Abhängigkeit

Abhängigkeit

[Essay]

Woran liegt es, dass es in der Menschheitsgeschichte, die wir aufgrund von Überlieferungen überblicken können, fast pausenlos zu kriegerischen Handlungen gekommen ist? Wenn wir uns die kriegerische Weltkarte von heute vor Augen halten, kann wachsende Bildung nicht zwingend ein Grund für mehr Frieden sein. Es ist zu vermuten, dass es an etwas anderem liegt. Sonst wären der Erste und der Zweite Weltkrieg nicht erklärbar, denn die allgemeine Bildung der Regierungen hätte ausreichen müssen, um zu verstehen, dass es zum Krieg kommen wird und wie blutig dieser aufgrund der weiterentwickelten Waffen werden muss. Wenn es also nicht gerade ein Bürgerkrieg in einem Land mit zigfachen ethnischen Völkern ist, dann stehen sich in der Regel zwei Parteien gegenüber, die einen oft lange schwelenden Konflikt mit militärischen Mitteln lösen wollen. Das geschieht, egal welche intellektuellen Eliten vor einem Krieg warnen. Eine neue Qualität des Kriegstreibens wurde mit dem Kalten Krieg erreicht. Zwei vergleichbar starke Bündnisse stehen sich gegenüber und drohen einander mit Krieg. Da aber beide wissen, dass ein Krieg endgültig sein könnte, führen sie Stellvertreterkriege. Aus anderen Gründen hat das kommunistische System nicht funktioniert und ist zerbrochen. Somit existierte Anfang der 1990er Jahre nur eine Großmacht, die niemand wirklich anzugreifen gedachte. Bis zum Terrorismus, der ohne selbst eine Großmacht darzustellen, das entscheidende Puzzlestück für diese Analyse liefert: In einer Situation, in der zwei Systeme gegenüberstehen (unabhängig von der Art der politischen oder gesellschaftlichen Systeme) und die standardisierten Problemlösungsstrategien versagen, sodass die militärische Lösung in einer der beiden Entscheidungsebenen durchgesetzt wird, kommt es zum Krieg genau dann, wenn es kein Konflikt auf globaler Ebene ist, der einen finalen Charakter für die Menschheit bedingen könnte. Davor haben bisher die Kriegsparteien zurückgeschreckt. Wie kommt es aber zu diesen dominanten Systemen (z. B. USA als Weltpolizei, NATO, das Römische Reich etc.) und was sichert diese Systeme vor dem Zerfallen nach innen? Macht und Abhängigkeit. Wobei Macht aus Abhängigkeit entstehen kann und vice versa. Macht kennt jeder als Faktor von politischen und gesellschaftlichen Systemen. Aber was ist mit Abhängigkeit? Die Europäische Union ist das Paradebeispiel für Frieden durch Abhängigkeit. Auch Russland ist in der momentanen Lage interessant, denn so sehr Russland die umliegenden Länder auch erobern oder als Satellitenstaat an sich binden möchte, so abhängig ist Russland von den Lieferungen der eigenen Rohstoffe an die Länder, die es unter Druck setzen. Ein wirklicher Flächenbrand ist durch diesen Konflikt nicht zu befürchten, solange die Europäische Union die Abhängigkeit Russlands weiter als Trumpfkarte spielt. Was also existiert auf der Welt als Machtfaktor, der nicht durch Abhängigkeit in ein System eingebunden werden kann, um dauerhaften Frieden zu schaffen? Auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene sind alle Spielarten bekannt und sollten in einem System der Abhängigkeiten keine großen Faktoren sein. Bleiben also durch langsam arbeitende Systeme wie Politik und Gesellschaft unkontrollierbare Faktoren, die in den letzten Jahrhunderten auch immer wieder für Kriege verantwortlich waren: globale Wirtschaftsinteressen und –unternehmen sowie religiöse Entwicklungen. Während das Thema globale Entwicklung in den Bereichen Wirtschaft und Informationen kaum vorauszusehen ist, sind die religiösen Entwicklungen ein greifbareres Thema. IS ist z. B. ein Faktor, der sich nicht in ein abhängiges System stecken lässt. Und die von reaktionär-fundamental-christlichen Kräften getriebene Tea-Party-Bewegung ist nicht zu unterschätzen, wenn diese die Macht zum Regieren der aktuell einflussreichsten Nation der Welt erhält. Eine Nation, die wiederum ihre eigene Abhängigkeit gegenüber der Welt reduziert, indem sie mittels eigener Rohstoffe Energie produziert. Am Ende reduziert sich das Ganze auf: Die Abhängigkeit verhindert kriegerische Zustände, die Verminderung von Abhängigkeit fördert dieselben. Treffen radikale, möglichst unabhängige Bewegungen aufeinander, gibt es keinen anderen Ausweg als Krieg. Nur der innere Zusammenbruch eines der Systeme vor dem Krieg. Das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben.