Der Verrat an Uqbar
[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Karussell #3. 2025]

Der Verrat an Uqbar
Ich war einer von ihnen. Einer, der sich Tag für Tag die Welt vorstellte, wie sie sein mochte – nicht, wie sie in irgendeiner Wirklichkeit war. Denn in Uqbar zählte nur, was gedacht wurde. Nicht das Gefühl, sondern die eingrenzende Form. Nicht der kalte, nackte Schmerz, sondern seine gedachten und erlebten Umrisse. Alles war ein verzerrtes Bild, ein endloser Gedanke, eine herausfordernde Konstruktion. Selbst der Tod wurde nicht einmal beklagt, sondern nur aus dem Wesen der Objektivität beschrieben: als eine lichte Zerfaserung, als endliche Auflösung im flachen Nebel eines nicht zu verhindernden, finalen Endes.
Ich glaubte fast mein gesamtes Leben in Uqbar daran. Ich stellte mir die unglaubliche Ruhe vor, stellte mir den harten Verzicht vor, stellte mir das Aufhören als vollendeten Akt vor – bis sie eines Tages ohne Ankündigung starb.
Sie. Es gibt keinen Namen, weil Namen in Uqbar kein Gewicht haben. Man denkt nicht mit oder in Namen, man denkt mit oder in Zuständen. Doch der gedachte wie auch reale Zustand, den ich mit ihr verband, entzog sich mir plötzlich von einem Moment auf den anderen. Ich stellte mir ihr Gehen als unendlichen Lichtbogen vor. Doch noch lange nach ihrem Verschwinden roch es in meinem Zimmer nach ihrer Haut. Nach dem kräuterfrischen Tee, den sie immer getrunken hatte. Nach dem Schweiß, der sich unter ihrer Kleidung sammelte, wenn die Sonne – die gedachte Sonne – durch die (per definitionem) weißen Vorhänge fiel.
Ich wusch die gebrauchten Tassen mehrfach, tauschte die Laken, wusch sie, wusch sie erneut, verbannte die markanten Geräusche, die sie immer gemacht hatte und die in meinem Ohr blieben. Doch ihr Geruch blieb. Und mit ihm der Zweifel.
Was, wenn der Tod nicht gedacht, sondern erlebt werden müsste? Was, wenn das Ende nicht ein Ende ist, sondern ein Riss, der abrupt ein Vakuum im Raum erzeugt, den man vorher aufgespannt hatte? Was, wenn die Welt einem nicht gehorcht?
Ich ging zu den Bibliothekaren und ließ mir die Chronik ihrer Vorstellung aushändigen. Sie war ordentlich geführt: ihr Lächeln, ihr Gang, ihre Stille. Alles war sauber notiert, modelliert, ergänzt. Doch da war kein Zorn zu finden, den ich nicht verstand, keine Trauer, die ich nicht nachfühlen musste, kein Zufall, der jemals eingegriffen hätte. Nur Ordnung – pure Ordnung. Und ich erkannte: Wir hatten sie nie wirklich gesehen. Nur darüber intensiv nachgedacht.
Ich begann, mich intensiv zu erinnern. Nicht an einzelne Worte, sondern an ihre Hände. An die Wärme, die von ihnen ausging. An ein unterschwelliges, vibrierendes Zittern in ihrer Stimme, wenn sie von einem dunklen Schatten sprach, den es nicht geben durfte. Ich hatte damals gelächelt, völlig ignorant und den Schatten verworfen. Jetzt kam dieser Schatten als Macht zurück – nicht als Gedanke, sondern als Unruhe.
Ich hörte auf, mir Dinge vorzustellen. Stattdessen beobachtete ich. Ich beobachtete, wie der Wind nicht gleichmäßig durch die Straßen zog – warum sollte er auch? Wie ein Kind, das stolperte und hinfiel, ohne dass es sich jemand gedacht hatte. Wie eine alte Frau zu husten begann und nicht aufhörte, obwohl niemand ihren Tod ausgerufen hatte.
Die Welt widersetzte sich dem Gedanken und der Struktur, die dahinterlag. Nicht plötzlich, aber klammheimlich. Ich war sicherlich nicht der Erste, der diesen Umstand bemerkte. Doch ich war der Erste, der diesen Umstand nicht verschwieg. Nicht mehr.
Man rief mich in die Halle der Vorstellungen. Man bat mich, meine Gedanken zu ordnen, meine verbogenen Zweifel zu begradigen, meine dysfunktionale Empfindung in ein System zu überführen. Ich sah sie alle dort sitzen – die verschlossenen Gedankenträger, die wachsamen Architekturwächter und die gnadenlosen Wahrheitsbeauftragten. Und ich wusste: Sie hatten nichts von alledem gefühlt, wovon ich berichten wollte. Sie hatten alles imaginiert, aber nichts gespürt.
Ich stand auf und meine Sprache verweigerte ihre Artikulation.
Ich zeigte ihnen den Zettel, den sie ihr in die Hand gedrückt hatten, bevor sie starb. „Verlösche sanft“, stand darauf. Ich fragte: Wer hat es geschrieben? Wer hat entschieden, dass das ihr letzter Gedanke sein soll? Das Letzte, das ihre Welt mit dieser Welt verband, bevor das Band verloren ging?
Keiner antwortete. Warum auch?
Ich verließ den Ort. Man ließ mich ziehen, ohne mir Steine oder andere Hürden in den Weg zu legen. Man wird mich umschreiben und neu deklarieren, dazu wird sicherlich meine Biografie sanft verwittern. Ich werde in neuen Ausgaben nicht mehr auftauchen. Vielleicht wird man sagen, ich sei ein Irrtum gewesen – ein Gedanke, der nicht aufkam – doch glaube ich daran? Sicher nicht.
Doch: Ich weiß es besser! Ich habe gesehen, dass der Nebel das Licht nicht verhindert, nur an seiner Entfaltung hindert. Dass der Körper mehr weiß als die reine Vorstellung seiner gedanklichen Existenz. Dass der Tod nicht das Ende des Denkens ist – sondern sein letztendliches Fehlen.
Ich war ein Uqbarianer. Jetzt bin ich ein Schatten. Und ich vergesse nicht. Nicht mehr.