Der Geruch der verlorenen Zeit

Der Geruch der verlorenen Zeit

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Zwischen Zerberus und Zauberei. Phantastische Pfoten. Anthologie, 2026]

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Der Geruch der verlorenen Zeit

Wenn der Wind aus Nordost kommt, weht manchmal ein Geruch herüber, der nicht zu dieser Jahreszeit passt und auch nicht zu jener Welt, wie sie jetzt ist – ein warmer, bitterer Hauch von etwas, das früher war, von einem Lächeln, das nie wiederkehrt, oder von Stimmen, die sich nur in den Ritzen der Fensterrahmen halten. Ich kenne diesen Geruch. Er bedeutet für mich: die Zeit.

Ich liege oft im Hof, auf den warmen Steinen, die mein Herr mit Wasser bespritzt, damit sie nicht zu heiß werden für meine alten Gelenke. Er tut das aus Gewohnheit und vermutlich nicht aus Liebe. Liebe ist ein anderer Geruch – und dieser ist lange verschwunden. Mein Herr war früher anders, voller Zwiebel, Tabak und Neugier. Jetzt riecht er nach Wolle und Vergessen.

Unser Dorf, in dem wir zusammenleben, ist alt. Nicht im Sinne von angesammelten Jahren, sondern in seinem Geruch. Es duftet nach Eisen, feuchtem Holz und versäumtem Leben. Ich habe viele Spuren unter meinen Pfoten gespürt: den Schweiß der Flößer, das Moos der Knechte, die Mädgen hinterherstierten, das Parfüm der Töchter, die heimlich tanzten. Die Zeit liegt hier nicht in Büchern oder Bildern, sie liegt in der Erde – und steigt auf, wenn es dämmert.

Ich weiß nicht, warum ich diese Dinge riechen kann – vielleicht, weil ich alt bin oder weil niemand sonst mehr hier ist, um sich an die vielen Ereignisse zu erinnern. Vielleicht auch, weil Hunde manchmal Hüter sind – nicht von Häusern, sondern von dem, was darin verlorengeht.

Mein Name ist Krumm. Nicht, weil ich es bin, sondern weil mein Gang so aussieht, als wäre etwas in mir nicht so angeordnet, wie es eigentlich sein sollte. Mein Herr hat ihn mir gegeben, irgendwann zwischen zwei Wintern, als der Stall noch genutzt wurde und der Brunnen noch mit seiner eigenen gluckernden Sprache antwortete. Ich bin sein letzter Begleiter – der letzte, der zuhört, wenn er schweigt.

Und manchmal, in der Nacht, wenn alles still ist und der Wind den Geruch von früher bringt, hebe ich den Kopf – nicht, weil ich etwas gehört habe, sondern weil ich spüre, dass jemand nach mir ruft. Nicht mit Worten, sondern mit einer Erinnerung.

Nachts ist der Geruch der Vergangenheit am deutlichsten, wenn die Welt sich in ihr eigenes Schweigen eingekapselt hat und selbst der Mond wie ein müdes Auge über dem Giebel hängt. Dann schleiche ich hinaus, nicht aus Unruhe, sondern aus Gewohnheit – ich folge Spuren, die kein anderer mehr sieht, weil sie nicht mehr sichtbar, sondern nur noch riechbar sind, wie ein nachhallendes Echo aus der Tiefe der Zeiten.

Der Weg zur alten Bäckerei ist holprig geworden, vermoost, und an vielen Stellen sind die Platten zersprungen – aber ich finde ihn blind. Dort, wo einst Mehl in die Ritzen der Tür drang und Kinder mit klebrigen Händen warteten, liegt jetzt nur noch Staub, doch unter dem Staub liegt ein Duft, der niemals vergeht: Der Bäcker, der mit stoischer Ruhe des frühen Morgens seine Arbeit verrichtet, Brot für Brot, Backware für Backware, und auch kleine Konditoreiarbeiten fehlen nicht. Das Zittern eines Lehrlings, dessen Hände mehr wussten, als sein Vater ihm zugestand. 

Ich halte inne, lege meine Nase an die steinerne Stufe, schließe die Augen. Ein kurzer, flüchtiger Hauch von Angst. Nicht die frische, beißende Angst der Gegenwart, sondern eine alte, milde – wie die eines Jungen, der ahnt, dass sein Leben nicht das sein wird, das er erträumt hat. Ich kenne diesen Geruch. Ich trage ihn in mir und mit mir mit.

