Der Tunnel
[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Fantasia 1260e. 2026]

Der Tunnel
Es begann mit einer Abwesenheit davon, und vielleicht war es genau das, was ihn im ersten Moment innehalten ließ – nicht der Ausfall der Verbindung, nicht das vertraute, kurze Knacken im Funkgerät, das jeder Fahrer kannte und längst nicht mehr bewusst wahrnahm, sondern die Art, wie die Welt für einen Augenblick stillzustehen schien, als hätte jemand die Geräuschkulisse der Stadt einfach ausgeblendet, als wäre da plötzlich nichts mehr zwischen ihm und diesem dunklen, schmalen Stück Strecke, das sich vor ihm auftat wie ein Riss.
Er fuhr diese Linie seit zwölf Jahren, kannte jede Kurve, jede minimale Steigung, die Stellen, an denen die Schienen einen anderen Klang hatten, weil sie älter waren oder anders verlegt, kannte sogar die Punkte, an denen Fahrgäste instinktiv näher an die Türen rückten, lange bevor der Zug tatsächlich langsamer wurde. Und doch gab es diesen Abschnitt, von dem alle sprachen, aber niemand offiziell wusste – ein blinder Fleck zwischen zwei Stationen, der in keinem Plan verzeichnet war, nicht als Besonderheit oder als Fehler, nur als eine Strecke wie jede andere, und gerade darin lag etwas Unheimliches, weil es bedeutete, dass das, was dort geschah, nicht vorgesehen war und trotzdem immer wieder passierte.
Neunzig Sekunden, sagten manche. Ein bisschen mehr, sagten andere. Er, der hier jeden Tag vorbeifuhr, hatte nie nachgemessen. Bis zu diesem einen Abend.
Der Tunnel lag wie immer vor ihm, als der Zug aus der beleuchteten Station hinausglitt, und für einen kurzen Moment spiegelte sich das Licht der Bahnsteiglampen in der Frontscheibe, überlagerte sein eigenes Gesicht, ließ es fremd wirken, flach, beinahe zweidimensional, bevor es verschwand und die Dunkelheit zurückkehrte, diese kompakte, dichte Dunkelheit, die nichts preisgab, die nicht einmal Tiefe hatte, sondern einfach da war, als würde man in etwas hineinfahren, das nicht Raum, sondern Zustand war.
Das Funkgerät knackte kurz – dann folgte: nichts.
Er registrierte es, wie man etwas registriert, das man schon hundertmal erlebt hat. Ein kurzer Blick auf die Anzeige, ein automatisches Überprüfen, ob alle Systeme normal liefen, und dann wieder nach vorn, immer nach vorn, weil es keinen Grund gab, irgendwo anders hinzusehen. Doch dann kam die Stimme. Zuerst so leise, dass er dachte, es sei ein Restsignal, ein Überbleibsel aus einer anderen Verbindung, vielleicht ein anderer Fahrer, der noch nicht ganz aus dem Netz gefallen war. Ein Fragment, das sich verirrt hatte. Ein technischer Fehler.
„Papa?“
Er blinzelte, ohne zu verstehen, was er gehört hatte, und für einen Moment tat er das, was man immer tut, wenn etwas nicht in die Wirklichkeit passt: Er ordnete es falsch ein, verschob es in eine Kategorie, in der es keinen Schaden anrichten konnte. Eine Störung, dachte er.
„Papa, bist du da?“
Jetzt war die Stimme klarer, und mit der Klarheit kam etwas anderes, etwas, das sich nicht sofort benennen ließ oder das sich nicht in Worte fassen ließ, weil es nicht aus Gedanken bestand, sondern aus einem körperlichen Wissen, das schneller war als jede bewusste Einordnung.
Seine Hände blieben am Steuer, aber er spürte, wie sich die Finger anspannten, wie sich der Druck veränderte, minimal, kaum sichtbar, und doch war es der erste Bruch in der Routine.
„Wer ist da?“, sagte er schließlich zögernd, und seine eigene Stimme klang fremd in dem kleinen Raum, als gehöre sie nicht mehr ganz ihm.
Ein kurzes Rauschen folgte. Dann wieder: „Ich bin’s.“
Er hätte den Namen sagen können, sofort, ohne zu zögern, weil er ihn kannte, weil er ihn jeden Tag gedacht hatte, seit jenem Nachmittag, der sich in sein Leben eingeschnitten hatte wie ein sauberer, unwiderruflicher Schnitt, nach dem nichts mehr so gewesen war wie zuvor. Aber er sagte es ihm nicht.
Vielleicht, weil er wusste, dass das Aussprechen etwas verändern würde. Vielleicht, weil er Angst hatte, dass die Stimme dann verschwinden würde. Die neunzig Sekunden waren vorbei, bevor er begriff, dass sie überhaupt begonnen hatten.
Das Funkgerät knackte erneut, die Verbindung war zurück, und mit ihr die Welt, die Geräusche, das leise Summen der Systeme, das ferne Murmeln der Fahrgäste hinter der Kabinentür, alles an seinem Platz, alles wie immer.
