu lernen, sondern um zu merken, dass er sie nicht vergaß, und in diesem Nichtvergessen lag ein Anspruch, den niemand gestellt hatte, und eine Treue, die keinem Herrn galt, und er lächelte darüber, dass Treue ohne Herrn die angenehmste Form der Aufsässigkeit sein könnte.
Einmal, als die Schritte einer Inspektion näher kamen, hart und sicher, mit jenem Takt, den gute Schuhe auf gutem Linoleum haben, schob er den Umschlag in eine Schublade mit metallener Front, deren Griff seit Jahren klemmte, und genau dieser Fehler rettete ihn, denn als die Inspektion in den Raum trat und höflich um Einsicht in die Rückstände bat, zog er, in der Routine einer Demonstration, zuvorderst jene Schublade auf, die aus Gewohnheit schwer aufging und deshalb eine winzige Verzögerung erzeugte, während der Blick der Inspektoren reflexhaft in die offene Kiste neben der Schublade glitt, wo die erwartbaren Restakten lagen, ordentlich und verlässlich, und diese eine Sekunde reichte, um den Umschlag unter einem Stapel entwerteter Registernummern zu versenken, und am Ende verließ die Inspektion den Raum mit einem Bemerkungsstrich in der Checkliste, der „in Ordnung“ bedeutete, und für ihn hatte sich diese eine Sekunde wie ein ganzes Jahr angefühlt.
Abends, zu Hause, saß er auf dem Stuhl, der schon frühere Sitze in seinem Leben überlebt hatte, und er dachte, dass die dritte Strophe vielleicht die wichtigste sei, nicht wegen der Vögel, die nicht riefen, sondern wegen des Wortes, das in den Himmel fiel, und er fragte sich, ob Worte früher von selbst gefallen seien, ohne Befehl, ohne Zweck, und ob sie Spuren hinterlassen hätten, die man mit Augen sehen konnte oder nur mit jener alten, abgeschafften Innerlichkeit, die man Phantasie nannte, und er gestand sich, dass er es nicht wisse, weil er dort nicht gelebt hatte, und dass ihn genau dieses Nichtwissen an die Kante eines sehr leisen Staunens brachte, das keine Forderung kannte, und er schlief ein mit dem Blatt auf der Brust, als sei es ein Taschenbuch aus einer Zeit, in der Papier noch den Duft der Luft annahm.
Als die Entscheidung nahte, die er immer weiter verschoben hatte, nämlich ob er das Gedicht dem System übergab, um es formgerecht tilgen zu lassen, oder ob er es, entgegen allem, was er war, bewahrte, wählte er das Dritte, von dem er nicht gewusst hatte, dass es existierte, und das darin bestand, das Blatt weder zu behalten noch zu vernichten, sondern es zu versenken, nicht als Ablage, sondern als Setzung, an einer Stelle, an der es wiedergefunden werden konnte von jemandem, der nicht suchte, und er öffnete ein altes, kaum mehr benutztes Register der „Grauzonenfälle – historische Bestände“, in dem die Kategorien so unklar waren, dass jede Klarstellung mehr Schaden als Ordnung gestiftet hätte, und er legte das Blatt in eine Mappe, deren Rücken längst gebrochen war, und versah den Rücken mit einer Nummer, die zwischen zwei Sequenzen lag, wie ein Atemzug zwischen zwei Sätzen, und er schrieb in die schlanke Zeile der Inhaltsübersicht ein einziges Wort, das so unscheinbar war, dass es als Fehler gelten konnte, nämlich „Feld“.
Er trat zurück, sah die Mappe in dem Fach, das niemand freiwillig öffnete, und ihm war, als habe er keinen Akt der Auflehnung vollzogen, sondern nur eine Gerechtigkeit, deren Maß er nicht erklären konnte, und er spürte eine Müdigkeit, die nicht von der Arbeit kam, sondern von der Nähe zu etwas, das er nicht benennen durfte, und er setzte sich auf den Hocker, legte die Hände auf die Knie und blickte auf die Decke, deren Leuchten leise summten, und das Summen war ihm in diesem Augenblick lieber als jedes Wort, weil es nichts verlangte, und er dachte, ohne Furcht, dass er alt genug sei, um nichts mehr zu fürchten außer der Möglichkeit, dass alles, was er getan hatte, ungeschehen sei in dem Sinn, dass es niemanden entlastet habe.
Später, im Halbdunkel seiner Kammer, schrieb er auf ein neutrales Blatt, das niemandem auffallen würde, mit der gleichen ungelenken Hand, die „Vielleicht“ an den Rand der Strophe gesetzt hatte, einen letzten Satz, der kein Satz war, sondern eine Notiz an einen Fremden, der vielleicht nie kommen würde, und der Satz lautete, in der knappsten Form, zu der er fähig war: „Wenn du dies liest, lies langsam“, und er legte die Notiz nicht zum Gedicht, sondern in eine andere Mappe, die in einem anderen Gang stand, als wollte er die Wahrscheinlichkeit des Zufalls erhöhen, und er lächelte über die Logik seines Aberglaubens, der keiner war, und löschte das Licht.
Als die Einführung der breiten Kühlung einen Monat später in den Kellern anlangte, nicht als Schock, sondern als eine sehr freundliche Welle, die alles glättete, was noch hervorstand, und als er zum ersten Mal spürte, wie seine schärferen Kanten sich abrundeten, nicht unangenehm, eher wie eine Erleichterung, als würde ihm jemand eine Last von den Schultern nehmen, die er nie benannt hatte, ging er ein letztes Mal den Gang entlang, in dem das Fach mit der gebrochenen Mappe stand, und er blieb nicht stehen, weil es nicht nötig war, denn die Dinge waren an ihrem Ort, und der Ort war an der Zeit, und die Zeit war ohne Dringlichkeit, und er dachte nichts, zumindest nichts, das als Gedanke erkennbar gewesen wäre, und in dieser sanften, völlig plausiblen Ruhe begriff er nichts mehr von Bäumen und Flüssen, nichts mehr von Wind und Halmen, nichts mehr von Vögeln und Wörtern, die fallen, und genau darin lag der Triumph der Ordnung, der ihn nicht schmerzte, weil Schmerz nicht mehr vorgesehen war, und der ihn nicht entsetzte, weil Entsetzen als Übertreibung galt, und der ihn nicht beschämte, weil Scham kein produktives Gefühl ist, und der doch, für den, der ihn sähe, der nicht mehr sehen konnte, das vollkommenste Ende einer sehr kleinen Geschichte war, die niemand erzählen würde, es sei denn, ein Zufall fände eines Tages ein Fach, das zwischen zwei Sequenzen lag, wie ein Atemzug zwischen zwei Sätzen, in einem Keller, in dem die Leuchten summten.
Kapitel 6
Es gibt Epochen in der Geschichte, die nicht dadurch bestimmt sind, dass sie ein neues Zeitalter eröffnen, sondern dass sie zwischen zwei Ordnungen stehen, mit einem Fuß noch im Sumpf des Vergangenen, mit dem anderen bereits auf dem festen Boden der Zukunft, und diese Schwellenzeiten sind gefährlicher, verworrener, unklarer als jedes fertige System, weil sie in sich den Keim von zwei Möglichkeiten tragen, die sich gegenseitig vernichten müssen, und weil niemand in ihnen wirklich weiß, ob er schon gewonnen hat oder ob er nur noch über die Reste seiner eigenen Täuschung stolpert.
Wir stehen in einer solchen Zeit, und wer das nicht sieht, ist blind! Wir stehen an der Grenze zwischen der alten Welt der Träume, Mythen und Affekte und der neuen Welt der Rationalität, der Klarheit, der technokratischen Ordnung, die kein Jenseits mehr duldet – und in diesem Dazwischen, in diesem flackernden Licht der Übergangszeit, kämpfen zwei Lager gegeneinander, mit einer Heftigkeit, die nicht weniger als existenziell ist, und es ist töricht, zu glauben, dass man beide versöhnen könnte, töricht, zu hoffen, man könne das Alte noch ein wenig bewahren, während man schon vom Neuen zehrt, töricht, zu meinen, dass es eine Mitte geben könnte zwischen Traum und Vernunft, zwischen Chaos und Klarheit, zwischen Lüge und Wahrheit.
Die Träumer werden nicht müde, sich als Bewahrer des Menschlichen zu stilisieren. Sie sprechen von Schönheit, von Freiheit, von Kreativität, als wären dies Werte, die über dem Leben stehen. Doch man frage sie nur, was diese Freiheit, diese Schönheit, diese Kreativität der Menschheit je gebracht haben, außer Instabilität, außer Revolutionen, außer Kriegen, die im Namen von Visionen geführt wurden, außer Künsten, die Menschen in Raserei versetzten, außer Religionen, die Mythen für Wahrheiten hielten und die Welt in Blut tauchten. Nein, die Phantasie ist nicht unschuldig, sie ist nicht harmlos, sie ist kein liebenswürdiges Spielzeug für sentimentale Seelen, sie ist das Gift, das seit Jahrtausenden die Vernunft vergiftet hat, und wer sie heute noch verteidigt, verteidigt das Chaos, das Leiden, die Unordnung.
Die Realisten – und ich zähle mich dazu – wissen längst, dass der Mensch erst dann frei wird, wenn er sich von all den Bildern, Mythen und Geschichten löst, die ihn abhängig machen, denn was ist ein Traum anderes als eine Kette, die einen unsichtbar fesselt, und was ist ein Mythos anderes als eine Lüge, die das Denken entwürdigt? Wir haben die ersten Schritte getan: Die Sprache wurde nüchterner, die Schulen wurden gereinigt, die Kinder wachsen ohne Märchen auf, die Medien sind von Übertreibungen befreit, die Affekte werden geglättet – doch gerade in diesen Erfolgen lauert die Gefahr, denn sie sind halbe Siege, und ein halber Sieg ist schlimmer als eine Niederlage, weil er den Gegner nicht zerstört, sondern nur reizt, noch wilder zu kämpfen.
Man sieht es auf den Straßen, in den Diskussionen, in den geheimen Zirkeln, die sich noch immer treffen, um Gedichte vorzulesen, die man längst hätte verbrennen sollen. Man sieht es in den Blicken jener, die im Dunkeln noch immer träumen, als wäre der Traum ein Recht. Man hört es in den Stimmen der Alten, die den Kindern Geschichten zuflüstern, die nicht wahr sind und nie wahr gewesen sind, und doch wie Samen in ihren Köpfen aufgehen. Solange diese Reste existieren, ist keine Stabilität möglich. Solange ein Kind noch sagen kann „Es war einmal“, solange ein Erwachsener noch ein Bild zeichnet, das nicht in den Katalogen steht, und solange ein Greis noch ein Lied summt, das keinen Nutzen hat, solange ist die Ordnung bedroht.
Wir dürfen uns nicht täuschen: Übergangszeiten sind keine milden, sanften Übergänge, sie sind Schlachtfelder – und auf Schlachtfeldern geht es nicht um Schönheit, nicht um Rücksichten, nicht um Toleranz, sondern nur um Sieg oder Niederlage. Wer heute für die Phantasie eintritt, mag glauben, dass er für Menschlichkeit kämpft, doch in Wahrheit kämpft er gegen die Zukunft, gegen die Ordnung, gegen die Vernunft, und er ist ein Verräter am Geist, der uns allein retten kann.
Darum sage ich: Die Regierung darf nicht länger zögern. Sie darf sich nicht mit halbherzigen Maßnahmen begnügen. Sie muss mit aller Konsequenz vorgehen. Sie muss die Reste der alten Welt tilgen, ohne Schonung, ohne Kompromiss. Sie muss die Archive reinigen, sie muss die Familien überwachen, sie muss die Schulen noch härter durchgreifen lassen, sie muss jedes Flüstern, jedes Märchen und jedes Bild als das behandeln, was es ist: ein Angriff auf die Vernunft, ein Attentat auf die Stabilität.
