Glorimirs Wagnis
[Glorimirs Wagnis. Kurzgeschichte. Veröffentlicht als Lesung im Hörzauber. 2026]

Glorimirs Wagnis
Es war einmal in den moosumwachsenen Hügeln von Graubach, wo das Klopfen der tönernden Schmiedehämmer nie ganz verklang und das Summen der Gärtröge selbst durch dickste Steinwände sickerte, dass ein Zwerg namens Glorimir Silberklopf, dessen eigentümliche Leidenschaft für wallende Stoffe, glatte Zwergenhaut und melodische Sprachen schon bald als das Dorfgespräch sämtlicher Nachbarn galt, die ihre Augenbrauen regelmäßig höher zogen, als ihre Stirn es eigentlich zuließ.
Während seine Brüder und Schwestern Bärte flochten, Bartlängen maßen oder an hitzigen Debatten über die ideale Bartdichte teilnahmen, saß Glorimir am liebsten auf einem bemoosten Stein nahe dem Brunnen und betrachtete sein Gesicht in einem polierten Metallschild, während er sorgfältig versuchte, mit einem geschärften Obsidiansplitter jede auch nur ansatzweise aufkeimende Haarfaser zu entfernen, was nicht nur blutige, sondern auch erstaunlich lautstarke Ergebnisse brachte, da Glorimir trotz seiner Wünsche nach elfischem Aussehen noch über eine sehr zwergische Schmerzreaktion verfügte.
Sein Wandel begann in jener Nacht, als ein dichter Nebel durchs Tal kroch und Glorimir, der wegen eines schlecht verträglichen Pilzeintropfs ohnehin nicht schlafen konnte, plötzlich eine zarte Gestalt sah – so licht und leise, dass selbst das Flattern der Eulenflügel hinter ihr wie das Poltern eines Titanhammers klang –, und diese Gestalt, eine Elbin mit Haaren wie fallender Sternenstaub, ihn mit durchdringendem Blick ansah, während sie flüsterte: „Du bist nicht aus Stein geformt, Glorimir… du bist aus Licht gesponnen… du bist einer der Unsichtbaren – du bist einer von uns.“
Seit diesem Traum (der, wie seine Schwester Branda Silberklopf später mit verschränkten Armen vermutete, sehr wohl auch von dem seltsamen Wurzeltee des alten Kröten-Barrak stammen konnte) war für Glorimir nichts mehr wie zuvor, denn fortan sprach er in der Sprache der Elben, jedenfalls soweit ihn das Buch „Elbisch – Gesänge der hohen Hügel“ lehrte, das er von einem herumfahrenden, sehr zwielichtig wirkenden Händler für teure Münze erstanden hatte, und zudem trug er Gewänder, die aus Farnfasern und Nachtblumenseide gefertigt waren und im Wind so sanft flatterten, als würden sie das Lied des Windes nachpfeifen.
Seine Gänge durch das Dorf wandelten sich ebenso: Wo einst kräftige Schritte auf hartem Stein hallten, tänzelte nun eine kleine, rundliche Gestalt in übergroßen Schnürsandalen mit aufgesetztem Würdeblick und dem gestrengen Versuch, so zu wirken, als schwebte sie leichtfüßig durch das Sonnenlicht, obwohl sie in Wahrheit mit jedem zweiten Schritt in Wurzeln hängenblieb oder sich mit der Tunika in Ziegenzäunen verfing – doch das fing Glorimir mit einer Chuzpe auf, die ihresgleichen suchte.
Die anderen Zwerge, allen voran Gunddrum Eisenwange, der Älteste des Steinmetzzirkels und dreifache Träger des Titels „Bart der steinernen Götter“, betrachteten diese Entwicklung mit zunehmender Sorge, die sich in langen Besprechungen mit viel Stirnreiben und Axtwerfen äußerte, doch da Glorimir niemandem etwas zuleide tat – außer den Ästheten des Bartclubs – beschloss man, ihn schlicht in der Schublade der Besonderen einzuordnen, einer Kategorie, die sonst nur für Trankmischer mit Hornhaut am dritten Auge oder für Tiere galt, die versuchten, auf zwei Beinen zu laufen.