Weiter hinten, beim Brunnen, liegt ein anderer Duft: Metall, Zorn, eine zerbrochene Stimme. Irgendwann in einem Sommer, der keinen Regen hatte, warf ein Mann dort ein Messer ins Wasser, das nie wiedergefunden wurde. Ich rieche es noch immer, rostig, trotzig. Es gehört zur Geschichte des Ortes – wie das Moos an den Fenstern, das auch viel mehr erlebt hat, als so mancher denken würde.

Ich frage mich manchmal, ob ich selbst auch Spuren hinterlasse, die jemand riechen wird, wenn ich längst nicht mehr durch diesen Hof schleiche. Ob mein Atem in der Luft bleibt, sich meine Gedanken in den Fugen festsetzen werden, zwischen den Dingen, die keiner mehr benutzt.

Ich bin kein Hüter im heldenhaften Sinn. Ich belle nicht gegen Fremde, ich jage keine Katzen. Aber ich erinnere mich. Ich bewahre Bewahrenswertes. Ich bin das letzte Fell, das diese Geschichten mit sich trägt, wie andere Flöhe.

Doch heute Nacht, da ist etwas anders. Ein neuer Geruch liegt in der Luft – fremd, aber nicht unangenehm. Mit einer süßlichen Note. Wie Papier, das zu lange in einer Truhe lag. Etwas Altes, das nie ganz gegangen ist.

Sie sitzt einfach da.

Kein Laut dringt von ihr zu mir, kein Schritt ist zu vernehmen und kein Türklappen hat.

 ihr Kommen angekündigt – und doch ist sie plötzlich im Haus, auf dem alten Fliesenboden vor dem Schrank mit den verbeulten Emailletöpfen, dort, wo die Sonne nie richtig hinkommt. Mein Herr ist im Garten, während ich im Schatten des Flurs bin, mein Kopf auf den Pfoten und die Gedanken noch beim Geruch der Nacht.

Sie riecht nicht wie Kinder sonst riechen – nicht nach Milch, nicht nach kindlicher Neugier, nicht nach warmem Gummi von neuen Schuhen. Sie riecht nach altem Leinenpapier, etwas nach feuchtem Waldboden, aber vor allem nach eingekochter Zeit, wie wenn Holunder stundenlang im Keller vor sich hinblubbert. Wie ein Buch, das zu lange unter Steinen liegt und darauf wartet, dass es wiederentdeckt wird. Ich kenne diesen Geruch, ohne ihn bisher je geatmet zu haben.

„Ich suche meinen Bruder“, sagt sie plötzlich. Ihre Stimme ist kein Flüstern, aber auch kein Ton, den man draußen hören kann. Sie sagt es, als hätte sie es schon oft gesagt. Vielleicht nicht in diesem Haus, aber in vielen anderen, über lange Jahre hinweg.

Ich nähere mich, langsam, die Muskeln wachsam, nicht aus Angst, sondern aus Respekt. Sie rührt sich nicht, obwohl ich ihr unbekannt sein muss. Ihre Hände liegen still in ihrem Schoß, ihre Schuhe sind aus einer anderen Zeit – zu schmal, möglicherweise auch zu steif. Ihre Haare trägt sie in einem Zopf, wie ich ihn zuletzt gerochen habe, als die Tochter vom Schultheiß verschwunden ist. Damals sagten die Leute, sie sei weggelaufen, aber ich roch nur Regen und Eisen.

Ich setze mich vor das Mädchen. Unsere Augen treffen sich: In ihren liegt kein Erschrecken, kein Zögern. Es ist, als hätte sie mich erwartet.

„Du bist alt“, sagt sie dann.

Ich belle nicht, ich wedle nicht. Ich höre nur, wie mein Herz einen Schlag vergisst.

„Und du kannst riechen, was war“, antwortet sie, ohne dass ich gefragt habe.

Mein Herr kommt nicht zu uns, um nach dem Rechten zu sehen. Die Sonne zuckt über die Kanten des Fensters, als würde sie sich wundern.

Das Mädchen hebt den Kopf. „Wirst du mir helfen?“

Ich weiß in diesem Augenblick nicht, was sie meint. Aber ich rieche, dass es wichtig ist, äußerst wichtig sogar.

