Ernüchternes Ende

Ernüchternes Ende

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Tödliche Lügen. Anthologie. 2026]

Ernüchterndes Ende

Nach Jahrzehnten des rasanten Fortschritts, dem Überwinden von kaum geglaubten Grenzen, dem expansiven Wesen des Menschen dienend, kam die Raumfahrt immer weitere Schritte ins Weltall – wobei Schritte eher hyperbeschleunigte Siebenmeilenstiefel waren –, doch dann, Mitte des 21. Jahrhunderts, trat die Entwicklung plötzlich auf die Bremse. Nachdem die ersten Kolonisationsversuche des Monds und des Mars’ gut begannen, verschlechterten sich die Ausgangslagen, denn für eine langfristige Besiedlung waren die technischen Probleme doch größer als gedacht. Auch eine Expedition zum Saturnmond Titan und zum Jupitermond Io gelang zwar, doch die geplante Kommerzialisierung dieser metallreichen Trabanten schien nicht annähernd die Kosten zu tragen. Zwar gab es weiterhin neureiche Enthusiasten, die in diesem Metier die Geschichtsschreibung ihrer eigenen Philanthropie erreichen wollten, doch diese Einzelaktionen waren viel zu wenig, um strukturell eine Kolonisation oder eine gezielte Abbaustrategie einzuleiten. Auch in der Entwicklung besserer Verfahren zur Beschleunigung oder Steuerung der exoplanetären Raumschiffe trat eine Entwicklungsbremse ein, sodass selbst die klügsten Köpfe der Menschen keine neuen Methoden fanden, wie sie an den vor ihnen stehenden Hürden vorbeikommen konnten – wenn sie schon nicht drüberkamen. Aus all diesen Entwicklungen und Rückschlägen besann sich die Menschheit wieder mehr auf ihren Planeten, zog die Energiewende mit voller Macht durch und hätte sich beinahe aufgrund der hohen Kosten ohne Nutzen aus den Tiefen des Alls zurückgezogen, wenn nicht per Zufall in einem Standardexperiment eine Entdeckung gelungen wäre, die viele Wissenschaftler nicht mehr für möglich gehalten hatten.

Seit Anfang des Jahrhunderts hatten einige der renommiertesten Wissenschaftler und Experten in den verschiedenen Fachbereichen darüber spekuliert, dass die Entschlüsselung der Quantenverschränkung die Frage beantworten konnte, wie man trotz Nichtüberschreiten von Lichtgeschwindigkeit und Nichtkommunikation über eine Distanz unbestimmter Weite eine Realität verschränken könne, die es ermöglichen würde, auch physisch komplexere Gebilde zu beschleunigen – auf eine nichtphysische Art und Weise, sondern mehr über die elementaren Erlebnishorizonte. Doch die Erkenntnis dieses Zufalls war eine ganz andere, viel einfachere, und das machte die Lösung so unfassbar einfach, dass sich viele fragten, warum sie nicht selbst draufgekommen waren. Über Jahrzehnte hatten die Versuche immer so ausgesehen, dass die verschränkten Quantenteilchen entweder möglichst weit oder möglichst massereich sein mussten, doch die Frage, ob man die Distanz oder die Masse der Teilchen nicht minimieren und gegen null führen konnte, hatte scheinbar niemand oder der Gedanke kam niemals zum konsequenten Versuchsaufbau, denn als Dr. Jennifer MacKenzie von der Chapman University in Kalifornien genau dieses Experiment wieder und wieder durchführte, erstaunte sie nur kurz, denn plötzlich stand es mitten vor ihr im Raum – ein schwarzes Etwas, das sich die Energie scheinbar aus dem Raum sog, langsam aber beständig. Als Dr. MacKenzie aus dem Labor floh, die Tür schloss und wie wild begann, alle Menschen in ihrer Umgebung zu aktivieren, ahnte niemand, welche Auswirkungen diese Entdeckung haben würde.

