Lung Ching
[3 Legenden. Veröffentlicht in Sagenhaftes Band 4. 2026]

Lung Ching
Drei Legenden
Erste Legende: Die alte Frau und der alte Wanderer
Dereinst gab es ein Dorf am Ufer des Qian-Tang-Flusses, das nur einige wenige, weit versprenkelte Hütten besaß. Da der Boden karg und die Hügel steil waren, lebten dort nur wenige Unerschrockene, die an diesem Flecken Erde ihr Glück versuchten. Mit großem Einsatz und nur geringen Aussichten auf großen Erfolg bewirtschafteten sie den Boden und rangen ihm zähen Bambus und schmale Getreidekörner ab. Eine Menge, die gerade ausreichte, um das Überleben zu sichern. Mehr war nicht vorhanden.
Am Rande des Dorfes – wenn man denn von einem Rand sprechen mag – lag eine alte Hütte, in der eine alte Frau wohnte, die ihren alten Mann vor einigen Jahren verloren hatte. Sie war so arm, dass sie kaum genug zu essen hatte, und sie kämpfte tagein, tagaus ums Überleben.
Das einzige, was sie besaß, waren achtzehn Teesträucher, die im Schatten ihrer Hütte standen. Diese hatte ihr Mann vor Jahrzehnten angepflanzt und seither trotzten diese Sträucher der Kargheit des Bodens. Sie lieferten nicht viele Teeblätter, aber immerhin ausreichend, sodass die alte Frau jeden Tag einen Topf Wasser heiß machen konnte, in den sie einige Blätter hineinfallen ließ.
Dies tat die alte Frau nicht allein aus Eigennutz, nein, sie kochte diesen Tee vor allem für die Vorüberziehenden, die bei ihr rasten konnten, um eine Tasse des belebenden Getränks zu sich zu nehmen.
Es begab sich, dass sich an einem Neujahrsabend, an dem sich alle Familien bemühten, als Opfergabe einen Neujahrskuchen zu backen und drei Sorten Fleisch zu kochen, ein alter Wanderer zu der alten Frau gesellte. Sie bot ihm etwas Tee zum Trinken an, und indem er das grünlich leuchtende Getränk an seine Lippen führte, durchmaß er mit seinem Blick die kleine Hütte.
Er sähe keinen Kuchen und keine drei Fleischsorten, sagte der alte Mann verwundert, und die alte Frau erklärte ihm, dass sie zu arm sei, um sich mehr als diesen Topf Tee leisten zu können. Und diesen könnte sie sich nur leisten, weil vor dem Haus die Teesträucher stünden, die ihr verstorbener Mann vor Jahrzehnten eingepflanzt hatte.
Die hätte er gesehen, meinte der alte Mann und sagte, dass er der alten Frau nicht glaube, dass sie arm sei, denn es läge ein wertvoller Schatz direkt vor ihrer Türe. Die alte Frau wollte bereits protestieren, doch dann besann sie sich des Einhaltens und trat vor die Türe, um nachzusehen, ob der alte Mann nicht doch recht hatte. Doch vor der Türe fand sie, wie sie erwartet hatte, keinen wertvollen Schatz.
Sie untersuchte einen alten Steinmörser, in dem sie die Abfälle der vergangenen Ernten sammelte und diese vertrocknen ließ. Sie hätte keinen Schatz hier draußen, meinte sie zu dem alten Mann, der ebenfalls nach draußen getreten war, aber er widersprach ihr und zeigte auf den Steinmörser. Das sei ihr Schatz, betonte er, und die alte Frau konnte nicht verstehen, was er meinte, sodass sie dem alten Mann anbot, dass er den alten Steinmörser mitnehmen könne, wenn er wolle.
Der alte Mann war hocherfreut über das Angebot, wollte dieses wertvolle Geschenk aber nicht annehmen; er bot ihr jedoch an, diesen vermeintlichen Schatz abzukaufen. Da sie darin keinen Schatz sah, stimmte sie zu und der alte Mann verließ die Hütte, um Männer zum Tragen heranzuholen.