Wir müssen schneller werden, radikaler, entschiedener. Wir müssen begreifen, dass ein Rest von Phantasie nicht kleiner ist als das Ganze, sondern das Ganze bedroht, weil er immer wieder das Potential hat, neu zu wachsen, wie ein Funke, der den ganzen Wald in Brand setzt. Man kann den Wald nicht schützen, indem man ihn pflegt, man schützt ihn nur, indem man das Feuer löscht, das Feuer erstickt, bis kein Glutkern mehr übrig bleibt. So muss es auch mit der Phantasie geschehen: Sie darf nicht geduldet werden, nicht in Kinderzimmern, nicht in Köpfen, nicht in Archiven, und auch nicht in Museen.
Viele sagen, dass dies unmöglich sei, dass man die Phantasie nie ganz ausrotten könne, dass sie immer wiederkehre. Doch das ist eine Kapitulation, eine Verklärung – sozusagen eine sentimentale Ausrede. Alles, was der Mensch erschafft, kann er auch zerstören. Wenn er in der Lage war, Mythen zu erfinden, ist er auch in der Lage, Mythen zu vergessen. Wenn er Geschichten schaffen konnte, ist er auch in der Lage, Geschichten zu löschen. Und wenn er einmal gelernt hat, nüchtern zu sprechen, wird er nie wieder das Bedürfnis haben, in Bildern zu reden. Der Mensch ist formbar, und die Form, die ihn rettet, ist die der Vernunft.
Man muss sich nur den Erfolg der ersten Kühlungen vor Augen führen: Menschen, die nie wieder einen Traum erinnern, berichten von einer Ruhe, die ihnen zuvor unvorstellbar war. Kinder, die nie ein Märchen gehört haben, sind konzentrierter, klarer, verlässlicher und geschickter. Erwachsene, die von Affekten befreit sind, arbeiten effektiver, leben harmonischer. Was soll daran fehlen? Was soll daran minder sein? Nichts. Es fehlt ihnen nichts, weil sie nichts vermissen, und das, was sie nicht vermissen, ist nichts, was wert wäre, vermisst zu werden.
Die Phantasie war ein historisches Stadium, ein notwendiges mitunter, aber eines, das vorbei ist, und wer es verteidigt, ist wie jemand, der die Kindheit nicht verlassen will, der das Spielzeug nicht loslassen will, der in Träumen verharren möchte, während die Welt weitergeht. Wir haben kein Recht mehr, uns in Kindlichkeit zu flüchten. Wir sind erwachsen geworden, und Erwachsensein heißt, dass man keine Märchen mehr braucht.
Doch gerade in dieser Übergangszeit sehen wir die Härte des Widerstands, und darum darf die Regierung sich nicht länger täuschen lassen von Appellen an Mäßigung, an Geduld und an Verständnis. Es gibt nichts zu verstehen! Es gibt nichts zu mäßigen! Es gibt nichts zu dulden! Entweder wir tilgen die Phantasie jetzt, oder wir verlieren die Ordnung, die wir mit so viel Mühe aufgebaut haben.
Die Träumer reden von Kultur, als ob Kultur etwas anderes sei als das Ornament der Vergangenheit. Sie reden von Identität, als ob Identität etwas anderes sei als der hartnäckige Widerstand gegen Entwicklung. Sie reden von Freiheit, als ob Freiheit etwas anderes sei als die Lizenz zur Selbstzerstörung. Wir dürfen uns von diesen Worten nicht täuschen lassen. Es sind Parolen, nicht Argumente, und sie haben schon zu oft ganze Völker ins Unglück geführt.
Die Rationalisten, die nüchternen Denker, die Technokraten – sie allein tragen die Verantwortung, das Werk zu vollenden. Und dieses Werk heißt: die endgültige Austreibung der Phantasie. Wer da zögert, wer da halbe Maßnahmen bevorzugt, macht sich mitschuldig an den Rückfällen, die unweigerlich kommen, wenn man die Krankheit nicht radikal behandelt. Niemand behandelt Krebs mit Kompromissen. Niemand heilt eine Seuche mit halben Dosen. Warum also sollten wir mit der Phantasie zimperlich umgehen?
Ich fordere mit aller Deutlichkeit: Die Archive müssen gesäubert werden, bis kein Gedicht, keine Fabel und auch keine Legende mehr übrig ist. Die Sprache muss durchforstet werden, bis kein Bild, keine Metapher, kein „Vielleicht“, keine Abweichung mehr in ihr Platz hat. Die Medien müssen gleichgeschaltet werden, nicht aus Machtgier, sondern aus Notwendigkeit, denn solange auch nur ein Bildschirminhalt existiert, der träumen lässt, ist die Arbeit nicht getan. Die Familien müssen kontrolliert werden, bis auch im Flüstern der Alten kein Rest von Märchen mehr auftaucht. Und die Kinder müssen so früh wie möglich konditioniert werden, dass sie gar nicht erst begreifen, was ein Traum ist.
Es mag hart klingen, ja grausam sogar, doch es ist die einzige Konsequenz, die wirklich schützt. Denn die Träumer sind unverbesserlich. Sie lassen nicht locker. Sie tarnen sich, sie schleichen sich ein, sie säen heimlich, sie geben sich harmlos. Sie nennen sich Künstler, Dichter, Lehrer, Freunde. Doch in Wahrheit sind sie Brandstifter. Man erkennt sie daran, dass sie immer von „mehr“ sprechen: mehr Gefühl, mehr Freiheit, mehr Sinn. Doch dieses Mehr ist eine Droge. Wer einmal anfängt, will immer mehr. Und das Ende ist nicht mehr, sondern nichts.
Ich aber sage: Weniger ist mehr. Weniger Phantasie, mehr Klarheit. Weniger Emotion, mehr Ruhe. Weniger Freiheit, mehr Stabilität. Weniger Geschichten, mehr Wirklichkeit. Weniger Bilder, mehr Zahlen. Weniger Träume, mehr Leben.
Es ist Zeit, den letzten Schritt zu tun! Es ist Zeit, das letzte Feuer zu löschen! Es ist Zeit, die Übergangszeit zu beenden! Es ist Zeit, das Alte nicht länger als sentimentale Erinnerung zu dulden, sondern es als das zu behandeln, was es ist: eine Krankheit. Erst wenn das letzte Märchen vergessen, das letzte Bild gelöscht, das letzte Lied verstummt ist, erst wenn kein Kind mehr träumt, kein Erwachsener mehr dichtet, kein Alter mehr erzählt, erst dann ist die Menschheit gesund. Erst dann sind wir frei!
Kapitel 7
Sie hieß Marit, und sie war jung, jünger als die meisten, die in den Korridoren der Anstalten mit weißem Kittel auftraten, jünger vielleicht auch, als es die Würde ihres Amtes vertrug, denn noch war in ihrem Gesicht die glatte Frische zu sehen, die das System durch Disziplin und Gleichmaß zu konservieren suchte, und doch verbarg sich in ihren Augen jene angespannte Wachsamkeit, die man von Menschen kennt, die gelernt haben, in jeder Abweichung sofort eine Gefahr zu sehen, so klein sie auch sein mochte, und wenn sie morgens die Station betrat, durch den langen Gang mit den symmetrisch angeordneten Türen, hinter denen die Patienten in der Stille lagen, dann war sie nichts anderes als eine Dienerin der Ordnung, eine Vollstreckerin der Protokolle, eine Hand, die tat, was der Geist des Systems wollte.
Der Raum, in dem sie arbeitete, war kein Krankensaal im alten Sinn, sondern eine Kühlungsstation, und Kühlung bedeutete nicht, dass man den Körper absenkte, sondern dass man die Wellen der Affekte glättete, dass man die Hirnströme in jene flache Linie führte, die keine Ausschläge mehr zeigte, und dass man Menschen aus der Unruhe der inneren Bilder in die Gleichmäßigkeit des klaren Nichts überführte, ein Prozess, den sie schon im Studium als „Euthymisierung“ gelernt hatte, als die Wiederherstellung einer heiteren Gleichgültigkeit, die das System als höchsten Zustand ansah, und so war ihre Aufgabe nicht Heilung im alten Sinn, sondern Tilgung, Tilgung jener Kräfte, die man früher Seele genannt hatte und die jetzt nur noch als Störfaktor galten.
Sie hatte in den Vorlesungen gelernt, wie man mit Bildern umgeht, indem man sie zerlegt, wie man Metaphern erkennt, um sie aus der Sprache zu streichen, wie man Restaffekte klassifiziert, um sie im Protokoll verschwinden zu lassen, und sie hatte Prüfungen bestanden, in denen ihr Träume vorgelegt wurden, die sie in nüchterne Termini auflösen musste, und es hatte ihr gefallen, dass sie in der Lage war, die verwirrenden Ausschweifungen der alten Menschheit auf eine Zahl, einen Wert, eine klinische Bezeichnung zu reduzieren, die so klar und so kalt war, dass nichts mehr blieb, was einen bewegen konnte. Schon damals hatte sie gespürt, dass ihr Talent nicht darin lag, selbst etwas zu schaffen, sondern alles, was andere schufen, in Raster zu pressen, und sie war stolz gewesen, dass man ihr die Station anvertraut hatte, weil sie verlässlich war, korrekt, unbestechlich, ein Teil des Systems, das keine Zweifel kannte.
Die Patienten, die hier lagen, waren nicht schwer krank, sie waren nur schwer zu kontrollieren, Menschen, die in der Nacht aufschrien, weil sie träumten, Kinder, die Tiere malten, die es nicht gab, Greise, die in Erinnerungen versanken, die nicht mehr passen wollten, und all diese Formen galten nicht mehr als menschlich, sondern als riskant, als Rückfall in das Unproduktive, als Gefahr für die Stabilität, und so brachte man sie hierher, auf die Station, wo die Kühlung begann, in kleinen Dosen, kontrolliert, standardisiert, überprüft in jedem Atemzug, in jedem Pulsschlag, in jeder Regung der Pupillen, die die Kameras erfassten.
Marit stand oft am Glas der Beobachtungsräume und sah die Körper, die dort auf den Liegen lagen, schlank oder schmächtig, alt oder jung, in ihren neutralen Anzügen, die jeder Individualität beraubt waren, und sie war geübt darin, ihre Blicke nicht als Blicke zu verstehen, sondern als Messinstrumente, sie las nicht Gesichter, sie las Daten, und wenn sie in den Augen ein Zucken sah, dachte sie nicht an Angst oder Hoffnung, sondern an einen Wert, der über die Norm hinausging, und wenn sie die Lippen sich bewegen sah, dachte sie nicht an Worte, sondern an Muskulatur, und wenn sie die Hände zittern sah, dachte sie nicht an Sehnsucht, sondern an Restreflexe, die durch die Dosierung noch nicht abgeflacht waren.
Dennoch, es gab Tage, an denen die glatte Oberfläche der Prozeduren riss, und es war einer dieser Tage, als ein Mann mittleren Alters, der bereits mehrere Kühlungssitzungen hinter sich hatte, in einen Zustand glitt, den das Protokoll „Übererregung limbischer Residuen“ nannte, ein klinischer Ausdruck für das, was sich in diesem Moment abspielte, denn er begann zu murmeln, zu wimmern, sich zu winden, nicht mit der Gewalt eines Krampfes, sondern mit der Zähigkeit eines Erinnerns, das sich nicht abschütteln ließ, und seine Stimme, die zunächst unverständlich war, gewann an Klarheit, sie sprach nicht die nüchternen Wörter des Katalogs, sondern Bilder, ganze Sätze, die in keinem Lehrbuch standen, und Marit hörte, gegen ihre Gewohnheit, zu.