Sie verlässt das Haus, ohne dass mein Herr sie bemerkt. Ich bin ihr Schatten, nicht weil ich es muss, sondern weil etwas in mir weiß: Dieser Weg, den sie geht, ist keiner, den man allein gehen sollte – und keiner, den man zweimal gehen kann.

Der Kies unter ihren Schuhen klingt anders. Nicht heller oder schwerer – sondern fremd, als würde er sich wundern, betreten zu werden. Sie geht den alten Pfad am Wegrand entlang, dorthin, wo früher der Krämer wohnte, bevor der Laden dichtmachte und das Haus zu bröckeln begann. Nur dass es nicht bröckelte. Es stand da, als sei es frisch gestrichen, und es roch nach Bohnerwachs und Orangen. Ich habe diesen Duft seit Jahrzehnten nicht mehr in. meiner Nase gespürt.

„Hier habe ich gespielt“, sagt sie, ohne sich umzudrehen. „Mein Bruder hat sich im Sack versteckt, der nach Kaffee roch. Das war immer sein Lieblingsversteck und ich habe es ihm stets überlassen, wenn wir gespielt haben.“

Ich bleibe stehen. In der Luft liegt ein feiner Rauch – nicht bedrohlich, sondern wie von Ofenholz. Ein Sonntagmorgen aus einer Zeit, die keiner mehr kennt. Und doch ist sie wieder da, diese Zeit, unter meinen Pfoten, in meinen Nüstern, zwischen den Blättern.

„Du siehst es nicht, oder?“, will sie wissen.

Ich schüttele mich. Vielleicht, um den Zweifel abzuwerfen.

„Du musst nicht sehen. Du erinnerst dich. Das reicht.“

Hinter der Kurve, wo der Weg ins Nichts führen soll, steht ein Tor – aus Efeu gewachsen, als hätte jemand es in die Luft gezeichnet. Ich kenne diesen Ort normalerweise sehr genau. Nur ist dort nie ein Tor gewesen – und doch: Der Boden darunter war durchweicht vom Tritt vieler Füße, Kinderfüße, kleine Stiefel.

Ich rieche das vergangene Leben und ich weiß: Wir gehen gerade in etwas hinein, das nie ganz verschwunden ist.

Wir gehen weiter, das Mädchen und ich, durch einen Ort, der zugleich vertraut und fremd geworden ist – wie ein Lied, das man halb erinnert und halb erträumt. Doch je weiter wir kommen, desto mehr schleicht sich etwas in die Luft, das ich nicht benennen kann. Kein Duft, sondern dessen Fehlen. Eine Stille, die nach einem Fehlen riecht.

Es beginnt an der Kirchmauer. Der Putz ist noch weiß, wie früher, als sich sonntags die Tücher der Alten im Wind blähten und der Gesang durchs Dorf sickert wie warmer Honig. Doch jetzt liegt kein Gesang in der Luft – sondern etwas anderes: eine Leere, die schwerer wiegt als jedes Geräusch.

„Wir sollten nicht hier sein“, flüstert sie.

Ich stelle die Ohren auf: Da war kein Laut, kein Schritt, kein Rascheln – und doch: Ich spüre, wie sich etwas bewegt – nicht auf dem Boden, sondern in der Zeit. Eine Falte. Eine Schieflage. Ich rieche keinen Staub, kein Holz, keinen Stein. Nur Kälte. Und das ist eindeutig falsch.

Sie zieht mich an der Haut über meinem Nacken, wie Welpen es tun. „Sie kommen, wenn es nach Erinnerung riecht. Und du riechst doch alles.“

Ich verstehe nicht, wer „sie“ sein sollen. Doch ich sehe es an ihren Augen: Sie fürchtet nicht den Ort, sondern das, was sich ihm nähert. Etwas, das keine Spuren hinterlässt.

„Die Geruchslosen“, sagt sie.

Ich erstarre. Nicht weil ich weiß, was das ist – sondern weil es keinen Begriff in meiner Welt für etwas gibt, das nicht riecht. Nicht einmal der Tod ist geruchslos. Aber dies hier: leer.

Wir fliehen in die Kirche, durch eine Tür, die es nicht mehr geben sollte. Drinnen wirkt es, als wäre die Zeit stehen geblieben: Die Bänke stehen wie damals, die Kerzen sind unbenutzt, der Geruch von Weihrauch und altem Linoleum hängt noch immer in den Ritzen.

