Ausnahmezustand

Ausnahmezustand

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Reibeisen 43. 2026]

Ausnahmezustand

Es geschah just in dem Augenblick, als meine Frau in der Küche eine silberweiße Raupe an der Decke entlangkriechen sah, dass mein bisheriges Leben, das ich als entspannt und gesittet bezeichnen würde, von dem einen auf den anderen Moment in den Ausnahmezustand – Code Red – versetzt wurde. Wären nicht die weiterhin funktionierende Atmung und die hektischen Bewegungen ihrer Gliedmaßen – ich wäre wohl geneigt gewesen, den Notarzt zu rufen. Als ich dann jedoch erkannte, was der Auslöser für ihre Spontanhyperventilation war, wählte ich die eindeutig falsche Reaktion, denn während meine Frau erwartete, dass ich ihren Schrecken teilte, war meine Empfindung irgendwo zwischen egal und unwichtig angesiedelt. Da sie zu keinerlei konkreter Aktion fähig war, besorgte ich mir ein papiernes Küchentuch und fischte die Raupe von der Wand, ehe ich sie entsorgte. Ich wollte schon wieder zu meiner eigentlichen Tätigkeit zurückkehren, als ich den aufwallenden Zorn meiner Frau abbekam, ohne dass ich darauf vorbereitet war – wie konnte ich auch? Aus meiner Sicht hatte ich die Gefahr, die für mich nicht bestand, erkannt, schnell gehandelt und souverän gemeistert, meine Frau quasi aus einer lebensbedrohlichen Lage befreit, doch was dann folgte, war Küchenguerilla vom Feinsten. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, nicht nur das Treffen mit meinen Kumpels abzusagen, sondern wir entleerten jeden Vorratsschrank, desinfizierten alle Oberflächen bis zur absoluten Sterilität und kauften den nahegelegenen Supermarkt leer, was dieser an Einmachgläsern im Bestand hatte. Wieder zurück zu Hause füllten wir alle Lebensmittel, die von diesen Raupen befallen werden könnten, in hermetisch abgeschlossene Gläser, wuschen zur Sicherheit nochmal alle Flächen ab, räumten alles ein – und als ich dachte, dass dieser Alptraum ein Ende hatte, als ich mir sicher war, dass wir jede Lebensform, selbst auf mikroskopischer Ebene, vernichtet hatten, tauchte eine weitere Raupe von der Decke auf – und umgehend war klar, dass nichts, aber auch rein gar nichts, außer eine Vernichtung des Hauses bis auf atomare Größe, ausreichen würde, um meine Frau zu beruhigen. Zum Glück – und ich kann das nicht genug betonen – zum Glück musste ich nur die Schränke abbauen, was mich die nächsten zwei Tage kosten sollte. Alle Flächen, nun auch die Rückseiten, wurden chemisch gereinigt, die Wände mit dem stärksten Kampfmittel behandelt, und ich war zufrieden mit meinem Werk, als ich am Sonntagabend mit Schmerzen in allen Körperteilen auf der Couch lag und beim Tatort eindöste. Wer hätte in diesem friedlichsten aller Momente nur daran denken können, dass es nicht das Ende war? Ich sicher nicht!

Drei Tage später trafen wir morgens nach dem Aufstehen auf die nächsten beiden Raupen, und ich konnte meine Frau davon abhalten, von sich aus chemische Keulen auszuprobieren. Wir einigten uns auf einen Kammerjäger, der auch gleich am Nachmittag kam und wie eine Wunderpille gegen die irrationalen Handlungen meiner Frau wirkte, sich sanft in ihr Gehirn schlich und lange nachwirkte, der uns erklärte, dass es im Sommer nicht ungewöhnlich war, dass man mit den Lebensmitteln einige Larven mitschleppte, doch wir unfassbar gut gegen eine Invasion gefeit wären. Ich erinnerte mich an meine Reaktion bei der allerersten Raupe, und eine Erwähnung im Gespräch mit meiner Frau hätte recht sicher die Scheidung bedeutet, sodass ich mir schweren Herzens den Kommentar verkniff und diese Aktion bei meinen Habenpunkten verbuchte – auch wenn ich mir eigentlich sicher sein konnte, dass ich deutlich im Minus abgeschnitten hatte – in vielerlei Hinsicht. Doch die Hauptsache war, dass der Ausnahmezustand beendet wurde, auch wenn ich seitdem jeden Morgen die Wände und Decken absuche und, wenn ich etwas finde, es auch sogleich verschwinden lasse. Einmal Alarmstufe Rot in der Küche reicht mir! Definitiv.