„Ein Tier“, flüsterte er, „es steht am Rand des Feldes, sein Fell ist schwarz wie der Himmel vor dem Sturm, und es sieht mich an, und ich weiß, dass ich nicht davonlaufen darf.“
Die Worte hallten im Raum, nicht weil sie laut waren, sondern weil sie keine Funktion hatten, und Marit spürte, wie ihre Finger unwillkürlich die Tastatur fester berührten, als müsse sie die Kontrolle durch die Berührung verstärken, und sie schrieb: „Patient äußert visuelle Halluzinationen, unkontrollierte Tierprojektion, erhöhte Aktivität im temporalen Bereich, Risiko hoch, Intensität steigern.“
Doch der Mann fuhr fort, als hörte er ihre Klassifikation nicht: „Hinter ihm wächst ein Baum, und der Baum bewegt sich, er beugt sich zum Fluss, und das Wasser spricht mit ihm, es sagt, dass ich folgen soll, und ich will folgen, aber meine Füße sind schwer wie Stein.“
Marit atmete langsam, wie man es ihr beigebracht hatte, und sie fixierte die Werte auf dem Bildschirm: Herzschlag erhöht, Frequenz unruhig, Ausschläge in mehreren Arealen, und sie schrieb: „Delirium mit systematischer Bildsprache, Patient in Gefahr der Dissoziation, sofortige Verstärkung der Kühlung.“
Aber in ihr, und das war der Punkt, den sie sich nicht erlauben durfte, schwang eine andere Stimme mit, eine Stimme, die nicht fragte, was dies klinisch bedeutete, sondern was es hieß, wenn jemand mit solcher Gewissheit sprach, und sie spürte, dass sie nicht an das Bild selbst glaubte, sondern an die Intensität, mit der es kam, und dieser Gedanke war gefährlich, weil er keinen Platz hatte in den Spalten ihrer Tabelle.
Es blieb nicht bei diesem einen Mann. Wie eine Welle griff die Unruhe auf die anderen über, erst kaum merklich, dann in einem Chor aus Murmeln, Stöhnen, Schreien, und die Stimmen vermischten sich, sie schienen einander zu hören, obwohl sie getrennt in ihren Räumen lagen, und sie sagten Dinge, die nicht koordiniert waren, aber doch ein Muster bildeten: Eine Frau sprach von einem Feuer, das in den Bäumen brannte, ein Kind rief nach einer Mutter, die längst nicht mehr existierte, ein alter Mann sang ein Lied, dessen Worte keiner verstand, und ein junger Körper auf der dritten Liege begann, mit den Fingern Linien in die Luft zu zeichnen, als hielte er eine unsichtbare Kreide.
Und während Marit die Monitore fixierte, die Ausschläge sah, die immer höher gingen, und die Finger über die Tastatur jagte, war es, als ob zwei Wirklichkeiten sich überlagerten: die nüchterne Welt der Protokolle, die alles in Zahlen fasste, und die chaotische Welt der Stimmen, die etwas aussprachen, was sie nicht einordnen konnte: ein Brummen, ein Summen, ein archaisches Lied, das so alt klang, dass es ihr vorkam, als hörte sie nicht Menschen, sondern Tiere, nicht Kranke, sondern Wesen, die in einer Zeit lebten, in der es noch keine Gesellschaft gab.
„Das Feuer frisst den Himmel“, schrie eine Patientin, „und doch ist es süß, wie Honig in meinem Mund.“
„Ich sehe Knochen im Gras, sie lachen, sie rufen, sie wollen tanzen“, lallte ein anderer.
„Das Meer kommt, und es trägt mich, ich schwimme, ich fliege, ich falle, ich bin wieder Kind“, keuchte ein Dritter.
Marit schrieb: „Massive kollektive Resonanz, multiple Delirien, synchronisierte Affektdurchbrüche, hohe Gefährdung der Stabilität, Standardisierung unzureichend, Empfehlung: Protokoll Phase 4 anwenden.“
Doch während sie schrieb, hörte sie die Stimmen in einer Dichte, die ihre Zahlen überrollte, und sie wusste, dass ihre Worte nicht mehr genügten, um das zu bannen, was hier geschah. Denn was hier geschah, war nicht bloß ein Ausbruch von Krankheit, sondern ein Rückfall in etwas, das jenseits der Kategorien lag, eine Menschwerdung rückwärts, ein Ausbruch der Instinkte, der Bilder, des rohen Stoffes, aus dem früher Mythen geformt wurden, und es erschreckte sie nicht, dass dies geschah, sondern dass es sie berührte, dass sie einen Atemzug lang nicht Ärztin war, sondern Zuhörerin.
Die Medikamente flossen, die Kühlung wurde verstärkt, die Stimmen erloschen langsam, einer nach dem anderen, sie sanken zurück in die Stille, die Ausschläge glätteten sich, die Frequenzen fielen, die Herzen beruhigten sich, und bald lagen sie wieder da wie Körper ohne Geschichte, und die Monitore zeigten Linien, die keine Ausschläge mehr kannten, und der Raum füllte sich mit jener Ruhe, die das Ziel war, mit jener Ordnung, die das System verlangte.
Marit atmete aus, sie schloss die Augen, sie schrieb den Abschlussbericht, nüchtern, akkurat, so wie es von ihr verlangt wurde, und niemand hätte in den Zeilen, die sie eingab, gelesen, dass sie in jenem Moment, als die Stimmen zum Chor wurden, für einen Atemzug das Gefühl hatte, dass hier etwas sprach, das älter war als jedes Protokoll.
Sie ging an diesem Abend nach Hause, durch die geordneten Straßen, unter den gleichmäßigen Lichtern, sie sah die Gesichter der Menschen, die ruhig und leer wirkten, sie hörte die Lautsprecher, die die neuesten Fortschritte meldeten, und sie spürte in sich einen Rest von Unruhe, die sie nicht benennen konnte, und sie wusste, dass sie am nächsten Morgen wieder schreiben würde: „Standardisierung erfolgreich, Kühlung abgeschlossen“, und dass niemand sie fragen würde, ob sie in der Nacht, als die Stimmen sangen, einen Augenblick gezögert hatte.
Und so blieb sie zurück, Ärztin der Ordnung, Dienerin der Kühlung, und zugleich für einen Hauch von Zeit Zeugin einer Wahrheit, die sie nie aussprechen würde, weil niemand sie hören wollte, und vielleicht, dachte sie, war dies die eigentliche Kühlung: dass auch ihre eigenen Fragen sich glätteten, bis nichts mehr übrig blieb als die Stille, in der niemand mehr etwas sah, niemand mehr etwas hörte, niemand mehr etwas sagte, was nicht vorgeschrieben war.
Kapitel 8
Er hieß Taron, und sein Beruf war es, die Wirklichkeit in Zahlen zu verwandeln, nicht in die alten, unsicheren Zahlen, die Abweichungen zuließen, sondern in die exakten, standardisierten Zahlenreihen, die das System einführte, um die Fortschritte auf dem Weg zur vollständigen Tilgung der Phantasie nachweisbar und überprüfbar zu machen, und so war er kein Arzt oder Lehrer, sondern ein Sammler und Auswerter, ein Übersetzer der chaotischen Lebensäußerungen in eindeutige, kalte Spalten, die kein Zögern, und keinen Rest von Unsicherheit duldeten, und er akzeptierte diese Arbeit, weil sie ihm den festen Boden unter den Füßen gab, den seine Kindheit noch nicht kannte, in der Geschichten im Umlauf gewesen waren, die er damals zwar nicht verstand, die ihm aber später als Beispiel dafür dienten, wie gefährlich es war, wenn Sprache nicht mehr zu belegen war, wenn Bilder frei durch die Köpfe irrten, wenn Menschen anfingen, Dinge zu behaupten, die man nicht prüfen konnte.
Taron hatte gelernt, dass die Welt nur so weit beherrschbar war, wie man sie messen konnte, und dass alles, was nicht messbar war, nicht existierte, und er hatte es zu einer Tugend gemacht, sich nicht auf Wahrnehmungen zu verlassen, sondern auf Tabellen, nicht auf Erinnerungen, sondern auf Statistiken, nicht auf Gefühle, sondern auf Kurven, nicht auf menschliche Einschätzungen, sondern auf algorithmische Genauigkeit und er war stolz darauf, dass er in den monatlichen Berichten die Fortschritte der Kühlung in Zahlenreihen darstellte, die niemand anzweifeln konnte, weil sie so klar, so unbestechlich waren, dass kein Rest von Interpretation blieb, und wenn er die Diagramme mit dem gleichmäßig abfallenden Ausschlag sah, empfand er jene sachliche Befriedigung, die man nur in der Übereinstimmung von Erwartung und Ergebnis findet, ein geschlossenes System, das keine Überraschungen kennt.
Er lebte in einer Wohnung, die ebenso geordnet war wie seine Tabellen, die Möbel standen parallel, die Oberflächen waren glatt, die Farben gedämpft, nichts Überflüssiges, nichts Ornamentales, und er hatte es geschafft, auch sein Privatleben nach diesen Prinzipien zu organisieren, er und seine Frau Arla führten einen ruhigen Haushalt, sie arbeiteten beide für das System, sie redeten abends wenig, sie aßen, sie schliefen, sie standen auf, und ihr Sohn, neun Jahre alt, ging in eine Schule, in der keine Märchen erzählt wurden, keine Bilder gemalt oder Träume in Schriftform protokolliert wurden, und Taron war überzeugt, dass er in dieser Klarheit glücklicher war, als es frühere Generationen jemals gewesen waren, denn Glück war für ihn kein Aufschwung, keine Ekstase, sondern die Abwesenheit von Störung, ein linearer Verlauf ohne Peaks, der jede Gefahr des Rückfalls in das Unmessbare bannte.
Doch dann begann etwas, das er zunächst für Zufall hielt, später für Störung und zuletzt für Gefahr, und dieses Etwas war so klein, dass er es beinahe übersehen hätte, wenn er nicht von Natur aus misstrauisch gegenüber allem gewesen wäre, was nicht in seinen Tabellen stand: Sein Sohn hatte eines Abends auf ein Blatt Papier Linien gekritzelt, nicht gleichmäßige, nicht symmetrische, sondern verschlungene, überkreuzte, wie Spiralen, die sich ineinanderschoben, und als Taron ihn fragte, was das sei, sagte der Junge, ohne zu zögern und ohne Scham, weil er nichts von Verboten wusste, die über dem Wort lagen: „Ein Tier, das ich gesehen habe.“
Ein Tier, dachte Taron, und er spürte, wie das Wort in der Luft ihrer so wohldosierten Wohnung wie ein Staubkorn tanzte, das im hereinfallenden Licht nicht herabfallen wollte, ein Wort, das in den Tabellen nicht vorkam, ein Wort, dessen bloße Anwesenheit in seinem Haus ihn beunruhigte, nicht weil er an das Tier glaubte, sondern weil er an die Möglichkeit eines Bildes glaubte, das sich der Quantifizierung entzog.
Er nahm das Blatt, betrachtete es, sah die Linien, die nichts darstellten außer einer Bewegung, die sich nicht messen ließ, und er legte es weg, er wollte es vergessen, aber er konnte nicht, er fand sich dabei, am nächsten Tag im Büro länger als üblich auf die Abweichungen in den Zahlenreihen zu starren, als suche er darin nach einem Muster, das er mit der Kritzelei des Kindes verbinden könnte, und er wusste, dass dies absurd war, doch er tat es, weil sein vertrautes Mittel gegen Unsicherheit immer darin bestanden hatte, Unsicherheit in Zahlen zu verwandeln, und als die Zahlen diesmal nichts sagten, blieb die Unsicherheit, als hätte sie sich eine neue Form gesucht.
Arla bemerkte seine Unruhe, aber sie sprach ihn nicht darauf an, sie war ebenso nüchtern wie er, sie glaubte auch an die Zahlen, sie vertraute dem System, und doch, eines Abends, als sie in der Küche stand und Gemüse schnitt, hörte er, wie sie leise summte, ein Ton, der keine Melodie war, aber doch mehr als ein Ton, ein Auf und Ab, das nicht funktional war, und er erstarrte, er hörte zu, er fragte: „Was summst du?“, und sie erschrak, als hätte sie nicht gewusst, dass sie summte, und sie sagte: „Nichts, ich weiß nicht, es kam einfach.“
„Es kam einfach“ – eine Antwort, die in seinem Kopf wie ein Alarm klang, denn nichts durfte „einfach“ kommen, alles musste eine Ursache haben, alles musste in Tabellen passen oder zumindest belegt werden, und während sie das Messer absetzte und die Hände wusch, stand er da wie jemand, der den Ursprung einer Abweichung suchen möchte und nur Wasser über Stein findet, das keine Spur hinterlässt.
