Abreißen
[Kurzdrama]

Abreißen
Kurzdrama
Am Telefon. Zwei Freunde (Thomas und Bernd), die seit der Sandkastenzeit eine tiefe Freundschaft haben, versuchen, miteinander zu telefonieren.
Thomas:
Weißt du noch, wie wir nachts rausgegangen sind, um unter Brücken Lackdosen in die Luft zu sprengen? Was das für einen Knall gab!
Bernd:
Ja, das war ein Spaß!
Thomas:
Und weißt du noch, als wir die Kartoffelkanone gebaut haben und dann nachts auf den Feldern um uns geschossen haben? Ich bin mir sicher, es waren mehr als hundert Meter. Die weitesten Schüsse haben wir ja auch gar nicht mehr gefunden!
Bernd:
Daran kann ich mich noch gut erinnern!
Thomas:
Oder als du… muss so sehr lachen, dass er sich verschluckt… als du…
Bernd:
Geht es dir gut?
Thomas hüstelnd:
Ja, alles in Ordnung. Als du mit der Mikrowelle von deinem Alten angekommen bist, haben wir die ganzen Sachen darin geschmolzen! Bis das Ding so sehr explodiert ist, dass wir dachten, irgendwer ruft gleich die Bullen! Das war ein göttlicher Moment.
Bernd:
Ja, das war einer!
Thomas:
Wir müssen definitiv noch mal eine Abriss-Tour machen! Dann ziehen wir um die Häuser und bringen die Bewohner zur Weißglut!
Bernd zögerlich:
Ach, weißt du, ich…
Thomas:
Wie!? Was soll das denn heißen? Was weiß ich! Ich weiß, dass wir wieder mal was abreißen müssen, wir zwei. Oder wir holen uns noch Marcel und Andi dazu, dann steht bald nichts mehr aufeinander, wo wir landen!
Bernd:
Ich will dir ja nicht den Wind aus den Segeln nehmen, aber…
Thomas:
Jetzt zier‘ dich nicht so! Komm schon! Lass uns noch mal die alten Tage aufleben! Nur für eine Nacht!
Bernd:
Thomas! Ich verstehe ja, dass du noch mal losziehen willst, als wäre heute nicht heute, sondern vor Urzeiten. Aber ich bin nicht mehr der Typ, der nur Flausen im Kopf hat. Ich habe jetzt Familie, Kinder. Einen Hund, der jeden Tag raus will. Einen Job, der mir viel abverlangt. Das geht so weit, dass ich auf der letzten Kirmes nach dem zweiten Bier so knülle war, dass mich meine Frau nach Hause tragen musste, damit ich dort fünf Stunden meinen Rausch ausschlafen konnte. Lass die alten Zeiten so wie sie sind – als gute Erinnerung!
Thomas:
Das ist ja alles schön und gut, mit deiner Familie und deinem Villa-Kunterbunt-Leben! Aber ich höre doch raus, wie dich das anödet! Wir müssen mal was abreißen, damit du dir auch noch mal was Spaß gönnst!
Bernd:
Ich habe meinen Spaß! Mehr als je zuvor. Es ist nur hart erarbeiteter Spaß.
Thomas:
Willst du mich auf den Arm nehmen?! Hart erarbeiteter Spaß! Wann hast du dir denn diesen Blödsinn ausgedacht?
Bernd:
So ist es aber! Wenn ich im Sommer abends nach der Arbeit auf der Terrasse stehe, grille, meinen Kindern beim Spielen mit dem Hund zusehe, meiner Frau zuschaue, die den Tisch deckt und alles herrichtet, der Garten, in dem es blüht, dann habe ich einen Riesenspaß!
Thomas:
Das ist doch totaler Bullshit! Nur wenn wir was abgerissen haben, hatten wir früher so richtig Spaß!
Bernd:
Ja, früher, Thomas. Früher. Das war einmal. Heute ist ein anderes Leben. Ein erwachsenes. Ich muss nicht mehr um die Häuser ziehen und etwas abreißen, damit es mir gut geht!
Thomas:
Du bist ein elendiger Spießer geworden. Einem, dem wir früher die Bude auseinandergenommen hätten. Abgefackelt hätten wir die Hütte!
Bernd:
Jetzt beruhige dich mal! Wir hätten auch früher nichts dergleichen gemacht!
Thomas:
Doch! Wir wären besoffen um die Häuser gezogen und hätten alles abgerissen. Das war unser Elixier, Bernd: das Abreißen! Warum willst du das heute nicht mehr mit mir machen?
Bernd:
Weil ich im Leben angekommen bin und gelernt habe, dass jede Zeit ihre Momente hat.
Thomas:
Und diese Zeit hat nichts mehr mit Abreißen für dich zu tun?
Bernd:
Nein, nichts mehr!
Thomas:
Okay!
Bernd:
Was meinst du mit okay?
Thomas:
Okay, ich habe verstanden! Du willst nichts mehr mit mir abreißen gehen – also will ich auch nicht mehr mit dir telefonieren! Tschüss!
Bernd:
Ach, komm schon, Thomas! Die Welt hat sich weitergedreht und…
Weiter spricht er nicht, da Thomas aufgelegt hat. Gedankenverloren legt er den Hörer weg und wischt sich über das Gesicht. Er starrt eine Weile geradeaus. Aus dem Hintergrund ruft jemand nach ihm und das meiste bleibt in allerbester Ordnung. Alle ab.