Longdrinks

Longdrinks

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Sommer-Anthologie. Anthologie, 2026]

Longdrinks

Der Abend begann, wie diese Abende immer beginnen, mit diesem noch zaghaften Licht, das so tut, als hätte es Zeit, als würde es sich nicht gleich verflüchtigen, und mit einer Gruppe von Menschen, die sich seit Jahren kennt und trotzdem jedes Mal neu zusammenfindet, als müsste man sich erst wieder daran erinnern, warum man sich mag, während irgendwo ein Tisch klebte, Gläser klirrten und jemand schon viel zu früh lachte, als wolle er dem Abend einen Takt vorgeben, der ihm noch gar nicht zustand.

Wir saßen draußen, natürlich saßen wir draußen, denn es war einer dieser Sommerabende, die sich weigern, kühl zu werden, die die Haut mit einer lauen, leicht süßlichen Wärme überziehen und jedes Getränk sofort in ein Versprechen verwandeln, angefangen mit dem ersten Longdrink, der harmlos wirkte, ein Gin Tonic vielleicht, eiskalt, klar, mit dieser bitteren Note, die so tut, als wäre sie erwachsen, während wir anstießen und jemand sagte, dass Roadtrips eigentlich im Kopf beginnen und nicht auf der Straße, was wir alle für klug hielten, obwohl es niemand wirklich überprüfte.

Der zweite Drink kam schneller als gedacht: Rum und Cola, ein Klassiker, ein bisschen klebrig, ein bisschen nach Jugend schmeckend, und plötzlich war da dieses Gefühl, dass der Abend Fahrt aufnahm, dass wir uns in Bewegung setzten, ohne uns zu bewegen, als würden wir eine imaginäre Landkarte abfahren, Station für Station, Getränk für Getränk, während Gespräche sich überlappten, Themen kurz aufflammten und wieder verschwanden: Liebe, Arbeit, irgendein alter Urlaub, der immer besser wurde, je öfter man ihn erzählte.

Mit dem dritten Longdrink, irgendetwas mit Wodka und Limette, begann der Abend, sich zu dehnen; Zeit wurde weich, Stimmen lauter, und ich merkte, wie ich mich lehnte, nicht nur körperlich, sondern innerlich, zurück in diesen Zustand, in dem alles möglich scheint, weil nichts mehr so richtig wichtig ist, während jemand vorschlug, doch noch weiterzuziehen, einen echten Roadtrip zu machen, wenigstens symbolisch, durch Bars, durch Geschmacksrichtungen, durch dieses sommerliche Jetzt.

Wir wechselten den Ort, oder der Ort wechselte uns – das ist rückblickend schwer zu sagen –, und plötzlich saßen wir in einem Auto, Fenster offen, Musik an, Fahrtwind, der nach Asphalt und warmem Gras roch, und der nächste Drink wartete schon am Ziel, Tequila Sunrise, diese lächerlich schöne Farbe, die aussah wie ein Versprechen, das man eigentlich nicht ernst nehmen sollte, und trotzdem trank ich ihn, langsam, dann schneller, während das Lachen hysterischer wurde und irgendwer anfing, Geschichten zu erzählen, die er sonst nie erzählte.

Der Abend war inzwischen kein Abend mehr, sondern eine Abfolge von Zuständen, von Haltestellen, von Gläsern: ein Mojito hier, frisch, grün, mit Minze, die fast zu dominant schmeckte, ein Cuba Libre dort, ehrlicher, schwerer, und jedes Getränk schien ein anderes Fenster zu öffnen, durch das man kurz hinaussah, um dann wieder weiterzufahren, immer weiter, ohne wirklich zu wissen, wohin, nur weg von diesem nüchternen Punkt, an dem man sich selbst zu deutlich spürt.

Ich spürte, wie sich mein Körper veränderte, wie Bewegungen unklarer wurden, Gedanken langsamer, gleichzeitig euphorischer, als würde ich mich selbst mit leichter Verzögerung wahrnehmen, und ich dachte, dass das vielleicht genau das ist, was man sucht, wenn man von Freiheit spricht: dieses kurze Aussetzen der inneren Kontrolle, während der nächste Longdrink, irgendetwas Exotisches mit Ananassaft und zu viel Alkohol, mir in die Hand gedrückt wurde, als wäre er Teil eines Plans, den ich selbst mitgeschrieben hatte.

Der Roadtrip nahm jetzt noch mehr Fahrt auf, nicht mehr geografisch, sondern chemisch, ich merkte, wie mein Kopf schwer wurde, wie die Nacht sich verdichtete, wie die Gespräche sich in Endlosschleifen bewegten, dieselben Sätze und Pointen, nur jedes Mal ein bisschen lauter, ein bisschen überzeugter, und irgendwo zwischen einem Long Island Iced Tea, der so tat, als wäre er harmlos, und einem weiteren Drink, dessen Namen ich sofort vergaß, begann sich mein Bewusstsein auszudünnen.

Es war, als würde ich durch mich selbst hindurchfahren, vorbei an Erinnerungen, die aufblitzten wie Straßenschilder, alte Sommer, andere Abende, andere Freunde, und ich fragte mich, wann genau dieser Punkt kommt, an dem man nicht mehr sammelt, sondern verliert, an dem der Abend nicht mehr erweitert, sondern auflöst, während ich noch trank, noch lachte, noch nickte, obwohl mein Körper längst andere Signale sendete.

Der letzte Drink, an den ich mich erinnere, war süß, viel zu süß, und ich weiß noch, dass ich dachte, dass alles jetzt irgendwie rund sei, abgeschlossen, als hätte der Abend sein Ziel erreicht, auch wenn ich nicht wusste, welches das war, und dann begann dieses langsame Wegkippen, dieses sanfte Abschalten, bei dem Geräusche dumpf werden, Lichter verschwimmen und man das Gefühl hat, sich in Watte zu legen.

Ich erinnere mich noch an Fragmente, an Hände, die mich stützten, an irgendein sinnloses Lachen, das aus weiter Ferne kam, an die Gewissheit, dass alles in Ordnung war, obwohl nichts mehr klar war, und dann war da nur noch Dunkelheit, kein abruptes Ende, sondern ein sanftes Verschwinden, als hätte der Roadtrip genau hier seinen letzten Rastplatz gefunden, irgendwo zwischen einem leeren Glas und der warmen Sommernacht, die draußen einfach gnadenlos weitermachte.