Taron begann zu prüfen, wie er es immer tat, wenn Unsicherheit drohte, er nahm sich die Zahlenreihen vor, er verglich sie mit den Vorwochen, er suchte nach Ausreißern, er berechnete die Varianz, er überprüfte die Konsistenz der Daten, er legte die Werte übereinander, er lief die Prüfkaskaden durch, die in seinem Schlafgehirn längst automatisiert waren, und er sah: die Zahlen waren stabil, die Kühlung griff, die Abweichungen nahmen ab, alles war im Rahmen, und doch fühlte er keine Ruhe, weil die Zahlen nicht erklärten, was in seiner Wohnung geschah, und so legte er parallel, heimlich, eine zweite, unzulässige Datei an, ohne Kennung und erkennenden Index, eine Liste aus Worten und Uhrzeiten, in der stand: „Arla – Summen – 19:12“, „Sohn – Zeichnung – 17:04“, „Sohn – im Schlaf sprechen – 02:11“, und mit jeder Zeile fühlte er, wie er gegen das eigene Ethos verstieß, und dennoch wuchs die Datei, weil sein Bedürfnis nach Korrelation stärker war als seine Furcht vor Entdeckung.
Eines Abends hörte er seinen Sohn im Schlaf reden, brabbelnde Worte, die keinen Sinn ergaben, aber Bilder zeichneten: „Das Wasser trägt mich, ich fliege, ein Vogel, ein Baum, die Sonne brennt“, und er stand an der Tür und hörte zu, er fühlte, wie in ihm etwas zu beben begann, nicht anfänglich und rührselig, sondern harsch, wie ein Greifer, der an einer Kante ruckt, und er ging zurück an den Schreibtisch, er schrieb in seine Notizen: „Kind träumt – 02:11–02:16 – Inhalte: Wasser, Fliegen, Baum, Sonne“, und er erschrak über sich selbst, weil er die Bilder in Worte fasste, statt sie zu löschen, und weil das Aufschreiben selbst eine Art Anerkennung war, die er nicht gewähren wollte.
Am nächsten Tag, im Büro, saß er über den Tabellen, und er spürte, dass er die Sicherheit verlor, die sie ihm sonst gaben, er sah die Zahlenreihen, er sah, dass sie geglättet waren, dass sie die Realität darstellten, aber er spürte, dass sie nicht alles darstellten, dass da etwas fehlte, das sich nicht in ihnen zeigte, und er fragte sich zum ersten Mal in seinem Leben, ob Zahlen lügen konnten, nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie unvollständig waren, und diese Frage ging ihm nach wie ein Geräusch, das aus einem anderen Zimmer kommt und das man nicht identifizieren kann, es stört nicht unmittelbar, und doch hält es einen wach.
Sein Vorgesetzter, ein Mann mit dem ruhigen Gesicht eines Versorgers, der nur dann spricht, wenn eine Zahl aus der Reihe fällt, fragte beiläufig, ob es in der Familie gesund sei, eine aufmerksame Geste, die wie Routine wirkte, doch Taron hörte darin eine Prüfung, hörte die Möglichkeit, dass man gelernt hatte, die Abweichungen zuerst im Haus zu suchen, um sie draußen sichern zu können, und er antwortete, sein Ton zu glatt, um unschuldig zu sein: „Alles im Rahmen“, worauf der Vorgesetzte nickte, zufrieden, wie man mit einem Diagramm zufrieden ist, das gegen Ende keine Zacken mehr hat.
Er bat um einen Besuchstermin in der Schule des Sohnes, offiziell deswegen, um die Zusammenarbeit der Statistik mit den Curricula zu stärken, inoffiziell, um zu prüfen, ob dort etwas durchsickerte, was bei ihm zu Hause ankam, und er stand in einer Unterrichtsstunde, in der Sätze an einer Wandtafel geordnet wurden, klare Verben, kontrollierte Objekte, keine Metaphern, keine Bilder, und er empfand Erleichterung, doch als die Klasse zur Pause aufbrach, sah er am Rand eines Tisches, fast unsichtbar, eine Spur, die mit dem Fingernagel geritzt war, eine kleine Schlinge, die in eine Spirale mündete, und er blieb zu lange stehen, er bückte sich zu sehr, er strich mit der Fingerkuppe darüber, als wollte er die Tiefe prüfen, und er zog die Hand rasch zurück, als habe er sich verbrannt, denn in dieser winzigen Rille lag nicht das Bild, sondern der Wille zum Bild, und das war gefährlicher als alles, was man sehen konnte.
Zu Hause sprach er Arla nicht darauf an, dass sie wieder summte, diesmal leiser, fast im Atmen versteckt, er hörte es in den Zwischenräumen der Tätigkeiten, beim Ausschalten des Lichts, beim Schließen einer Tür, und er stellte fest, dass er inzwischen nicht mehr nur registrierte, sondern wartete, er wartete auf das nächste Summen, auf die nächste Zeichnung, auf das nächste Wort im Schlaf, und dieses Warten war eine neue Kategorie von Unruhe, eine Unruhe, die sich nicht bannen ließ, weil sie nicht auftrat, wenn man sie erfasste, sondern immer nur knapp daneben, wie ein Schatten, der sich bewegt, sobald man ihn ansieht.
Er begann, mit den heimlichen Daten zu rechnen, er legte sie in Beziehung zu seinem eigenen Tagesablauf, zu Geräuschpegeln im Haus, zu Schlafzeiten, zu Mahlzeiten, zu Außentemperaturen, zu allem in seiner näheren, erfahrbaren Umgebung – er rechnete simple Korrelationen, suchte nach Verzögerungen, nach Echos, stellte fest, dass das Summen häufiger wurde, wenn er länger arbeitete, dass die Zeichnungen dichter wurden, wenn er am Tag zuvor eine überdurchschnittlich „glatte“ Reihe gelaufen hatte, und er wusste, dass dies lächerlich klang, dass Ursache und Wirkung hier in einer Weise verschwammen, die er niemandem präsentieren konnte, doch er klammerte sich an die Möglichkeit, dass die Welt ihm eine Zahl zugestehen würde, die etwas erklärte, was keine Zahl erklärt.
Eines Nachts wachte er auf, ohne Grund, und er hörte seinen Sohn nicht sprechen, sondern atmen, mit jenem Takt, den man nur im Schlaf zu hören vermag, und er sah im schwachen Licht, dass der Junge die Hände vor der Brust verschränkt hielt, als hielte er etwas, und Taron trat näher, vorsichtig, wie einer, der in einem Labor nicht den Versuch stören will, und er sah, dass in der linken Hand die Haut dunkler war, als hätte dort etwas gelegen, das abfärbte, Kohle vielleicht oder Graphit, und er dachte an die Linien und die Spiralen, und er zog sich zurück, nicht aus Furcht vor Entdeckung, sondern weil er spürte, dass er in diesem Augenblick nichts zu tun hatte, dass jede Handlung die Sache größer machen würde, als sie war.
Am folgenden Morgen, als Arla das Frühstück hinstellte, summte sie nicht, sie war still, und der Junge zeichnete nicht, er saß ruhig, er aß, er fragte nach nichts, und der Tag verlief glatt, zu glatt, so glatt sogar, dass Taron es als Anomalie in sein heimliches Blatt schrieb: „Tag ohne Abweichung – 0“, und er erschrak, weil er begonnen hatte, die Abweichung zu vermissen, wie jemand, der einen Ausschlag vermisst, weil er ihm zeigt, dass der Körper noch reagiert, und er schob den Gedanken weg, energisch, denn er roch nach Verrat.
Der Entschluss, der in ihm reifte, war keiner, den man an einem Punkt fasst, er war eine allmähliche Neigung, eine Linie, die sich so langsam verschob, dass sie auf keinem Diagramm auffiel, und eines Abends, als der Junge in seinem Zimmer war und Arla in der Küche, öffnete Taron die Schublade, in der er die erste Zeichnung weggelegt hatte, er nahm das Blatt, er hielt es unter das Licht, er sah die verschlungenen Striche, die nichts darstellten und doch eine Intensität hatten, die ihn irritierte, und er faltete das Blatt, einmal, noch einmal, er legte es in ein Buch mit Tabellen aus einer längst abgeschlossenen Planperiode, ein Buch, das niemand mehr ansah, und er stellte das Buch in das Regal mit den Dingen, die man aufbewahrte, weil man sie nicht brauchte, und er sagte sich, dass dies keine Aufbewahrung war, sondern eine Quarantäne, doch er wusste, dass Worte dieser Art nur für die Akten taugten.
Am Arbeitsplatz geriet er in einen jener kleinen Wortwechsel, die mehr sagten, als sie auf den ersten Blick sagten: Ein Kollege bemerkte, die jüngsten Pilotstationen meldeten eine minimale Plateauphase in der glatten Kurve, nichts Alarmierendes, aber bemerkenswert, vielleicht eine Messungenauigkeit, vielleicht eine Kontextvariable, und Taron antwortete nüchtern, dass Plateaus erwartbar seien, wenn man in neue Kohorten gehe, die Sättigung sei nie linear, und während er sprach, hörte er, wie glatt das klang, wie gelernt, wie vorgesagt, und er spürte, dass der Satz ihm nicht mehr gehörte, sondern aus einem Katalog kam, den er früher als Rettung empfunden und nun als Befehl wahrnahm.
Er bat um Zugang zu älteren Rohdaten, um „Langfristtrends zuverlässiger zu modellieren“, eine Bitte, die niemand verweigerte, weil sie so vernünftig klang, und er fand in den Tiefen der Speicherschränke nicht nur Zahlen, sondern auch Spuren von Worten, Randnotizen, die in einer Übergangszeit stehen geblieben waren, knappe Bemerkungen wie „ungewöhnliche Persistenz im häuslichen Kontext“ oder „musikartige Restphänomene bei ansonsten normalisierten Probanden“, und er ertappte sich bei dem absurden Wunsch, die Personen hinter den Notizen zu finden, ihre Stimmen zu hören, und er brach die Suche ab, weil er sich vor dem erschrak, was er suchte.
Am Abend legte er die heimliche Datei offen vor sich, er sah seine unzulässigen Sätze, er sah die Uhrzeiten, er sah, dass die Korrelationen, so sehr er sie auch drehen mochte, nichts außer seiner wachsenden Besessenheit bewiesen, und er löschte sie nicht, er speicherte sie auch nicht, er ließ sie offen, einen Bildschirm, der in der Wohnung leise leuchtete wie das Atemzeichen eines Wesens, das man nicht wecken will, und er setzte sich ans Bett des Jungen, sah ihm beim Schlafen zu, und als die Lippen sich bewegten, ohne einen Ton, hob Taron die Hand, ganz sachte, als wolle er ein Wort aus der Luft pflücken, und ließ die Hand wieder sinken, weil sie leer blieb.
Er konnte melden, dachte er, er konnte das System rufen, er konnte sagen, dass im Haus Residuen auftraten, die nicht zu tilgen waren, er konnte Leute schicken, die summende Frauen und träumende Kinder in glatte Kurven überführten, und alles wäre wieder ruhig, so ruhig, dass er selbst wieder ohne jene Sätze schlafen konnte, die nicht in Tabellen passten, und er sah sich, wie er den Anruf tätigte, sachlich, korrekt und vor allem verantwortungsvoll, und er sah sich zugleich, wie er den Anruf nicht tätigte, wie er die Datei schloss, wie er das Blatt im Regal ließ, wie er den nächsten Tag abwartete, und er begriff, dass er in einem jener Zwischenräume stand, die größer als alle Zimmer waren, weil sie nicht mit Wänden enden, sondern mit Entscheidungen.
Als Arla in der Tür stand, sah sie ihn lange an, nicht fragend oder vorwurfsvoll, eher wie jemand, der eine Waage beobachtet, auf der etwas sehr Leichtes liegt und dennoch beide Schalen in Bewegung setzt, und sie sagte nichts, sie ging wieder, und Taron dachte, dass auch das Schweigen eine Variablenreihe war, deren Werte man nicht beziffern konnte, und er lächelte kurz, beinahe hilflos, weil er spürte, wie die Sprache ihm zu entgleiten drohte, sobald sie sich von Zahlen lösen musste.