Ich lege mich unter den Altar, mein Herz pocht viel zu schnell und mein Atem ist zu laut. Sie sitzt neben mir, die Beine an sich herangezogen, ihre Stirn lehnt gegen die Wand.

„Ich habe ihn hier zuletzt gesehen“, sagt sie.

Und ich rieche es plötzlich – den Bruder. Blut, Gras und Tinte. Vergangene Angst.

Wir verlassen die Kirche im ersten Licht, als der Nebel noch in den Ästen wie Gespinste vergessener Träume hängt. Die Geruchslosen sind scheinbar fort – oder waren nie dagewesen. Und doch bleibt eine Kälte zurück, die nichts mit Wetter zu tun hat. Das Mädchen verhält sich verhältnismäßig still. Ihre Schritte sind langsamer geworden, als würde sie in etwas gehen, das sie nicht berühren will.

Der Pfad führt uns hinaus aus dem Dorf, dorthin, wo die Bäume dichter stehen und der Boden weich vom ewigen Tropfen alter Zeiten wird. Ich kenne diesen Ort so gut wie meine Westentasche, die ich niemals tragen würde. Und dennoch: Ich weiß nicht, wie er heißt.

„Hier beginnt, was keiner mehr erinnert“, sagt sie. „Hier fangen die Orte an, die aus den Gerüchen verschwunden sind.“

Ich halte an. Vor uns liegt ein Fleck Erde, der weder wächst noch stirbt. Es gibt keine Spuren zu sehen, keine Geräusche werden erzeugt, nicht einmal ohne Absicht. Kein Geruch – doch: Etwas war da.

„Er hat mich hier vergessen“, flüstert sie. „Oder ich ihn. Wer soll sich so etwas schon merken?“

Das Mädchen kniet sich nieder. Ihre Hände zittern nicht, aber ich rieche, dass etwas in ihr zerbricht. Ich nähere mich vorsichtig, und da ist es mit einem Mal, sodass ich etwas überrascht werde: ganz schwach, ein Hauch von schwarzer Tinte, Blei und fauler Walnuss. Ein Jungenzimmer errieche ich. Dann: eine Zeichnung. Die Hand, die sie hielt.

Und dann rieche ich mich selbst.

Nicht wie ich bin. Wie ich war. Jung, stolz und ungestüm. Ich sehe mich neben einem Jungen, der kaum sprechen kann, aber immer schreibt. Ich rieche, wie sehr er mich liebt. Und wie sehr er fortmuss.

„Du warst sein Hund“, sagt sie.

Ich weiß nicht, ob das Gesagte stimmt. Aber ich entschied mich, nicht aus einem Instinkt heraus zu bellen. Ich weiche nicht zurück.

„Und ich war seine Schwester.“

Die Luft um uns herum flimmert. Nicht sichtbar – riechbar. Wie heißer Asphalt im Frühling. Die Welt ist nicht mehr in ihrer eigenen Festigkeit, die man sonst wahrnimmt.

Ich begriff: Dies ist kein Ort auf einer Karte. Dies hier ist ein Knoten. Oder besser: ein Riss. Vielleicht auch eine Verdichtung. Hier sammelt sich, was niemand ausgehalten hat.

Ich lege mich neben sie und spüre, wie sich mein Herz an etwas erinnert, das ich nie gewusst habe.

Wir kehren um, ohne Ziel, ohne weiteren Plan – nur mit dem Wissen, dass etwas gesagt worden ist, das sich nicht mehr ungesagt machen ließ. Der Weg ist derselbe, den wir gekommen sind, und doch: Nichts stimmt überein. Die Luft ist schwerer, die Bäume sind stiller. Selbst der Wind scheint vorsichtiger zu atmen.

Das Mädchen spricht nicht mehr, sie läuft neben mir her, leicht versetzt, als wolle sie nicht im selben Rhythmus gehen. Ihr Geruch hat sich verändert – es ist weniger Wald, dafür mehr Staub, als würde sie sich in Erinnerung auflösen. Ich rieche es und will sie fragen, doch ich weiß: Es gibt keine Antwort, die in meine Welt passt.

Das Dorf kommt in Sicht – aber es ist nicht das Dorf, das wir verlassen haben. Die Dächer sind flacher, die Fenster wirken deutlich dunkler, als sie es wohl sind. Zwei Häuser fehlen in der Reihe. Dafür steht an der Stelle des alten Milchhäuschens ein Schuppen, der schon lange nicht mehr stand. Mein Herr ist nirgends zu sehen, zumindest aus meiner Perspektive.