Die alte Frau aber wunderte sich nicht wenig über den alten Mann und besah den Steinmörser. Sie konnte noch immer keinen Schatz daran entdecken, aber sie sah, wie verdreckt der Mörser war, sodass sie ihn säuberte. Die Teeabfälle vergrub sie unter ihren Teesträuchern und säuberte den Mörser mit dem Wasser aus dem Fluss. Dieses Wasser goss sie ebenfalls auf die Teesträucher und wartete auf die Rückkehr des alten Mannes, der tatsächlich mit einigen Männern zurückkehrte.
Als dieser jedoch sah, was die alte Dame getan hatte, schimpfte er mit ihr, die weiter nichts verstand. Der alte Mann erklärte ihr, dass er nicht den Steinmörser, sondern den vertrockneten Inhalt als den wahren Schatz angesehen hatte. Nun hoffte er, dass wenigstens die Teesträucher davon einen Nutzen haben würden. Indem er diese Worte sprach, drehte er sich um und verließ die verdutzte, alte Frau mit leeren Händen.
Die alte Frau wunderte sich noch lange über den alten Wanderer, dessen Worte so unverständlich für sie gewesen waren. Da sie weiterhin keinen Schatz besaß und sich ihr Leben nicht grundlegend verändert hatte, stand sie weiterhin jeden Morgen früh auf, kochte einen Topf Tee und bot diesen Vorüberziehenden an, die gerne eine Tasse Tee bei ihr tranken.
Doch schon bald, im darauffolgenden Frühling, geschah es, dass die Teesträucher, die sonst nur wenige Blätter trugen, voller neuer Triebe und Knospen hingen. Die alte Frau traute ihren Augen kaum, und als sie das erste Mal ernten konnte, verspürte sie, dass sich der Tee nicht nur in seiner Menge verändert hatte, nein, auch der Geschmack war um ein Vielfaches würziger und anmutiger als der blasse Tee, den sie vorher immer aufgesetzt hatte.
Das Aroma des Tees war um so viel feiner als das Aroma der anderen Tees in der Region, dass sich bald herumsprach, dass die alte Frau den besten Tee besitzen würde. Da sie ein Mensch war, der das Teilen mit den anderen als eine der höchsten Lebensmaximen hochhielt, teilte sie die Abkömmlinge der Teepflanzen mit den anderen Bewohnern ihres Dorfes, die diese an den Hängen des Qian-Tang-Flusses anbauten. Gemeinsam konnten sie mit ansehen, wie das Dorf trotz des kargen Bodens zu seiner Blüte heranreifte, die mit dem Wuchs der Teesträucher rund um das Dorf Jahr für Jahr zunahm.
Zweite Legende: Der Drache
Es betrug sich, dass das Dorf am Ufer des Qian-Tang-Flusses mit seinen Teesträuchern an den Hängen eine Zeit der langen Dürre überstehen musste. Diese Dürre war so allumfassend, dass nicht nur die Teesträucher keine Knospen trugen, sondern auch die anderen Anbausorten nicht austrieben oder verdörrten, kaum dass sie das Licht des Tages erblickten.
Da die Dorfbewohner keine Arbeit auf den Feldern hatten, trafen sie sich jeden Tag am Dorfbrunnen und sahen nach, wie viel Wasser dieser noch führte, denn ein Austrocknen des Brunnens würde das endgültige Ende des Dorfes bedeuten. Tag für Tag erlebten die Menschen die grausame Nachricht, dass der Wasserstand weiter abgesunken war und es nicht mehr lange dauern würde, ehe der Brunnen völlig ausgetrocknet war.
Auch der Qian-Tang-Fluss drohte auszutrocknen und leerzulaufen – so groß waren die Trockenheit und die Not, die diese lang anhaltende Dürre mit sich brachte. Mit jedem Tag schwand die Hoffnung weiter, als plötzlich und unerwartet ein Wanderer aus einem fernen Tal ins Dorf kam, um nachzusehen, ob es dort Vorräte gab, die er kaufen konnte.