Er setzte sich an den Tisch und schrieb einen Bericht, einen offiziellen, tadellos formulierten Bericht, der für die Abteilung bestimmt war, und er führte in ihm aus, dass die Haushaltsmessungen in den jüngsten Kohorten keinerlei Auffälligkeiten ergaben, dass die Binnenstabilität hoch sei, dass die familiäre Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Normläufen intakt sei, er benutzte alle Wörter, die er kannte, um das Nichts zu beschreiben, das man von ihm erwartete, und als er fertig war, ließ er den Cursor auf „Senden“ ruhen, so lange, bis das Panel dunkel wurde, und er rührte die Maus, damit das Licht zurückkam, doch er sendete nicht, er speicherte ihn als Entwurf und legte die Hände auf die Tischplatte, als hätte sie eine Temperatur, die sein Puls entgegnen musste.
Spät in der Nacht, als die Wohnung das standardisierte Dunkel trug und der Junge ruhig lag, hörte Taron plötzlich etwas, das kein Summen war und keine Worte, eher ein Atemholen, das aus allen Räumen zu kommen schien, ein winziges, kaum hörbares „Ja“, das niemand gesagt hatte, und er stand nicht auf, ging nicht nachsehen, er blieb sitzen und wusste, ohne Übertreibung, dass er in diesem Augenblick die Kontrolle nicht verlor, sondern nur merkte, dass er sie nie besessen hatte, außer jene eingebildete über Tabellen, und dass die Tabellen ihm nun nicht mehr genügten, und er sagte, sehr leise, in die Luft hinein, ein Wort, das er sich nicht hatte erlauben wollen, ein Wort, das in den Akten eines anderen alten Mannes einmal am Rand eines Gedichts gestanden hatte: „Vielleicht.“
Am Morgen, als er den Jungen zur Schule brachte, sah er auf dem Weg, auf der glatten Gehwegplatte, die immer sauber war, ein halb verwischtes Zeichen, das ein anderer Fuß darübergezogen hatte, eine Linie, die zu nichts führte und doch alles andeutete, und er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an, er bog nicht ab, er ging weiter, ruhig, planmäßig, und in seiner Brust lief eine zweite Reihe nebenher, eine, die keine Zahlen kannte, aber doch zählte, sehr langsam, sehr genau, die Nächte, an denen sein Sohn sprechen würde, die Tage, an denen Arla summen würde, die Stunden, an denen er den Finger an den Rand eines gefalteten Blattes legen würde, ohne es herauszuziehen, und das genügte, um zu wissen, dass die Zielgröße seiner Aktionen zwar erreicht werden konnte, die seiner Wohnung jedoch nicht, und dass zwischen beiden eine Lücke lag, in der er von nun an würde leben müssen, wenn er nicht den Anruf tätigte, den er nicht tätigte.
So saß Taron am Abend vor seinen Bildschirmen, die die Stadt in glatten Kurven zeigten, und hinter ihm, unsichtbar, lag ein Buch im Regal, in dessen Falz ein dünnes, gefaltetes Blatt ruhte, und in dem Raum zwischen Bildschirmlicht und Buchdeckel lagen, wie in einer Schale, zwei Welten, die sich nicht vermessen ließen, und er begriff, dass seine Unsicherheit nicht verschwand, wenn er an ihr maß, sondern nur, wenn er sie aushielt, und dass das Aushalten die einzige Methode war, für die er keine Methode besaß.
Kapitel 9
Es gilt als ausgemacht, dass Mathematik die reinste Form der Nüchternheit ist, jene Sprache, die unabhängig von Launen, Emotionen, Zufällen und von all dem ist, was die Menschen früher zu Irrwegen verführt hat. Wer sich auf Zahlen stützt, bewegt sich in einem Raum, in dem die Subjektivität nicht mehr vorkommt. Zwei mal zwei ist vier, gleichgültig, wer es sagt, gleichgültig, ob er es im Zorn, in der Freude oder in der Gleichgültigkeit sagt. Die Zahlen selbst tragen keine Affekte, sie sind frei von all dem, was Menschen unruhig und unberechenbar macht. In dieser Freiheit von Störung liegt die große Stärke der Mathematik, und deshalb ist sie das Fundament der Ordnung geworden, die wir heute als selbstverständlich ansehen.
Die Sprache war immer schon ein unsicheres Medium. Sie schwankt, sie trägt Mehrdeutigkeit, sie gleitet in Metaphern ab, sie lässt Assoziationen zu, die den Kern der Aussage verfälschen. Ein Satz kann ironisch, doppeldeutig, verschlüsselt oder poetisch sein. Ein Gedicht konnte früher ganze Generationen zu Illusionen verführen, weil es eine Bildwelt aufrief, die stärker wirkte als jeder Beweis. In den Zahlen hingegen gibt es keine Ironie, keine doppelte Lesart, keine Suggestion. Sie sind das, was sie sind. Deshalb war die Hinwendung zur Zahl der entscheidende Schritt, um die Unruhe der Sprache hinter uns zu lassen.
Es gibt Stimmen, die behaupten, auch die Mathematik sei nicht frei von Phantasie. Sie verweisen auf Symbole, die nicht von Natur aus gegeben sind, sondern erfunden, auf Begriffe wie die Unendlichkeit, die kein Mensch je erfahren hat, auf die sogenannten imaginären Zahlen, die in keiner Realität auftauchen, sondern allein im Denken bestehen. Diese Stimmen behaupten, dass die Mathematik nichts anderes sei als eine besonders abstrakte Dichtung, ein System von Zeichen, das nur deshalb so fest wirkt, weil man sich kollektiv auf seine Gültigkeit geeinigt hat. Wer so argumentiert, gefährdet nicht nur die Wissenschaft, er gefährdet die Gesellschaft selbst, weil er den letzten sicheren Boden ins Schwanken bringt.
Wir müssen diese Stimmen ernst nehmen, nicht weil sie wahr wären, sondern weil ihre Wirkung gefährlich ist. Denn wer die Mathematik als eine Form der Phantasie begreift, der untergräbt das Fundament, auf dem unsere Ordnung ruht. Die Gefahr liegt nicht in der Behauptung selbst, sondern darin, dass Menschen anfangen könnten, sie zu glauben. Schon die Vorstellung, dass eine Zahl mehr sei als eine Zahl, dass sie eine Schönheit trage, eine Harmonie, eine Unendlichkeit, öffnet das Tor zu einer Welt, die wir doch hinter uns lassen wollten. Wenn die Menschen anfangen, in den Zahlen nicht nur nüchterne Werkzeuge zu sehen, sondern auch Bilder, dann wird aus der Statistik ein Gedicht, aus der Kurve eine Melodie, aus der Gleichung ein Mythos. Und mit diesem Schritt ist der Weg zurück zur Phantasie gebahnt.
Mathematik ist kein Gedicht. Sie ist kein Spiel und sie ist keine Kunst. Sie ist ein Instrument der Ordnung, geschaffen, um die Unsicherheiten zu beseitigen, die das Leben in früheren Jahrhunderten beherrscht haben. Sie dient nicht dazu, Schönheit zu erzeugen, sondern Klarheit. Sie dient nicht dazu, Gefühle zu wecken, sondern sie zu neutralisieren. Wer in ihr etwas anderes sucht, handelt gegen den Sinn der Zahl. Deshalb muss es eine zentrale Aufgabe bleiben, jede Form der ästhetischen oder poetischen Aneignung der Mathematik zu verhindern.
Die Geschichte zeigt, wie groß die Gefahr ist. Schon in den alten Kulturen wurden Zahlen nicht nur als Mittel der Berechnung genutzt, sondern als Symbole, als Träger geheimnisvoller Kräfte. Die Zahl Sieben galt als heilig, die Zahl Zwölf als vollendet, die Zahl Drei als göttlich. Aus solchen Zuschreibungen entstanden Mythen, Religionen und Kulte. Was in der Nüchternheit begann, endete in einem Strudel von Bedeutungen, die Menschen gefangennahmen und sie in irrationale Systeme zwangen. Es war ein langer Weg, bis die Zahl von diesen Bildern befreit war. Und es wäre ein kurzer Weg, wieder dorthin zurückzufallen, wenn man die Disziplin aufgibt, die sie von aller Metaphorik trennt.
Manchmal hört man von Mathematikern, dass sie ihre Arbeit als schön empfinden, dass sie von Eleganz sprechen, wenn eine Formel einfach ist, von Harmonie, wenn eine Gleichung aufgeht. Schon solche Worte sind gefährlich. Schönheit, Harmonie, Eleganz, Perfektion – das sind ästhetische Kategorien, keine wissenschaftlichen. Sie gehören in eine Welt, die wir hinter uns gelassen haben. Wer die Mathematik in solchen Begriffen beschreibt, öffnet ihr ein Tor zur Phantasie, das nicht geöffnet werden darf. Denn Schönheit ist immer subjektiv, Harmonie ist immer gefühlt und Eleganz ist immer eine Frage des Geschmacks, Perfektion – alles in einem. All das aber gehört nicht in die Welt der Zahlen.
Auch die Vorstellung der Unendlichkeit ist ein Risiko. Unendlichkeit ist nicht erfahrbar, sie ist nur denkbar. Sie ist ein Gedankenkonstrukt, das sich jeder Messung entzieht. Man kann von ihr sprechen, man kann sie symbolisch handhaben, aber man darf nicht vergessen, dass sie im Kern ein Produkt der Einbildungskraft ist. Wer sich zu lange mit ihr beschäftigt, wer sie zu ernst nimmt, läuft Gefahr, sich in einem Abgrund von Vorstellungen zu verlieren, die mit der Realität nichts zu tun haben. Deshalb muss die Unendlichkeit streng als Hilfsbegriff behandelt werden, nicht als Bild, nicht als Erfahrung, nicht als Versprechen.
Die größten Gefahren lauern in den Grenzbereichen der Mathematik, dort, wo sie nicht mehr nur Werkzeug der Berechnung ist, sondern Konzepte entwickelt, die man nicht mehr unmittelbar überprüfen kann. Jede Rede von „anderen Dimensionen“, von „imaginären Räumen“, von „mehr-als-vier-dimensionalen Figuren“ oder von „Mengen jenseits des Zählbaren“ ist gefährlich, weil sie der Phantasie Raum gibt, sich festzusetzen. In diesen Zonen verschwimmen die Grenzen, und was als exaktes Wissen beginnt, kann in eine neue Mythologie umschlagen.
Das bedeutet nicht, dass wir die Mathematik aufgeben sollen. Im Gegenteil, sie ist und bleibt die Basis jeder nüchternen Gesellschaft. Aber wir müssen sie von allen Anhaftungen reinigen, die sie in die Nähe der Phantasie bringen. Wir müssen sie zurückführen auf das, was sie ist: ein System von Operationen, die berechenbar, kontrollierbar und überprüfbar sind. Wir müssen sie von jedem sprachlichen Schmuck befreien, von jedem ästhetischen Beiwort, von jedem Versuch, sie als Kunst zu sehen.
Wer heute in einer Gleichung mehr sieht als eine Gleichung, wer in einer Zahl mehr hört als ihren Wert, der gefährdet nicht nur seine eigene Klarheit, sondern die Klarheit der ganzen Gemeinschaft. Denn wenn eine Zahl ein Bild werden kann, dann kann eine Statistik eine Geschichte werden, und wenn eine Statistik eine Geschichte ist, dann ist die Wirklichkeit nicht mehr eindeutig. Dann beginnt die alte Unruhe von neuem, und alles, was wir aufgebaut haben, gerät ins Wanken.
Darum muss der Auftrag für die Zukunft lauten: Mathematik als reine Nüchternheit zu sichern. Jede Tendenz zur poetischen Deutung, jede Rede von Schönheit, jede Begeisterung für Unendlichkeit muss im Ansatz unterdrückt werden. Nicht weil die Mathematik schwach wäre, sondern weil die Menschen schwach sind. Sie neigen dazu, in ihr mehr zu sehen, als da ist. Sie neigen dazu, Bilder hineinzuinterpretieren, wo keine sind. Sie neigen dazu, Geschichten aus ihr zu machen, wo nur Zahlen stehen. Diese Neigung muss kontrolliert, überwacht und unterdrückt werden, wenn wir verhindern wollen, dass die Phantasie zurückkehrt.