Seine Schwester Branda Silberklopf, eine explosive Mischung aus gutmütiger Toleranz und stets mit Zündstein bewaffneter Direktheit, verteidigte ihn regelmäßig gegen Spott und skeptisches Naserümpfen, indem sie erklärte, dass selbst ein glatzköpfiger Zwerg mit Hang zur Poesie, schöner wohlklingender Sprache und Selbstrasur am Ende des Tages noch ein besseres Herz habe als mancher Haudraufzwerge voller Stolz und Pickelhaut, und dass es keine Schande sei, anders zu sein, solange man das eigene Anderssein mit Würde trage.
Doch Glorimir war nicht zufrieden mit einer bloßen Duldung – nein, sein Herz sehnte sich nach Zugehörigkeit – doch nicht zu den Zwergen –, sondern nach Anerkennung durch jene, deren Gang so lautlos war wie der Fall eines Blattes und deren Gesang selbst Steine zum Weinen bringen konnte, weshalb er beschloss, sich auf den Weg zur Großen Elbenversammlung im Nebelwald zu machen, um endlich als Glorimir Celebrían – was in seinem gebrochenen Elbisch angeblich „Lichtgeborener aus bartfreiem Ursprung“ hieß – in den Kreis der Hohen Lichter aufgenommen zu werden.
Mit zitternder Aufregung, frisch duftend nach Waldbeerenöl und mit einem Kranz aus Nachtveilchen auf seinem schimmernden, glattpolierten Schädel, betrat er die heilige Lichtung, in deren Mitte ein weißer Baum wuchs, der angeblich aus dem Atem des ersten Dämmerlichts entstanden war, und verbeugte sich tief, wobei sich sein Tunikaärmel in einer Wurzel verfing, was das Aufstehen zu einer gewagten Aktion werden ließ.
Er hob die Arme, lächelte selig und sprach: „Ai lairë, mellyen! Calima nai!“, was – seiner Vorstellung nach – eigentlich heißen sollte: „Seid gegrüßt, geliebte Freunde! Möge Licht auf euch scheinen!“, allerdings in Wahrheit eher bedeutete: „Hallo Freude! Hell sollt ihr sein!“, was die Elben höflich mit gemessener Stille quittierten, während sich einige unter ihnen langsam hinter kunstvoll verschlungenen Ästen zurückzogen, vermutlich aus Rücksichtnahme, aber möglicherweise auch, um ihre Irritation über den zwergischen Fremdling nicht zu zeigen.
Dennoch überreichte ihm der Anführer der Elfen eine Brosche in Form eines Blattwirbels, sprach Segensworte, die so freundlich wie unkonkret waren, und bat ihn, seinen besonderen Weg weiterzugehen – fernab des heiligen Hains, aber stets mit dem Wissen, dass jeder, der dem Lied des eigenen Herzens folgte, ein würdiger Träger des hell erstrahlenden Lichts sei, ganz gleich, wie viele Haarwurzeln dabei auf der Strecke blieben.
So kehrte Glorimir zu den Seinigen zurück, ein wenig zerstochen von den Ranken und Dornen, durch die er im Dunkeln hindurchmusste, und doch innerlich erfüllt, denn in seinen Augen hatte er nun die Bestätigung erhalten, dass er nicht verrückt, sondern einfach nur anders war – ein Leichtfüßiger unter Schwerfüßigen, ein Glänzender unter Mattierten, ein Zwerg, der sein Herz an die Bäume angeschmiegt hatte.
Das alles änderte nichts daran, dass die anderen Zwerge ihn weiterhin als besonders ansahen, doch inzwischen konnte Glorimir für sich selbst die Frage beantworten, ob ihn das störte oder nicht – und immer, wenn er Zweifel hatte, dass der Weg doch nicht der richtige war, den er eingeschlagen hatte, dann summte er die Melodien aus jener Nacht im Nebelwald und fühlte sich augenblicklich seinen Geschwistern im Geiste wieder näher.
Noch heute sieht man ihn beim wiederkehrenden Sternenlied-Abend auf dem Dorfplatz von Graubach, wo er gemeinsam mit Branda Silberklopf und einigen neugierigen Nachbarzwergen Geschichten erzählt, Pflanzenkränze flechtet und sich nicht beirren lässt, wenn jemand meint, dass Elbengewänder albern aussähen – denn wer einmal im Schatten eines Baums mit Elfen gestanden hat, lässt sich vom Spott gewöhnlicher Zwerge nicht mehr das Licht aus dem Herzen pusten.