„Wir sind zu früh“, wispert sie zu mir hinüber.

Ich verstehe in diesem Augenblick nicht, was hier geschieht, aber ich rieche es: frisch gewaschene Laken, die es seit Jahren nicht mehr gibt; das Rosenöl der Hebamme, die ich als Welpe kannte. Die Zeit ist nicht zurückgesprungen – sie hat sich nur verschoben, ein klein wenig; wie ein Teppich, den man anhebt, um zu sehen, was darunter liegt.

Das Mädchen bleibt vor unserem Haus stehen. Ihre Augen wirken leer, aber nicht traurig – als hätte sie alles gesagt, was sie sagen kann. Ich trete näher, schnuppere an ihrem Ärmel, der nach Regen riecht: kein frischer Regen – ein alter, längst verdunsteter.

„Ich glaube, ich muss jetzt gehen.“

Ich möchte sie aufhalten, aber mein Körper ist viel zu schwer. Mein Herz pocht langsamer und die Müdigkeit kommt wie ein Tuch, das sich langsam über mich legt. Sie lächelt zum ersten Mal, es ist ein Lächeln, das in mir die Sehnsucht nach Ewigkeit hervorruft.

Dann tritt sie in den Flur – aber nicht in unseren, der Türrahmen bleibt, wo er ist, nur das Mädchen ist weg, und mit ihr: der Geruch.

Ich lege mich nieder, am Rand der Stufe, wo sie gestanden hat. Der Boden ist noch leicht warm. Aber es ist kein Ort mehr, sondern nur ein Moment.

Ich liege lange dort, an der Schwelle zwischen Haus und Welt, und lasse die Augen offen, obwohl nichts mehr zu sehen ist. Der Flur ist leer: kein Schatten, kein Laut und vor allem kein Duft mehr. Nur Stille – jene Art von Stille, die nicht leer ist, sondern voller Dinge, die niemand mehr ausspricht.

Mein Herrchen kommt dann irgendwann zu mir, stellt sich über mich, schüttelt den Kopf, als hätte ich etwas angestellt. Er spricht kein Wort zu mir, doch ich rieche, dass er sich sorgt – nicht laut, nicht menschlich, sondern in jener Mischung aus Zimt, Leder und Bitterkeit, die sein Herz seit Jahren trägt. Ich bleibe einfach liegen. Nicht aus Trotz, sondern aus Demut vor dem Moment, der uns beide auf eine andere Art und Weise als sonst verbindet. 

Die Tage danach fühlen sich an wie unter Wasser. Ich fresse, wenn man mir etwas hinstellt. Ich gehe, wenn man mich ruft. Aber mein Kopf und all seine Gedanken darin bleiben bei ihr – bei dem Mädchen, das wie Papier und verschollene Zeit riecht. Ich suche sie überall, doch sie ist nicht mehr da – nicht einmal ihr Duft hat sich gehalten.

Und doch geschieht etwas: Im Garten, eines Abends, als der Himmel sich rosa färbt, wie er es früher oft tat, rieche ich es: einen sanften Hauch. Ganz leicht. Wie ein Brief, der nie abgeschickt wird. Es ist nicht ihr Geruch – nicht ganz. Aber etwas von ihr ist darin.

Ich erhebe mich, mit Mühe und dem Knacken in den Knochen, das mich seit einigen Monden begleitet, gehe den ausgetretenen Pfad entlang bis zur alten Esche. Dort bleibe ich stehen. Der Wind kommt aus Osten, und da ist er: der Geruch meines ersten Herrn: jener Junge. Tinte, Gras und Herzklopfen. Er ist nicht bei mir. Aber ich rieche ihn und ich weiß: Ich habe etwas vollendet, das nie begonnen hat. Nicht weil ich klug bin oder in irgendeiner Art und Weise mutig. Sondern weil ich geblieben bin, als alle anderen vergessen.

Ich lege mich in die Mulde am Stamm. Die Nacht kommt langsam, wie ein großes Tier, das sich zu mir legt, und ich schließe langsam die Augen. Kurz bevor der Schlaf mich ganz aufnahm, rieche ich ihn. Den letzten Geruch: Frühling. Von ganz viel früher. Vom Anbeginn meiner Zeit.