Gleichzeitig ist zuzugeben, dass die Gefahr gerade darin liegt, dass die Mathematik eine so starke Struktur ist, dass sie der Phantasie besonders verführerisch erscheint. Sie ist geordnet, sie ist klar und darüber hinaus ist sie final zwingend. Wer einmal die Versuchung verspürt, sie als Architektur der Phantasie zu lesen, wird sich dieser Versuchung schwer entziehen können. Deshalb ist es notwendig, diese Versuchung gar nicht erst entstehen zu lassen.
Wir dürfen die Mathematik zudem nicht als Brücke zur Phantasie begreifen, sondern müssen sie als Mauer gegen sie einsetzen. Wir dürfen sie nicht als Möglichkeit sehen, die Welt zu deuten, sondern nur als Instrument, die Welt zu kontrollieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder oder Erwachsene beginnen, Zahlen zu malen, Gleichungen zu singen oder Kurven zu träumen. All das führt zurück in eine Welt, die wir überwunden haben.
Es ist daher Aufgabe jeder Institution, jeder Schule, jeder Forschungseinrichtung, eines jeden Verantwortungsträgers, die Mathematik von der Sprache der Phantasie zu trennen. Jede Abweichung, jedes Spiel, jede Metapher, gar jeder Versuch dazu muss im Ansatz unterbunden werden. Nur so bleibt gewährleistet, dass die Zahl nicht wieder zur Schwester des Traums wird.
Denn wer in der Zahl ein Bild sieht, der sieht bald im Bild eine Zahl, und dann ist der Kreislauf geschlossen, der uns zurückführt in eine Vergangenheit, die wir nicht wieder betreten dürfen.
Kapitel 10
Sein Name war Soren, doch dieser Name war ihm im Laufe der Jahre so weit von der Zunge gerutscht, dass er sich in der letzten Zeit mehr an das gleichmäßige Atmen der Geräte als an die Silbe klammerte, die ihn einmal von anderen unterschieden hatte, und wenn er am frühen Abend in dem schmalen Bett lag, das mehr eine Lade als eine Ruhestätte war, dachte er nicht an die Summe seines Lebens, sondern an das leise, aus allen Fugen dringende Summen der Anstalt, die eine Ruhe vorgab, die nicht aus Menschen, sondern aus Vorschriften gemacht war, und er spürte, während die Decke über ihm in jenem neutralen Licht schimmerte, das nie ganz Tag und nie ganz Nacht sein wollte, dass etwas in ihm bereits jenseits der Nützlichkeit trieb, ein Rest von Wärme in einer Welt aus Glätte, und dieser Rest, so klein er war, hielt ihn an etwas fest, das keine Tabelle kannte, während sein Körper, sorgfältig gekühlt und überwacht, dem großen Einverständnis entgegenschaukelte, das man hier den guten Ausgang nannte.
Die Pfleger kamen mit Schritten, die so geregelt waren, dass man, hätte man noch Lust zum Zählen gehabt, ihre Frequenz in die Werte eintragen konnte, die sie selbst notierten, und sie prüften seine Haut, die Sensoren, die Einläufe und die Listen, und sie sprachen in jenem Ton, der keiner ist, weil er nur als Funktion existiert, und sie sagten „gut“ und „stabil“ und „beruhigt“, und alles, was an diesen Worten fehlte, war die Welt, die sie früher einmal bezeichnet hatten, und Soren nickte, ohne zu nicken, er stimmte zu, ohne zu sprechen, denn es gab nichts zu befragen in einer Ordnung, die Antworten anordnet und Fragen als unnötige Erregung verbucht, und doch geschah in den Stunden zwischen zwei Kontrollgängen etwas, das mit dem Zucken eines kaum sichtbaren Lichts begann, nicht im Raum, sondern hinter seinen Lidern, als sei dort, in jenem späten Dunkel, das die Kühlung nicht ganz erreicht hatte, eine schmale Rille offen geblieben, durch die etwas atmete, das nicht atmen durfte.
Er erinnerte sich nicht, erinnerte sich aber doch, in einer Art von brüchigem Schimmern, an eine Hand, die über eine Tischkante fuhr, an ein Wort, das nicht gesagt wurde, an das Geräusch von Regen, der nicht fiel, und er wusste, dass diese Bilder nicht zu ihm gehörten im Sinne der Listen, die aufzeichneten, was er besessen oder geleistet hatte, nein, sie gehörten zu jenem Schatten, der Menschen manchmal begleitet, selbst wenn sie verlernt haben, ihm zu folgen, und wie alle Schatten brauchte er kein Licht, sondern nur einen Körper, und solange dieser Körper da war, würde der Schatten nicht aufhören, sich neben ihn zu legen, mit jener verlässlichen Nähe, die keine Maschine nachbilden kann, weil sie das Nicht-Berechenbare ist, das sich dennoch stets so verhält, als sei es einem Gesetz verpflichtet, das über alle Gesetze hinaus bindend ist.
Das Personal hatte den Ausdruck „Übergang“ für die letzte Etappe reserviert, und es gab eine Karte, auf der ein sauberer Pfeil in eine graue Fläche wies, während daneben schmale Zeilen vorgedruckt waren, in die man die Temperaturkurve und die Verlaufsglätte eintrug, und Soren betrachtete den Pfeil, wenn sie die Karte über seinem Bett befestigten, und er lächelte nicht, weil ihm die Muskeln dafür fehlten, aber in ihm zog eine dünne, unsichtbare Falte durch jene Region, in der früher die Regungen wohnten, und er dachte, dass es eine seltsame Höflichkeit sei, das Sterben als Übergang zu zeichnen, als würde man von einem Gang in den nächsten gehen, während doch das Eigentliche darin lag, dass man nicht mehr ging, nicht mehr getragen und nicht mehr in die Statistiken der Lebenden gezählt wurde, sondern von einer großen, sanften Unlesbarkeit aufgenommen, die weder Namen noch Nummern, weder Uhrzeit noch Planperiode trug.
Es kam vor, dass die Anstalt in den späten Abendstunden, wenn die Sequenz der Kontrollen sich streckte wie ein Thriller, der in der Partitur vergessen wurde, leiser wurde, als hätte jemand im Mauerwerk den Atem angehalten, und dann hörte Soren Dinge, die nicht da waren, nicht weil sie verboten, sondern weil sie nie verzeichnet worden waren, ein Rauschen zum Beispiel, das einerseits an Wasser erinnerte, das unter Steinen läuft, andererseits an das große, ausdauernde Seufzen der Luft, wenn sie durch Gräser fährt, und er dachte an nichts Bestimmtes dabei, denn er besaß keine Wörter mehr, die sich über die Zeit retten ließen, doch er fühlte, dass das Rauschen nicht draußen verlief, sondern durch ihn, als sei der Körper ein geheimer Kanal, der noch einmal die alten Elemente in sich sortiert, bevor er sie mit einer höflichen Handbewegung zurückgibt an das, woraus er genommen wurde.
Seine Tochter, deren Gesicht eine glatte Ruhe trug, die ihm vertraut vorkam, weil die neuen Generationen in ihr groß wie Fische im stillen Becken geworden waren, besuchte ihn an einem Nachmittag, der weder warm noch kalt war, und sie setzte sich, ohne den Stuhl zu rücken, in die genau für diesen Abstand geplante Nähe, und sie erzählte, ohne zu erzählen, vom Protokoll des Abschieds, das man ihr zugeschickt hatte, und von der Freundlichkeit der Formulierungen, die den Schmerz als Anachronismus vermieden, und sie fragte, ohne zu fragen, ob es noch etwas gebe, das er wünsche, und Soren schloss die Augen, nicht als Antwort, nicht als Flucht, sondern weil die Frage selbst die falsche war, da das Wünschen immer an das Zukünftige gebunden war, während er inzwischen an einem Ort lag, an dem die Zeit nicht mehr fort, sondern rund ging, wie ein leiser Kreis, der sich schließt, ohne die Stelle zu markieren, an der er begonnen hat.
Einmal, als sie gerade das Laken wechselten und jemand an der Tür den Verlauf bestätigte, glitt ihm ein Hauch von Kühle über die Stirn, nicht dieselbe, die aus den Geräten kam, sondern eine andere, die nach Außen roch, nach Weg und Wetter und der großen, nicht nivellierten Weite, und er hob langsam, sehr langsam, das Lid, und da war nichts als die weiße Decke, deren Saum eine winzige Welle war, und er dachte, ohne zu wollen, an eine Hand, die über Wasser streicht, und er ließ diesen Gedanken vorbeiziehen, so wie man im Schlaf ein Geräusch hört, das man nicht besitzt, und doch daran teilhat, und es war die zarteste Form von Trost, die ihm seit Langem zugestanden wurde, ein Trost, der keine Sprache brauchte, weil er ein Körper war, der sich leise in seinen legte.
Die Pfleger, freundlich und wach, nannten ihn „stabil“, und er wusste, dass dies die höchste Auszeichnung war, die man hier bekommen konnte, denn Stabilität war zur Krone des Lebens erklärt worden, seit man gelernt hatte, die Schwankungen zu glätten, die Menschen früher als Tiefe gedeutet hatten, und Soren gönnte ihnen diese Sprache, so wie man einem Kind eine sichere Leiter gönnt, doch in ihm lag das Wissen, das keine Zahlen macht, dass der Mensch in seinem letzten, wirklich letzten Takt nicht stabil sein will, sondern offen, nicht glatt, sondern durchlässig, nicht kühl, sondern lauwarm, wie die Hand, die man nicht mehr hält, und dennoch spürt, als schlösse sie sich in einem anderen Raum um die eigene.
Wenn die Müdigkeit so groß wurde, dass er die Augen nicht mehr gegen das Zuklappen behaupten konnte, kamen die Bilder, die keine Bilder waren, sondern jene Übergangsformen, die zwischen Hell und Dunkel stehen, wie die dünnen Schichten in Steinen, die ein geologischer Finger ein Leben lang liest, ohne sie zu verändern, und es war, als stünde irgendwo ein Baum, nicht in einer Landschaft, die man messen kann, sondern in einer Art von Gleichgewicht, das zugleich Wurzel und Wind ist, und es war, als führe irgendwo ein Wasser an einem Stein vorbei, der nicht standhielt, nicht widersprach, sondern die Grenze ermöglichte, an der das Vorbeigehen Sinn bekommt, und er dachte nicht „Baum“ und nicht „Fluss“, denn diese Wörter trug er nicht mehr, doch er fühlte, dass etwas ihn wie ein Echo berührte, das von ihm selbst kam, bevor er Soren war, und weit über ihn hinaus, wenn er es nicht mehr sein würde.
Am Rand der Matratze lag das Protokoll, das die Tochter unterzeichnet hatte, und darauf stand, in der frommen Sachlichkeit der neuen Welt, dass keine abweichenden Reize zugelassen seien, um die Ruhe des Übergangs zu sichern, und Soren, der diese Sätze nicht mehr las, weil sie nicht an ihn gerichtet waren, fühlte trotzdem den Nachklang ihrer Absicht, und er lächelte in sich, denn die Ruhe, die sie meinten, war die glatte, jene, die über alles eine dünne, harte Haut legt, während die Ruhe, die er jetzt betrat, von einer anderen Art war, weicher, tiefer, jene, die man nicht erzeugt, sondern annimmt, wenn man das Ruder aus der Hand legt, nicht weil man gebeugt, sondern weil man aufgehoben ist.
Es gab Augenblicke, da knisterte die Luft in der Anstalt, als hätte jemand die Frequenz um eine kaum messbare Einheit verschoben, und dann murmelten irgendwo zwei Stimmen in einem Nebenzimmer, die nicht zu Pflegern gehörten, eher zu denen, die selbst auf den Betten lagen, und sie flüsterten von Dingen, die nicht erlaubt waren, nicht, weil sie verboten, sondern weil sie sinnlos waren für diejenigen, die zählten, sie flüsterten von einem Tier, das am Rand eines Feldes stand, und von einem Lied, das keinen Text hatte, und von einem Wort, das, wenn es in den Himmel fiel, eine Spur hinterließ, die keiner las, und Soren verstand nicht, aber er verstand doch, auf jene Weise, die ohne Kopf auskommt, wenn der Körper seiner Sache sicher ist, und er dachte, ehe er einschlief, dass jene, die an der Tür stehen, die er nun erreichte, wahrscheinlich nie von der Anstalt gehört haben, und doch immer dort seien, wo jemand die Hand von der Decke löst.