Nur die Stimme war weg.
Beim nächsten Mal war er vorbereitet, zumindest glaubte er das. Er hatte sich eingeredet, dass es eine Einbildung gewesen war, ein Produkt aus Müdigkeit, aus dieser seltsamen, schleichenden Erschöpfung, die sich in den Monaten nach dem Unfall in ihm festgesetzt hatte, ohne dass er sie wirklich bemerkte, weil sie nicht laut war, nicht dramatisch, sondern unterschwellig, konstant, wie ein Hintergrundrauschen, das man erst wahrnimmt, wenn es plötzlich fehlt – und doch war da etwas geblieben. Ein minimaler Rest. Eine Erwartung, die er nicht abschütteln konnte.
Als der Zug wieder in den Tunnel glitt, spürte er sie sofort, diese kaum greifbare Veränderung, dieses Zurücktreten der Welt, als würde jemand die Lautstärke herunterdrehen, nicht vollständig, nur ein wenig, gerade so viel, dass etwas anderes Platz bekam. Das Funkgerät knackte. Dann: „Du hast mich gehört, oder?“
Er schloss für einen Moment die Augen, nur für einen Wimpernschlag, und als er sie wieder öffnete, war alles noch da – der Tunnel, die Anzeigen, die Geschwindigkeit, die exakt im vorgesehenen Bereich lag.
„Das geht nicht“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu ihr.
„Doch“, kam die Antwort, und sie klang jetzt näher, nicht räumlich, sondern anders, als wäre sie weniger verzerrt, weniger gefiltert durch das, was auch immer zwischen ihnen lag.
„Wo bist du?“
Es entstand eine Pause.
„Hier.“
Er hätte lachen können über diese Antwort, hätte sie als kindlich abtun können, als ungenau oder unbrauchbar, und vielleicht tat ein Teil von ihm genau das, aber ein anderer Teil hörte etwas anderes darin, etwas, das nicht in der Bedeutung lag, sondern in dem, was sie nicht sagte.
Hier bedeutete nicht einen definierten Ort. Hier bedeutete: nicht dort, wo du gerade hinschaust! Auf jeden Fall: nicht bei ihm.
„Du musst mich holen“, sagte die Stimme.
Plötzlich war da eine Richtung, ein Ziel, etwas, das sich greifen ließ.
„Wie soll ich das anstellen?“
„Du musst kommen.“
Die neunzig Sekunden vergingen wieder zu schnell, zerrannen zwischen Fragen und Antworten, die sich nicht vollständig formten, die fragmentarisch blieben, wie ein Gespräch, das durch eine zu schmale Öffnung gepresst wurde.
Als die Verbindung abriss, saß er noch einen Moment da, obwohl der Zug längst wieder im Licht der nächsten Station stand; die Türen öffneten und schlossen sich wieder, obwohl alles weiterging.
Nur er blieb zurück.
Es wurde zu einem Rhythmus – seinem Rhythmus. Nicht umgehend, nicht von einem Tag auf den anderen, sondern schleichend, beinahe unmerklich, wie etwas, das sich in den Alltag einschreibt, ohne dass man es bewusst zulässt. Er fuhr die Strecke, wartete auf den Tunnel, auf die Stille, das Knacken, das den Übergang markierte, und jedes Mal war sie da, ein wenig klarer, ein wenig greifbarer, als würde sich etwas stabilisieren, als würde die Verbindung lernen, sich selbst aufrechtzuerhalten.
Sie sprach von einem Ort, der keiner war, von Dunkelheit, die nicht einfach das Fehlen von Licht war, sondern etwas Eigenes, etwas, das sich bewegte, ohne sich zu verändern, und er hörte zu, stellte Fragen, die sich immer wieder im Kreis drehten, weil es keine neuen Antworten gab, nur Variationen des Gleichen.
Eines Abends sagte sie dann: „Es gibt einen Weg.“
Er hielt den Atem an, ohne es zu merken.
„Du musst die Türen öffnen“, fuhr sie fort, und ihre Stimme war jetzt so klar, dass er für einen Moment vergaß, dass sie aus dem Funkgerät kam. „Im Tunnel.“
Er sah nach vorn, in die Dunkelheit, die sich wie immer vor ihm ausbreitete, und zum ersten Mal dachte er nicht nur daran, hindurchzufahren.
„Und dann? Was passiert dann?“
„Dann steigst du aus.“
Die Worte waren einfach, beinahe banal, und doch lag in ihnen eine Schwere, die er sofort spürte, als hätte sich etwas in ihm verändert, als wäre eine Grenze berührt worden, die bisher nur theoretisch existiert hatte.
„Dann finde ich dich?“, fragte er vorsichtig und versuchte, seine Unsicherheit zu unterdrücken.
Es entstand eine kurze Pause.
„Ja.“
Er hätte an dieser Stelle aufhören können, hätte es als das erkennen können, was es war: eine Unmöglichkeit, einen Fehler, etwas, das nicht in die Welt passte. Aber er tat es nicht.
„Es gibt nur eine Regel“, sagte sie.
