Rauchzeichen aus dem Wartezimmer

Rauchzeichen aus dem Wartezimmer

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Drachen – Geschichten aus dem Land der Fantasie. Anthologie. 2026]

Rauchzeichen aus dem Wartezimmer

Es war einmal ein Drache, der hatte sich einen höchst unpraktischen Husten eingefangen, und unpraktisch war er nicht etwa deshalb, weil er den Hals kratzte oder die Schuppen erbeben ließ, sondern weil jedes einzelne „Hrrrch-hust!“ unweigerlich mit einer kleinen Stichflamme endete, sodass er binnen einer Woche bereits drei Vorhänge, fünf Bäume und die Geduld sämtlicher Nachbarn in Brand gesetzt hatte; mit einem Wort: Es war allerhöchste Zeit für den Drachendoktor.

Der Drachendoktor – ein distinguiertes Wesen mit Asbestkittel, feuerfesten Handschuhen und einem Stethoskop aus geschmolzenem Mondmetall – führte seine Praxis in einer Höhle, die so eingerichtet war, dass sich selbst ein ausgewachsener Feuerdrache auf die Untersuchungsliege legen konnte, ohne dass diese sofort in Rauch aufging; die Zeitschriften im Wartebereich bestanden aus verbrannten Pergamenten, auf denen die Worte „Drache und Gesundheit“ gerade noch entzifferbar waren, und neben dem Wasser­spender stand, zur allgemeinen Sicherheit, ein 10.000-Liter-Feuerlöscher.

Der Drache betrat die Praxis mit einem leisen Schniefen und einem dumpfen Räuspern, das sofort den Türrahmen schwärzte; die Sprechstundenkobolde, die gleichzeitig Rezeptionisten und Brandschutzbeauftragte waren, rollten seufzend bereits den Ersatztürrahmen heran, denn sie kannten solche Patienten und ihre lodernde Begrüßung.

„Setzen Sie sich, bitte“, sagte der Drachendoktor in einem Ton, der irgendwo zwischen stoischer Gelassenheit und der resignierten Stimme eines Mannes lag, der täglich von Flammen angehaucht wird. Der Drache ließ sich auf den Wartefels sinken, hustete – fwoooosh – und entzündete dabei das Sprechstundenbuch. „Ach, das macht nichts“, murmelte die Arzthelferin und zückte das Routineeimerchen Sand.

Im Wartezimmer saßen bereits zwei weitere Gestalten, die so gar nicht in ein gewöhnliches Wartezimmer passten, aber für den Drachendoktor Alltag waren: eine Hydra mit sieben Köpfen, die gleichzeitig niesen mussten, sodass das ganze Gestein bebte wie bei einem kleinen Erdbeben; und ein Basilisk mit einer dicken Erkältung, der vor lauter Schnupfen so tränende Augen hatte, dass er trotz seines berühmten Blicks nur noch Seifenblasen statt Versteinerungen zustande brachte.

„Entschuldigung“, schniefte die Hydra, wobei der erste Kopf in ein Taschentuch trompetete, während der zweite schon nach einem neuen griff, der dritte nörgelte, das Papier sei zu kratzig, der vierte schimpfte auf den Zug im Wartezimmer, der fünfte schwor, er habe das Taschentuch als Erster beansprucht, der sechste sang eine klägliche Melodie, und der siebte schlief währenddessen ein – kurzum: eine Sinfonie des Chaos, die selbst den Basilisken vor Erschöpfung schielen ließ.

Der Drache setzte sich höflich neben sie, hustete ein kleines Fffrrrooomp, und entzündete dabei unglücklicherweise den Stapel „Drachendoktor-Magazin, Ausgabe Mai“. Die Hydra klatschte begeistert, sechs Köpfe gleichzeitig, während der siebte im Schlaf nickte, und der Basilisk nuschelte durch sein Taschentuch: „Endlich mal Stimmung hier.“

Die Sprechstundenkobolde kamen sofort mit Ersatzlektüre: einem „Ratgeber für Feuerunfälle im Haushalt“ und einem zerlesenen „Kreuzworträtsel für Ungeheuer“. Der Drache versuchte, sich abzulenken, doch jedes Mal, wenn er „sechs Buchstaben, Reptil mit Flügeln“ las, musste er grinsen, husten – und schwupps war die Rätselseite erneut verkohlt.

An der Wand hing ein Kinderdrachenposter, das in bunten Lettern verkündete: „Bitte husten Sie verantwortungsvoll – Ihre Mitmonster danken es Ihnen!“ Darunter baumelte ein Kästchen mit Notfall-Marshmallows zum Löschen kleiner Flämmchen im Wartezimmer. Niemand wagte es, einen zu nehmen, denn die Hydra behauptete, sie habe das ganze Kästchen schon geistig reserviert.

Als endlich sein Name aufgerufen wurde, seufzte der Drache fast erleichtert. Denn zwischen Hydra-Geschrei, Basilisken-Geschniefe und dem ständigen Sandgestreue der Kobolde fühlte selbst ein Feuerdrache sich fast schon wie der Vernünftigste im Raum.

Die Untersuchung verlief ebenso spektakulär wie absurd: Zunächst bat der Doktor den Drachen, tief einzuatmen, was damit endete, dass der Doktor einmal quer durch die Praxis geschleudert wurde, weil die Lunge des Patienten wie ein Schmiedebalg im Übermaß funktionierte. Dann versuchte er, mit einem Holzspatel in den Hals zu schauen, woraufhin der Spatel zu Kohle zerbröselte. Schließlich seufzte der Doktor, notierte etwas auf einem besonders hitzebeständigen Klemmbrett und sprach die Diagnose aus: „Ganz klassisch – ein feuriger Reizhusten.“

Die Therapieempfehlung klang wie aus einem Märchenkochbuch: „Viel Drachenminztee, eine Woche keine Prinzessinnen verschlingen, und vor allem die Flammen nur im Freien husten – es ist ja niemandem geholfen, wenn Ihre Bettdecke jede Nacht zu Asche zerfällt.“ Dazu verschrieb er ein Hustenspray auf Basis von gefrorenen Regenbögen, das kühlend wirkte und nur dreimal am Tag eingenommen werden durfte, damit es nicht versehentlich den gesamten Verdauungstrakt vereist.

Der Drache nickte ergeben, schnaufte einmal tief, was sofort die Hälfte der Arzthelferinnenfrisuren in ruinöse Rußskulpturen verwandelte, und versprach, sich an die Ratschläge zu halten – auch wenn die Aussicht, eine Woche lang keine Prinzessin als Mitternachtssnack zu verputzen, ihn doch mit einer gewissen Bitterkeit erfüllte.

Als er die Praxis verließ, stand draußen bereits die Feuerwehr bereit, freundlich winkend und mit einem Schild: „Lieber Drache, bitte nach links ausatmen – Wohnsiedlung rechts.“

Daher stapfte der hustende, aber nun behandelte Drache hinaus in die Welt, ein wenig weniger feurig, dafür umso entzückender in seiner unbeholfenen Bemühung, niemandem aus Versehen den Pony zu versengen.