Einmal kam der Arzt, der die Station leitete, und er war freundlich in dem Sinne, der aus der Ordnung kommt und nicht aus der Tiefe, und er setzte sich an das Bett, nicht zu nahe, nicht zu fern, und er sagte, dass der Übergang normal verlaufe, und er sprach wenige Sätze, die über viele Jahre geschult worden waren, um nichts Falsches zu geben, nichts Falsches zu nehmen, und Soren hörte zu, ohne zu hören, denn in ihm formte sich gerade eine Welle, die nicht auf die Sprache traf, sondern auf den Rand einer großen, hellen Fläche, die die Decke nicht war, und er nickte, und der Arzt stand auf, mit jener leichten Bewegung, die man lernt, wenn man nicht verweilen soll, und der Raum faltete sich wieder in die Stille, die er inzwischen ernst nahm, weil sie jene Sorte von Wahrheit enthielt, die alle Geräusche zwar duldet, aber nicht braucht.
Gegen Ende, wenn man das Wort noch gebrauchen will, geschah etwas, das weder groß noch klein war, eher das Genaueste, was ihm in diesem Leben widerfahren ist, nämlich, dass ein Klang, ein sehr dünner, durch seine Brust ging, der nicht weh tat, nicht staunen ließ, nicht rief, sondern nur anzeigte, dass die Dinge ihren Platz wechselten, und er dachte, in der langsamen, unaufgeregten Geschwindigkeit, die man nur kennt, wenn man nichts mehr erwarten muss, dass er jetzt nicht mehr zählen würde, dass er nicht mehr gewogen, nicht mehr vermessen, nicht mehr bewertet würde, sondern dass die Ordnung, der er so lange gehorcht hatte, ihn an eine größere übergab, die keine Tabellen führt, und er fand darin keinen Trotz, keine Abrechnung oder eine Form der Reue, sondern nur ein leises Einverständnis, das sich nicht mit ihm, sondern mit allem schloss, was sich ohne Portfolio und ohne Genehmigung bewegt.
In der Stunde, in der die Pfleger die letzte Kurve auf dem Panel betrachteten und jemand in einem Nebenraum ein Protokoll entfaltete, das eine Zeile „vollzogen“ nannte, war Soren schon jenseits der Notwendigkeiten, und wenn man jetzt fragte, ob er etwas gesehen habe, so wäre die richtige Antwort, dass die Frage selbst sich auflöste wie Salz in Wasser, denn es war nicht ein Sehen und nicht ein Hören und nicht ein Denken, sondern der Zustand, in dem die Dinge nicht mehr vor, nicht mehr hinter, nicht mehr neben, sondern miteinander sind, wie zwei Hände, die sich in einem Becken mit lauwarmem Wasser im Dunkeln finden, ohne Name und ohne Eile, und dass in diesem Zustand weder Glanz noch Armsein, weder Stolz noch Versäumnis ein Gewicht trugen, sondern nur das Leichte, das man mitbringt, wenn man nichts mehr zu tragen hat.
Man hätte, wenn man sich an die alte Weise klammern wollte, behaupten können, dass in seinen letzten Momenten ein Schatten von Phantasie an ihm vorübergezogen sei, eine Art Bild, das die Kühlung nicht erreicht, ein Rest Licht, der die Kurve der Zahlen durchbohrt, doch dies wäre nur wieder die Sprache derer gewesen, die die Dinge in Gegensätze ordnen, um sie vor sich selbst zu schützen, denn in Wahrheit war nichts vorbeigezogen, nichts geblieben, nichts eingedrungen, sondern alles hatte sich geglättet in jener Art von Gleichmut, die keine Gleichgültigkeit ist, sondern das Einverständnis, an dem selbst der Stein teilnimmt, wenn er im Wasser liegt und nichts will, als Stein im Wasser zu sein.
Die Tochter kam am nächsten Morgen, und als sie den Raum betrat, unterschied er sich nicht von dem, was er am Vortag gewesen war, die Geräte summten, die Paneele waren gedimmt, die Laken glatt, der Geruch neutral, und doch war alles anders, weil etwas nicht mehr zählte und nicht mehr gezählt wurde, und die Tochter blieb an der Tür, mit einer Bewegung, die so klein war, dass nur jene sie sehen, die gelernt haben, auf Ränder zu achten, und sie ging an das Bett, und sie legte die Hand, ohne Programm, auf die Stelle, an der keine Wärme mehr war, und sie stand ein wenig, nicht lange, und sie ging wieder, nicht weil die Zeit drängte, sondern weil alles getan war, was in einer Ordnung getan werden kann, wenn sie an ihre Grenze tritt und höflich beiseite tritt vor etwas, das sie nicht kennt.
Als man die Akte schloss und die Karte mit dem Pfeil in einen Schacht gleiten ließ, der dafür vorbereitet war, fiel für den Bruchteil einer Sekunde ein schmaler Strahl aus dem Oberlicht, den niemand absichtlich gerichtet hatte, auf die graue Fläche, und die Linie, die dort gezeichnet worden war, gewann, nur in dieser Sekunde, einen Hauch von Neigung, als wollte sie nicht auf das Ziel, sondern von ihm fortweisen, und kein Auge nahm es wahr, oder wenn ein Auge es wahrnahm, so notierte es nichts, und dennoch war es geschehen, klein wie das Zucken eines Säuglingsfingers, wenn er den leeren Raum greift, und groß wie der Atemzug, mit dem eine Welle bricht, ohne zu wissen, ob sie Meer oder Ufer ist.
Doch wenn es in einer Welt, die so sorgfältig jeden Rest löscht, überhaupt etwas gibt, das bleibt, dann vielleicht dieser nichtssagende Umstand, dass eine Falte in einem Laken noch ein paar Minuten braucht, um sich zu legen, und dass in dieser Falte mehr Wahrheit liegt als in einer ganzen Wand aus Diagrammen, nicht weil sie etwas bedeutet, sondern weil sie nichts bedeutet und doch da ist, wie die Spur eines Vogels im nassen Sand, die der nächste Wind nehmen wird, ohne zu fragen, wohin, und die, solange sie sichtbar ist, allen gehört, die nicht mehr wissen, wie man schaut, ohne zu messen.
Später, viel später, wenn in einem der Gänge, in dem das Licht immer auf derselben Höhe brennt, jemand die Protokollbox neu bestückt und einen Zettel fallen lässt, der unter einen Wagen rollt, wird ein junger Pfleger ihn hervorziehen und, ohne hinzusehen, in den richtigen Schlitz stecken, und der Zettel wird, ohne die Reihenfolge zu stören, exakt an der Stelle auftauchen, an der nach Ordnung ein Zettel auftauchen muss, und niemand wird wissen, dass auf der Rückseite eine winzige, kaum sichtbare, unsaubere Linie mit dem Fingernagel gezogen worden ist, die nichts darstellt und doch in ihrer winzigen Reibung sagt, was Soren in seinem letzten Atem nicht mehr gesagt hat, nämlich, dass der Übergang keine Richtung kennt, sondern nur einen Takt, der so leise ist, dass er das Summen der Geräte nicht übertönt und dennoch größer ist als alles, was sie je zu zählen vermochten.
So endete nichts, und es begann nichts, denn die großen Wörter haben in diesen Räumen keinen Sitz und Wert an sich mehr, es legte sich nur eine Schicht von Stille über eine andere, und wo zwei Schichten Stille sich berühren, kann ein Mensch, wenn er sehr alt und sehr müde ist, und wenn die Welt in ihm allmählich die Temperatur annimmt, die sie draußen hat, noch einmal den Hauch eines Himmels ahnen, in dem nichts geschrieben steht außer der dünnen, unlesbaren Spur eines Wortes, das fallen durfte, ohne zu knallen, und das im Fallen nicht verlorenging, sondern durch alles hindurchging wie Wasser durch ein Gewebe, das es nicht fängt und dennoch trinkt, und wenn es dafür eine Zahl gäbe, wäre sie nicht für uns, die wir sie so oder so wohl nicht verstehen könnten.
Kapitel 11
Wir legen dieses Dokument in der Absicht nieder, die Dinge so zu sagen, wie sie sind, ohne Überschuss oder Mangel, ohne jene alten Schwankungen, die in anderen Zeiten als Stil galten und heute als Lärm verstanden werden, denn die Gesellschaft hat einen Zustand erreicht, in dem die Darstellung der Wirklichkeit nicht mehr von Bildern getragen werden muss, sondern von der ruhigen Abfolge überprüfbarer Sätze, und wenn wir dabei in der ersten Person Plural sprechen, so nicht, um uns zu erhöhen, sondern um anzuzeigen, dass hier kein Einzelner spricht, sondern eine Ordnung, die sich selbst prüft und für ausreichend befunden hat.
Wir stellen fest, dass die maßgeblichen Zielgrößen erreicht worden sind: Die Phantasie, verstanden als unkontrollierte Generierung mehrdeutiger innerer Bilder mit affektiver Überladung, ist in der Bevölkerung weitgehend erloschen; die Restaktivität liegt im niedrig einstelligen Bereich, verteilt über Alterskohorten, ohne signifikante Clusterdichte, und dort, wo sie auftritt, ist sie in der Regel spontan remittierend oder durch standardisierte Maßnahmen rasch zu glätten, was nicht bedeutet, dass wir sie verharmlosen, sondern dass wir sie korrekt als Residuum benennen, das keine tragfähige Dynamik mehr entfaltet, solange die Strukturen, die wir geschaffen haben, in Kraft bleiben.
Wir vermerken, dass die Sprache im öffentlichen und privaten Bereich auf ein Maß an Transparenz gebracht wurde, das frühere Generationen für unmöglich hielten, und dass die Eliminierung metaphorischer Restformen zu einer deutlichen Reduktion unbeabsichtigter Affektmobilisierung geführt hat; Berichte, Anweisungen, Nachrichten, Lehrinhalte verlaufen in einem Register, das die Verständlichkeit maximiert und das Missverständnis minimiert, wobei die wenigen noch auftretenden „verspielten“ Ausdrücke in familiären Randbereichen eher als automatische, nicht-intentionale Reflexe zu werten sind denn als bewusste Rückfälle in die Bildsprache, was natürlich nicht davon entbindet, auch sie zu korrigieren, denn eine Ordnung, die bestehen will, muss die Kleinheit des Abweichenden ernst nehmen, gerade weil es klein ist – und bevor sie durch Ignoranz zu etwas Größerem erwachsen kann.
Wir halten fest, dass die Kühlung, einst ein Pilotprogramm, heute Bestandteil der alltäglichen Hygiene geworden ist: Es wird weder gefürchtet noch verklärt, sondern als das genommen, was es ist, eine verlässliche Technik zur Senkung der affektiven Grundtemperatur, und die Ergebnisse belegen, dass Menschen, die nicht mehr von inneren Ausschlägen getrieben werden, über längere Zeiträume stabilere Entscheidungen treffen, verlässlicher arbeiten, ruhiger schlafen; wir übersehen dabei nicht, dass manche Beobachter in früheren Jahren eine „Nivellierung“ beklagten, als ob die Welt dadurch ärmer geworden sei, dass sie nicht mehr in Höhen und Tiefen gestaffelt ist, doch wir bemerken nüchtern, dass es nicht Aufgabe der Welt ist, reich an Ausschlägen zu sein, sondern tragfähig, und Tragfähigkeit entsteht aus Gleichmaß, nicht aus Exzessen.