Natürlich, dachte er. Natürlich gibt es eine Regel. Das wird auch keine einfache sein.
„Du darfst dich nicht umdrehen.“
Er nickte, obwohl sie es nicht sehen konnte.
„Egal, was du hörst. Verstehst du mich?“
Er nickte erneut, obwohl er ahnte, dass das eine Herausforderung werden würde, der er bisher noch niemals begegnet war.
Der Abend, an dem er es tat, unterschied sich in nichts von den anderen. Vielleicht war genau das der Grund, warum es möglich war. Der Zug war nicht voller als sonst, nicht leerer, die Stimmen der Fahrgäste waren gedämpft, wie immer, ein Hintergrund, der keine Aufmerksamkeit verlangte. Die Anzeigen funktionierten, die Geschwindigkeit war korrekt, alles war, wie es sein sollte – und doch war da dieses Wissen, das sich nicht mehr zurückdrängen ließ, diese Entscheidung, die längst gefallen war, lange bevor er sie bewusst traf.
Der Tunnel kam. Die Stille kam. Das Knacken kam.
„Jetzt“, sagte sie.
Er zögerte keinen einzigen Augenblick. Seine Hand bewegte sich fast von selbst, ein Ablauf, den er tausendmal geübt hatte, nur dass er diesmal nicht vorgesehen war, nicht erlaubt, kein Teil irgendeiner Vorschrift, die er aber auch nicht kannte.
Die Türen öffneten sich; ein kalter Luftzug drang in die Kabine, roch nach Metall und etwas anderem, etwas, das er nicht sofort einordnen konnte, etwas, das nicht nach der Welt über ihnen roch. Er stand auf. Jeder Schritt war klar, präzise, als hätte er ihn vorher geplant, als gäbe es keinen Zweifel, keinen Raum für Unsicherheit.
Hinter ihm stand der Zug – vor ihm lag die tiefe Dunkelheit.
„Komm“, sagte sie.
Er nahm tief Luft und ging. Erst einen Schritt, dann den nächsten, immer weiter. Die Schienen unter seinen Füßen waren uneben, aber er spürte es kaum, weil sich seine Aufmerksamkeit nach vorn richtete, auf die Stimme, die ihn leitete, die näher wurde, mit jedem Schritt, als würde sich der Raum zwischen ihnen verkürzen.
„Du bist fast da“, sagte sie.
Doch dann kam das Geräusch. Zuerst leise, kaum mehr als ein Echo, ein niedrigschwellender Nachhall, der nicht zuzuordnen war, der sich nicht sofort in eine Form brachte, und mitunter hätte er ihn ignorieren können, hätte er ihn als Teil des Tunnels abtun können, als akustische Täuschung, als etwas, das keine Bedeutung hatte. Aber er tat es nicht. Das Geräusch wurde deutlicher: Es war ein Weinen, nicht laut oder verzweifelt, sondern gedämpft, als käme es von weit her, und doch war es nah genug, um erkannt zu werden, um sich festzusetzen und Fragen zu erzeugen, die sich nicht mehr abschütteln ließen.
„Geh weiter“, sagte die Stimme vor ihm.
Er tat es. Ein Schritt, dann noch einer.
Das Weinen hinter ihm wurde lauter – oder vielleicht bildete er es sich nur ein.
„Nicht umdrehen, habe ich dir gesagt!“, forderte sie.
Natürlich, dachte er. Natürlich nicht!
Dennoch war da dieser Impuls, der sich nicht aus Gedanken speiste, sondern aus etwas Tieferem, etwas, das nicht fragte, nicht abwog, sondern einfach da war, ein schmerzender Drang, der sich in seinem Körper ausbreitete, der sich in seinen Nacken setzte, in seine angespannten Schultern, in den instinktiven Reflex, der ihn dazu brachte, verstehen zu wollen, das Gehörte einordnen zu wollen, um absolut sicherzugehen.
Was, wenn –
Er hielt inne.
„Komm zu mir“, sagte sie wieder, und jetzt lag etwas Drängendes in ihrer Stimme.
Das Weinen hinter ihm wurde klarer. Dann folgte ein zweites. Oder ein Echo davon?
Er wusste es nicht. Er konnte es nicht wissen. Doch genau das war es, diese Unsicherheit, die sich seiner bemächtigte.
Der Moment dehnte sich, verlor seine Zeit, wurde zu etwas, das nicht mehr messbar war, nicht mehr in Sekunden, nicht mehr in Bewegungen, sondern nur noch in dieser einen Entscheidung, die alles trug, die alles hielt.
Vertrauen oder Gewissheit.
Er schloss für einen Moment die Augen – und drehte sich um.
Als man den Zug fand, stand er noch im Tunnel: Die Türen waren geöffnet, das Licht brannte, die Anzeigen funktionierten, alles war, wie es sein sollte. Nur er, der Fahrer, war nicht mehr da.
Wenn man lange genug dort stand, sagten später einige, konnte man für einen kurzen Moment glauben, etwas zu hören. Ein leises Rauschen. Oder mehr: ein Knacken. Und dann, ganz kurz, eine Stimme – oder waren es gar zwei?