Nur wenige Tage später hatte sich das Wurmloch stabilisiert und hielt sich in dem Raum ohne neuerliche Veränderungen, während sich Wissenschaftler und Wagemutige dem Gebilde näherten und neue Experimente durchführten, bis endgültig klar schien, dass mit diesem Wurmloch die Grenzen der bekannten Physik und der berechenbaren Realität ein Ende gefunden hatten. MacKenzie wusste nicht, wie ihr geschah, denn kurze Zeit später reagierte der Machtapparat, den die Menschen Staat nennen und dessen dysfunktionale Elemente immer über die funktionalen gewinnen werden, da sie einfach schneller reagieren, um ihren Vorteil zu sichern, und so wurde MacKenzie an einen sicheren Ort gebracht, den sie nicht verlassen sollte, um dort das Experiment zu wiederholen. Zunächst weigerte sie sich, für das Militär des Staates die Türen ihres Wissens zu öffnen, doch sie musste sich bald eingestehen, dass ihre Entdeckung bei weitem nicht so speziell war, als dass nicht jeder skrupellose Wissenschaftler dasselbe in wenigen Wochen wiederherstellen konnte – vor allem, da das Militär alle ihre Aufzeichnungen in Kopie besaß. MacKenzie entschied sich für das geringere Übel und stellte sich in den Dienst des Staates und des Militärs, sodass sie weiterhin Beteiligte in dieser Entwicklung war, obwohl sie insgeheim wusste, dass sie die austauschbarste Person in diesem gesamten Spiel sein musste.

Um eine Idee davon zu bekommen, wohin die Wurmlöcher führten, versuchte man eine Unzahl an Experimenten, doch sobald die mit Sensoren bestückten Gegenstände ins Wurmloch verschwanden, endete die Transmission; als dann die ersten Menschen sich freiwillig meldeten und das Militär nach nur einem sehr kurzen Zögern den Experimenten nachgab, sprangen Wagemutige in das Wurmloch, doch niemand kam je wieder heraus, noch drang eine Information zurück zu der Ausgangsbasis. Inzwischen schien klar, dass das Wurmloch keine unmittelbare Gefahr für die Menschheit darstellte, doch eine Möglichkeit, die eigene Welt zu verlassen und große Distanzen im Weltall zu überbrücken, schien es auch nicht zu sein. Einige stellten die Frage, wie es den Mutigen wohl ergehen würde, wenn sie mitten im All aus dem Wurmloch rauskämen, und basierend auf dieser Überlegung wurde die Entscheidung getroffen, ein viel größeres Wurmloch zu erzeugen, um ein Raumschiff hindurchzuschicken. Dieses Unterfangen nahm weitere vierzehn Jahre in Anspruch und das Team rund um MacKenzie war auf mehr als zweitausend Mitarbeiter angewachsen, sodass man einen ganzen Landstrich komplett sperrte und stärker bewachte als alles, was die Menschheit je beschützt hatte. Eine Geheimhaltung war unmöglich bei dieser Art der Operation, und so ging das Militär in eine Informationsoffensive und erhielt so ziemlich alles an Rückmeldung, was man sich denken kann, doch am Ende ließen sie sich von keiner anderen Meinung leiten als von der eigenen – die Entwicklung war längst disjunkt von allen Formen der politischen oder ethischen Verantwortlichkeiten, der Philosophie oder einfach – der Humanität.

Am fast exakt zwanzigsten Jahrestag des ersten Experiments gelang es dem Team um MacKenzie, ein riesiges Wurmloch stabil zu halten, so groß, dass es der Kraft von 48 Billionen Kilowattstunden bedurfte, um am Leben gehalten zu werden. Als das Militär das Wagnis beschloss, ein mit fünfundzwanzig Menschen und mehreren Hundert Robotern besetztes Raumschiff hindurchzuschicken, schwante MacKenzie als einziger Böses. Doch ehe sie den Gedanken in eine reale Besorgnis umwandeln konnte, sah sie auf den Monitoren mit an, wie das Raumschiff dem Wurmloch immer näher kam, ehe der Massenausgleich zwischen den beiden Konstrukten so groß wurde, dass das Raumschiff in den Ereignishorizont des Wurmlochs gezogen wurde – im wahrsten Sinne langgezogen, und ehe alle verstanden, dass die Lebewesen auf dem Raumschiff bereits tot waren und das Experiment aufgrund der Interaktion nicht mehr stoppbar war, sprach MacKenzie den Gedanken aus, dass dies das Ende der Menschheit wäre – und wie recht sie hatte, bekam sie nicht mehr mit, da ihre Existenz im Ereignishorizont bereits entschwunden war.