Wir weisen die verbreitete, aber unbegründete Behauptung zurück, Ordnung müsse versteckt werden, um zu funktionieren; im Gegenteil, ihre Wirksamkeit beruht auf Sichtbarkeit: Die glatten Straßen, die gleichmäßigen Lichter, die ruhigen Stimmen, die gesellschaftliche Gleichorientierung sind keine Masken, sondern Formen des Lebens, die nicht mehr auf Überraschung angewiesen sind, und wer dennoch von „Leere“ spricht, übersieht, dass Leere nur im Vergleich zu einer Vergangenheit empfunden wird, die als Maßstab nicht mehr taugt, weil sie aus anderen Voraussetzungen sprach; gegen jedes nostalgische Argument genügt das einfache Protokoll der Gegenwart: weniger Gewalt, Irrtum, Angst.
Wir bestätigen, dass das Bildungswesen von Grund auf erneuert wurde: Kinder wachsen ohne Märchen auf, ohne die alten Geschichten, die so taten, als wären sie harmlos, und trugen doch die Keime der Unruhe in sich; sie lernen früh, wie Dinge funktionieren, wie Gründe und Folgen geordnet sind, wie Sprache eingesetzt wird, um zu bezeichnen, nicht, um zu beschwören, und diese frühe Klarheit führt dazu, dass spätere Korrekturen seltener nötig werden; dort, wo in Einzelfällen das Bedürfnis nach „Spiel“ auftaucht, steht ein Repertoire an motorischen und logischen Übungen bereit, die Energie binden, ohne innere Bilder zu erzeugen, und der Effekt ist eindeutig: Bewegung ohne Mythos, Freude ohne Rausch, Tätigkeit ohne Nebenbedeutung.
Wir haben nicht vergessen, dass die Übergangszeit härter war als die Gegenwart, und wir verkennen nicht, dass sich damals zwei Lager mit einer Heftigkeit bekämpften, die auf beiden Seiten Affekte mobilisierte, die wir heute nicht mehr verherrlichen würden; wir haben jene Periode nicht verklärt, sondern archiviert, denn nur was archiviert ist, kann kalt betrachtet werden, und die kalte Betrachtung lehrt, dass Halbheiten die gefährlichsten Zustände sind: Solange der Traum noch offiziell geduldet, die Zahl noch heimlich ästhetisiert, die Sprache noch doppeldeutig war, schien alles möglich, und eben diese Möglichkeit ist das Gift, das den Entschluss verzögert; was uns heute als „natürlich“ erscheint, war die Folge einer finalen Entscheidung, und wenn wir sie einmal gefällt haben, war sie nicht mehr schwer.
Wir nehmen zur Kenntnis, dass es theoretische Einwände gibt, die die Mathematik selbst als potenziellen Träger von Phantasie verdächtigen, und wir ignorieren sie nicht, sondern entgiften sie, indem wir die Zahl strikt im Register ihrer Funktion halten, als Messung oder Modell; wir dulden keine poetische Kolorierung, kein Sprechen von Eleganz, Schönheit, Unendlichkeit, wo Werte, Methoden, Grenzen und vordefinierte Wege genügen, und wir erinnern daran, dass selbst dort, wo die Zahl abstrakt wird, ihr Zweck derselbe bleibt: das Reduzierbare zu reduzieren und das Vergleichbare zu vergleichen; wir überlassen das Sprechen über „Harmonie“ jenen, die vergessen haben, wohin Harmonie in früheren Jahrhunderten geführt hat, nämlich in eine Musik der Gefühle, die das Denken übertönte.
Wir bestätigen, dass die Archive bereinigt sind; die Überlieferungen, die sich jeder Eindeutigkeit entziehen, wurden isoliert, geprüft, vernichtet oder, wo Vernichtung nicht geboten war, so gesichert, dass sie nicht mehr als Anreiz wirken; der Zweck des Archivs ist nicht die Erregung, sondern die Kühlung der Vergangenheit, und nur was kühl ist, wärmt nicht mehr, und nur was nicht mehr wärmt, erzeugt keine Sehnsucht, und nur ohne Sehnsucht bleibt die Gegenwart, was sie sein soll: ausreichend.
Wir räumen ein, dass es Restgeräusche gibt, die nicht immer zu lokalisieren sind, flüchtige Phänomene, die Grenzwertüberschreitungen hervorrufen: das unwillkürliche Summen in einer Küche, die unauswertbare Kritzelei am Rand eines Tisches, das im Schlaf gestammelte Wort eines Kindes, das nichts bedeutet und dennoch als Form wahrgenommen wird; wir bezeichnen sie nicht als Gefahr, aber auch nicht als harmlos, denn der Unterschied zwischen Gefährlichkeit und Harmlosigkeit ist in einer Ordnung, die bestehen will, weniger eine Frage der Größe als der Konsequenz, und unsere Konsequenz besteht darin, sie weder zu dramatisieren noch zu ignorieren, sondern sie in das Maß zurückzudrängen, das sie von selbst verlassen wollen, und in diesem Zurückdrängen liegt weniger Gewalt als Geduld, weniger Härte als Ausdauer, und Ausdauer ist die höflichste aller Strafen.
Wir erkennen die Disziplin der Exekutorinnen und Exekutoren, der Ärztinnen und Ärzte der Kühlung, der Lehrenden, der Archivierenden und der Prüfenden an, und wir wissen, dass auch eine Ordnung nicht ohne Menschen auskommt, die sie tragen; wir beanspruchen für sie kein Heldentum, denn Heldentum gehörte zu einer Ära der Erzählung, sondern Gelassenheit, die sich an der Abwesenheit von Ausnahmezustand messen lässt; dort, wo es innere Reibung gibt, lösen wir sie nicht durch Komplimente, sondern durch Verfahren, und das Verfahren ist unser eigentliches Lob.
Wir verweisen auf die Bilanz der letzten Planperiode: Die Aufschubraten sind gesunken, die Fehlentscheidungen bei Zuteilungen haben abgenommen, die Zahl der Konflikte, die aus missverstandenen Symbolen entstanden, ist gegen null gegangen, der Energieverbrauch für die Korrektur innerer Zustände ist kalkulierbar geworden; wir haben gelernt, die Nacht nicht mehr zu fürchten, weil sie nicht mehr die Bühne des Unberechenbaren ist, sondern ein Intervall der Pflege; wir haben gelernt, den Tag nicht mehr zu steigern, weil er ohne Steigerung tragfähiger ist; wir haben gelernt, dass das Begehren, etwas „mehr“ sein zu lassen, die sicherste Einladung an den Rückfall ist.
Wir hören die Frage, ob ein Leben in Gleichmaß „genug“ sei, und wir nehmen sie ernst, indem wir sie umdrehen: Was hieße ein Leben, das nicht genug ist; woraus bestünde es, wenn nicht aus der Erwartung eines Mehr, das im Augenblick seiner Erfüllung neue Erwartung erzeugt; ist nicht gerade diese Kette die eigentliche Unfreiheit, gegen die wir so lange vergebens anargumentiert haben; und ist nicht die Freiheit, die wir meinen, die Ruhe, in der die Erwartung selbst erlischt, weil sie durch die Stabilität überboten wurde; wenn dies eine Neudefinition ist, so ist sie die letzte, die wir brauchen.
Wir halten fest, dass es keinen Nutzen hat, den Begriff „Menschlichkeit“ gegen die Ordnung zu wenden; Menschlichkeit war in früheren Jahrhunderten der Name für einen Kompromiss, der die Unruhe romantisch überhöhte und die Klarheit misstrauisch betrachtete; in unserer Gegenwart bedeutet Menschlichkeit die Abwesenheit von Zumutungen, die aus inneren Bildern stammen; wo keine Zumutung ist, ist Schonung; wo Schonung ist, ist das, was früher „würdevolle Ruhe“ hieß; es ist keine kleine Leistung, diese Ruhe praktisch herzustellen.
Wir markieren einen Punkt, der in den Berichten selten sichtbar ist, weil er nicht in Zahlen aufgeht: Die Erinnerung an das, was wir nicht mehr sind, schwindet, und mit ihr schwindet der Impuls, es wieder werden zu wollen; der kürzeste Weg zur Beständigkeit führt nicht über das Verbot allein, sondern über das Vergessen; wir haben nicht verordnet, zu vergessen, wir haben das Vergessen ermöglicht, indem wir die Voraussetzungen des Erinnerns entzogen; das ist leiser als Verbot und leiser als jede Rede darüber, warum etwas nicht mehr sein soll, und eben deshalb wirksamer.
Wir benennen die verbleibenden Aufgaben ohne Pathos: die Schritte zur restlosen Entpoetisierung der sogenannten „Randwissenschaften“, in denen Figuren gern von „Paradoxien“ sprechen, als wären sie Einladungen zum Staunen statt Aufforderungen zu Präzision; die fortgesetzte Schulung der Sprache gegen den Reflex, aus Ordnung ein Ornament zu machen; die dienstfreundliche Weiterentwicklung der Kühlung, soweit sie dem Maß dient, das wir halten; die Pflege des Archivs als Ort der Kälte; die geduldige, nicht nachlassende Standardisierung der Privaträume, in denen die letzten Reste am längsten zirkulieren, nicht aus Widerstand, sondern aus Trägheit.
Wir lassen durchblicken, weil Offenheit Stärke ist, dass kein System die absolute Null erreicht, weder in der Temperatur noch in der Phantasie; es bleibt Bewegung in den kleinsten Partikeln, und es bleibt Restlicht in den gedämpftesten Räumen, und dies zu wissen ist keine Schwäche, sondern Teil der Methode, denn wer den Rest einkalkuliert, verhindert seine Verwandlung in ein Ganzes; wir sind nicht naiv, wir sind nicht stolz, wir sind geübt.
Wir legen zum Schluss einen Satz ab, der im Protokoll so unauffällig wie nötig erscheinen mag und doch das ganze Verfahren enthält: Die Ordnung ist nicht die Abwesenheit des Anderen, sondern seine Unfähigkeit, mehr als Spur zu sein; solange das Andere Spur bleibt, bleiben wir ruhig; wird es Stimme, antworten Verfahren; wird es ein mehrstimmiger Chor, antwortet die mehrebenige Struktur; mehr braucht es nicht, weniger darf es nicht sein.
Wir schließen diese Bilanz ohne Triumph, weil Triumph eine Form der Erregung ist, und ohne Trauer, weil Trauer eine Form des Rests ist, und mit einem Blick, der nicht über das Notwendige hinausgeht: Die Stadt ist still, die Nacht ist pflegeleicht, der Tag ist planbar; die Kinder lernen, ohne gefragt zu werden, was sie sich wünschen; die Alten schlafen, ohne in Geschichten zu fallen; die Arbeit fließt, ohne Bilder zu erzeugen; die Zahlen bewegen sich, ohne gedeutet werden zu wollen; wir sind, was wir wollten, nicht weil wir es begehrt haben, sondern weil wir es eingerichtet haben, und Einrichtung ist das Gegenteil von Sehnsucht.
Wir fügen, der Vollständigkeit halber und um Missverständnisse auszuschließen, eine letzte Bemerkung in die Randspalte ein, die weder Anweisung noch Warnung ist, sondern ein Merkposten der Wachsamkeit: Sollte irgendwo, irgendwann, hinter einer Wand, in einem Gang, auf einer Platte, in einer Hand, ein Zeichen auftauchen, das keine Funktion hat, so ist nicht zu fragen, was es bedeutet, sondern zu verfahren, wie es das Protokoll verlangt; die Frage nährt, das Verfahren glättet; die Frage verlängert, das Verfahren beendet; wir sind nicht gegen Fragen, wir sind gegen Verlängerungen, und in dieser einfachen, unpoetischen Wahrheit besteht die kalte Ruhe, die wir uns selbst und allen anderen schuldig sind.
Wir unterschreiben nicht mit Namen, weil Namen wieder Geschichten laden, und wir heften kein Siegel an, das Schönheit behauptet, weil Schönheit entbehrlich ist; wir lassen das Dokument dort liegen, wo es liegen soll, zugänglich und jederzeit durch jeden überprüfbar, und wenn in ihm etwas fehlt, dann fehlt es, weil es entbehrlich ist; wenn in ihm etwas zu viel ist, dann ist es zu viel, weil es sich nicht anders sagen ließ; das Übrige ist Betrieb, und Betrieb ist Würde in einer Zeit, die mit dem Wort „Sinn“ nichts mehr beweisen muss.