Aber alles, was er zu sehen bekam, war das Leid der Menschen des Dorfes, die wehklagten und ihm Geschichten von der Umgebung erzählten, Legenden und Erzählungen, die von den Alten an die Jungen überliefert werden. Dabei vernahm der Wanderer in einer Geschichte, dass an der Quelle des Flusslaufes, der den Brunnen mit Wasser versorgte, ein Drache wohnen solle.
Er werde mit dem Drachen sprechen, sagte der Wanderer, und die Dorfbewohner sahen ihn fragend an. Es ist so, dass er ein Taoist sei, ein Wegsuchender, und wenn unter den hier Anwesenden niemand sei, der einen Weg aus dieser langen Dürre finden könne, dann wäre es vielleicht an ihm gelegen, einen gangbaren Weg aufzutun. So sprach der Wanderer und ließ sich den Weg zur Quelle des Brunnens zeigen.
Über Stock und Stein kletterte der Wanderer hinweg und folgte einem kleinen Bachlauf außerhalb des Dorfes bis zur Quelle. Dort schaute er sich um, sah aber keinen Drachen, wie die Dorfbewohner ihm erzählt hatten. Diese waren ihrerseits so gespannt auf das Ergebnis der Suche des Wanderers, dass ihm einige von ihnen in einem gewissen Abstand gefolgt waren. Nun sahen sie mit an, wie der Wanderer sich zur Quelle niederhockte, um vom aus dem Boden sprudelnden Wasser zu trinken. Aber bevor er auch nur eine Handvoll des Wassers nehmen konnte, verdunkelte sich der Himmel, und der Wanderer konnte im sanft dahinfließenden Wasser die Bewegungen eines riesenhaften Drachens erkennen, der sich in der Nähe der Quelle niederließ.
Der Wanderer, unerschrocken im Umgang mit dem fabelhaften Wesen, betrachtete die schuppige, karmesinrote Haut des Drachens, besah seine feurige Schnauze und fragte diesen ohne Angst in seiner Stimme, ob er denn wüsste, warum es diese lange Dürre gäbe. Der Drache blickte um sich, entdeckte die verdorrten Pflanzen und wie wenig Wasser aus der Quelle sprudelte.
Mit einem gewaltigen Satz erhob sich der Drache in die Lüfte, und obwohl alle Dorfbewohner, die das Gespräch aus der Ferne beobachtet hatten, befürchteten, dass der Drache nun gereizt sei und Feuer speien würde, erhob sich dieser weiter und weiter in die Lüfte. Riesenhaft spannte er seine Flügel und sein Schwanz schlug peitschend in der Luft, bis er so weit entfernt war, dass ihn niemand mehr im Blick hatte.
Der Wanderer hatte dem Drachen ebenfalls nachgeblickt, und als er ihn aus seinem Auge verlor, kniete er nieder und trank nun etwas aus der Quelle. Alsdann setzte er sich mit dem Rücken an einen Felsen, zog seinen Wanderhut in die Stirn und döste unter den erstaunten Blicken der Dorfbewohner augenblicklich ein.
Doch sein Nickerchen sollte nicht lange dauern, denn schon bald begann es am Himmel zu donnern und zu blitzen, und ehe es die Dorfbewohner schafften, in ihr Dorf zurückzulaufen, öffnete der Himmel die Schleusen und beendete mit einem gewaltigen Regenschauer die lange Dürre.
Am folgenden Tag kehrte der Wanderer in das Dorf zurück und alle Dorfbewohner versammelten sich um den Brunnen herum, der so viel Wasser wie seit Jahren nicht mehr führte. Wie ihm zu danken sei, fragten die Ältesten des Dorfes den Wanderer, doch dieser wiegelte ab und sagte nur, dass nicht er, sondern der Drache dieses Wunder vollbracht habe. Daher schlug er vor, dass man den speziellen Tee des Dorfes, der bisher noch ohne Namen war, zu Ehren des Drachens, der an der Quelle des Brunnens saß, benennen sollte – und seither nannte man den Tee von diesem Flecken Erde lóngjingchá – Drachenbrunnentee.
