Die Geschichte des Mannes, der alles hatte, alles verlor und dennoch nicht unglücklich wurde

Die Geschichte des Mannes, der alles hatte, alles verlor und dennoch nicht unglücklich wurde

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Fehlgeschlagen – Die Kunst des Scheiterns. Anthologie. 2025]

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Die Geschichte des Mannes, der alles hatte, alles verlor und dennoch nicht unglücklich wurde

Es gibt Menschen, die haben ein unerschütterliches Gemüt; ganz gleich, in welchem sozialen Umfeld sie sich befinden oder in welchem gesellschaftlichen Zustand sie existieren, sie sind einfach glückliche Menschen, weil sie leben dürfen. Die folgende Geschichte, die ich irgendwoher habe (ich weiß nicht mehr recht, woher genau), zeugt von einem solchen Menschen, der alles hatte, was man zum Leben in Genuss brauchte, der alles verlor und dennoch – wie es nun mal seine Art ist – nicht unglücklich darüber wurde.

Es ist ein Geschenk, in einem der europäischen Staaten geboren zu werden; alternativ gibt es noch wenige Staaten außerhalb; noch mehr ist es ein Geschenk, in eine Gesellschaft geboren zu werden, die stabil und zugleich human ist, die versucht, die eigenen Grenzen (sozial-wirtschaftliche und staatlich-territoriale) so zu schützen, dass man sich keine Sorgen um die eigene Sicherheit machen braucht. Ein Leben ohne den permanenten Gedanken an die eigene Sicherheit oder das Überleben, das Nichthungern und das Nichtwissen, wo man die Nacht verbringen wird (und ob man am nächsten Tag überhaupt noch aufwacht), ist ein Geschenk, das viel größer ist als alles andere, was man im Leben erhalten kann. Nun gibt es auf solche Existenzen noch einen Bonus: die Absicherung des Lebens aufgrund einer großen Erbschaft seitens der eigenen Familie, sodass man sich wahrhaftig keine Sorgen machen braucht. Der Mann, von dem ich erzählen will, besaß alles von seiner Familie, nachdem seine Eltern unglücklicherweise früh verstorben waren: ein gut funktionierendes Unternehmen in einer stabilen Branche, ein Restaurant, das der Vater als sein Hobby betrieben hatte, und mehrere Häuser, die seine Eltern von dem Gewinn der beiden Unternehmen gekauft hatten. Insgesamt war er der reichste Mann des kleinen Städtchens, in dem er wohnte, und genoss das Leben, wie er es hatte. Dann eines Tages entdeckte er das Casino einer benachbarten, größeren Stadt, und mit diesem Tag begann sein sozialer Abstieg. Zunächst nur kleine Einsätze verlierend, wurden es Tag für Tag, Nacht für Nacht mehr, bis er von den Banken gezwungen wurde, seine Häuser zu verkaufen; wenige Monate später zudem seine Firma und schlussendlich auch das Restaurant, in dem er jeden Mittag seit seiner Kindheit essen ging. Er hatte sich vollkommen pleitegespielt und war selbst dann noch pleite und hoch verschuldet, als er alle seine Vermögenswerte veräußert hatte. Doch konnte diese Entwicklung sein Lächeln brechen? Sein Leben? Sein Wohlgefühl? Sein Mitgefühl für andere Menschen? Seinen Willen? Das Glücksspiel hatte wie eine Droge auf ihn gewirkt, doch mit der gewaltsamen Hinfortnahme des wichtigen Spieleinsatzes – des Geldes – rehabilitierte sich dieser Mann, dem nichts mehr in dieser Welt gehörte außer der eigene Körper, vollständig von seiner Sucht. Mit einer Freude, die man kaum beschreiben kann, besorgte er sich einen Job, durchstand die Privatinsolvenz und machte sich nach einigen Jahren des kargen und anstrengenden Lebens daran, eine Frau zu suchen, mit der er zwar in Kargheit, aber mit Würde und Anstand altern konnte. Er fand schließlich eine, die ebenfalls nicht sehr vermögend war, die sich aber trotz ihres unteren sozialen Ranges eines niemals hat nehmen lassen: das Glücklichsein.