Dritte Legende: Tee und Seide
Bereits in Beijing hatte Marco Polo vernommen, dass die Dichter immer davon sprachen, im Himmel gäbe es das Paradies, auf der Erde aber Suzhou und Hangzhou. Und so machte sich der venezianische Händler auf, die schönste Stadt der Welt, Hangzhou, aufzusuchen – dort, wo es die feinste und edelste Seide der Welt geben sollte.
Als dieser Handelsreisende nach erbaulicher Reise in der Präfektur Hangzhou ankam, empfing ihn der Präfekt mit einer würdevollen Zeremonie. Ganz in Seide eingewickelt trat er dem Fremden gegenüber und bot ihm ein kleines, unscheinbares Glas an, in dem sich eine gelblich-grüne Flüssigkeit befand. Dankend nahm Marco Polo das Getränk entgegen, das er als Tee bereits kannte, aber als er es zu seinen Lippen führte und daran nippte, erkannte er, dass es sich nicht um einen handelsüblichen, sondern um einen besonderen Tee handelte.
Der Präfekt eröffnete dem Venezianer, dass es sich um einen sehr seltenen Tee handelte, der nur an wenigen Tagen des Jahres geerntet werden konnte. Obgleich er vor allem der Seide wegen nach Hangzhou gekommen war, bat Marco Polo den Präfekten, den Ort besuchen zu dürfen, an dem dieser besondere Tee hergestellt wurde. Der Präfekt freute sich über diese Bitte und gab die nötigen Anweisungen, um seinen Hofstaat in Bewegung zu setzen – in Richtung Longjing.
Sie trafen dort kurze Zeit nach Qing Ming, dem Fest des klaren Lichtes, ein, und Marco Polo erfuhr in diesem kleinen Dorf von der Entstehungsgeschichte dieses besonderen Tees. Auf dem Löwengipfel, nur an den Tagen vor dem besonderen Fest des Lichtes geerntet, wurde diese Pflückung zum edelsten Tee, den es gäbe. Die weiteren Pflückungen, Gu Yu und Lia Xia, kämen zwar sehr nahe an die Qualität der ersten Pflückung heran, hätten aber nicht dieselbe magische Wirkung.
Nur die äußersten Spitzen der Teezweige würden für den Qing-Ming-Tee genommen, und in seinem Blatt könne man deutlich die Knospe sehen, wurde dem Reisenden von einem Dorfvorsteher erklärt. Des Weiteren würde man den Tee nicht dampfen, sondern in einer speziellen Pfanne und nach einem bestimmten Ablauf rösten, was ihm diesen besonderen Geschmack verleihe.
Marco Polo lernte, dass selbst der Präfekt das Wasser des Qian Tang, des Laufenden Tigers, für ein Glas Qing Ming benutzte und dass er sich das Wasser extra aus dieser Region nach Hangzhou schicken ließ.
Zusammen besuchten sie auf Bitten Marco Polos einige der Teefelder auf dem Löwengipfel, von dem aus man einen herrlichen Ausblick über die Präfektur hatte, und als sie in das Dorf am Fuße des Hügels zurückkehrten, wohnte der Gast einer der magischen Teezeremonien bei. Als Erstes wurde Wasser aus dem Laufenden Tiger zum Kochen gebracht, ehe es eine Zeitlang abkühlen durfte. Alsdann wurden bei der richtigen Temperatur vom Zeremonienmeister einige Teeblätter in das noch leicht dampfende Wasser gegeben. Alle Anwesenden blickten gebannt auf das sich farblich verändernde Wasser, und gerade als die Teeblätter auf den Boden gesunken waren, übergab der Zeremonienmeister das Glas an Marco Polo, der den unverwechselbaren Geschmack des Qing Ming wiedererkannte.
So trank Marco Polo in Longjing einen der besten und elegantesten Tees dieser Welt und vergaß dabei alles um sich herum. Vor allem die Gründe, warum er nach Hangzhou gekommen war: die Vorboten der besten Seide, die es zu kaufen gab, und die schönsten Frauen, die es auf der weiten Welt zu bestaunen gab.
Er sank in eine andere, für ihn neuartige Welt hinein, eine Welt, die den Europäern noch für Jahrhunderte verborgen bleiben würde.