Eisenhans

Eisenhans

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Wo die wilden Geister wohnen #8. Anthologie, 2025]

Eisenhans

Dort, wo das blasse, müde Licht der untergehenden Welt in zerfranste, goldverwaschene Fäden zerrinnt, als tropften die letzten einsamen Träume eines vergessenen Sommers von den schiefergrauen Himmelsrändern, und wo die rußbedeckten Mauern des steinernen Schlosses nicht wie wehrhafte Bollwerke gegen das um sich greifende Wilde, sondern wie zerbröckelnde Schatten alter Schuld aus dem mitternachtsfeuchten Erdreich emporragen, lag jener eiserne Käfig – ein rostglänzendes, moosumwuchertes und eisenversiegeltes Gefäß aus vergessener Zeit, nicht bloß als finsteres Gefängnis für ein namentlich gebanntes Wesen gedacht, sondern als träge, stumme Verleugnung einer unerbittlichen Vergangenheit, die zu wild, zu wahrhaftig, zu wortlos war, um gezähmt, getilgt oder vergeben zu werden.

Vergraben hinter schlingendem Efeu, der sich wie blattgrünes Schweigen an jede Lücke schmiegte, und umgeben von der feuchten, schattenkühlen Stille jener Waldränder, an denen die Welt langsamer zu atmen und fast zu flüstern beginnt, ruhte dieses vergessene Gehäuse des Unheimlichen, des Dunkelwissenden, das nicht mehr zur Gegenwart gehörte und doch nie ganz aus ihr verschwunden war.

Der junge Prinz – mit eisblauen Augen, sommersprossig und schmalgliedrig, in leinenfeinem Brokat gekleidet und mit einem Ausdruck aus staunender Unschuld und ungewusster Sehnsucht im von Seide umflorten Gesicht – war dem hüpfenden, glührot schimmernden Ball gefolgt, der sich, von windspielender Laune und leiser Zufälligkeit geleitet, aus seinem kindlichen Griff gelöst hatte und nun wie ein feuerroter Kompass des Schicksals über das kieselknirschende Pflaster sprang, bis er in der blattbeschatteten Tiefe jenes heiligen, verbotenen Bezirks zum Stillstand kam.

Als seine schlanken, kindlichen Finger das kalte, feuchtklamme und schmutzverkrustete Eisen der stählernen Gitter berührten – das rau wie das Fell eines schlafenden Bären war und fest wie das Urteil eines uralten Gottes wirkte –, war es, als würde eine unsichtbare Glocke schlagen, deren Klang nicht aus Ton, sondern aus Erinnerung gegossen war, als öffne sich für einen flüchtigen, aber alles verwandelnden Moment ein verborgener Spalt zwischen der schimmernden Welt des Gehorsams und der grollenden Sphäre des Vergessenen.

Aus der dunklen, neblig wabernden Tiefe des Käfigs, dessen Inneres nach feuchtem Moos, verbrannter Erde und urzeitlichem Schweigen roch, regte sich eine Stimme – eine raue, kratzige, dabei tief vibrierende und zugleich hohl klingende und doch abgründig warme Stimme –, die sich nicht wie ein Geräusch, sondern wie ein uralter Riss durch das Gewebe der Welt selbst zog, so als würde ein erstickter Donner über das Rückgrat des Himmels wandern: „Ich geb ihn dir zurück, wenn du mich befreist.“

Diese Worte, zäh wie triefendes Harz, bitter wie Schierling und dennoch süß wie vergorener Met, trafen den Prinzen nicht nur im Ohr, sondern in jenem inneren Raum, der zwischen Herz und Seele liegt – dort, wo die alten Geschichten wohnen, die nie erzählt wurden, und wo das Blut selbst nicht nur warm, sondern erinnernd fließt, durchdrungen von der Sehnsucht nach etwas Unnennbarem, Ursprünglichem und längst Verbotenem.

Denn jener Wilde, jenes namenlose, bärtige, fellbewachsene Wesen in der Finsternis – das man Eisenhans nannte, als ließe sich das Ungeheure durch Sprache auch nur im Ansatz zähmen – war mehr als eine eingekerkerte Kreatur; er war ein flackerndes, goldäugiges Sinnbild der ungebändigten, ungeschminkten und unheimlich schöpferischen Urkraft, die in den Wurzeln der Bäume, im Rauschen der Flüsse und im Schweigen der Höhlen wohnt, wenn nicht gar im fliehenden Donner selbst reitend voranmarschiert.

Er war das Tier im Menschen und der Gott im Tier, der Schrei unter dem Gesang und der Gesang unter den Wehleidigen – ein lebendiges Fragment jener vorweltlichen Zeit, in der das Wilde noch nicht gefährlich war, sondern in sich selbst heilig, in der Tränen heilten, Blut kochte und der Tod nicht das Ende, sondern das andere Tor in eine parallele Welt war.

Und so stand der Prinz, zitternd nicht vor Angst, sondern vor jener erhabenen Mischung aus Staunen, pochender Erregung und wortloser Ahnung, die man empfindet, wenn man das erste Mal nicht nur sieht, sondern wahrhaftig erkannt wird – nicht als Sohn, nicht als Schüler, nicht als Kind, sondern als Träger eines immanenten Feuers, das in Ketten liegt.

In den Tagen darauf – golden verregnete, windschimmernde und doch: träumebetäubte Tage, die langsam wie Honig durch seine Gedanken tropften – kehrte der Prinz immer wieder an den Ort zurück, suchte Schatten, die Stille und den Sichtkontakt zu jener Stimme, die ihn einmal gerufen hatte und nun zu schweigen schien, nicht aus Ablehnung, sondern aus Vertrauen, das prüft, ob man warten kann.

Er begann, schweigsam zu sprechen: mit Blicken, mit verstohlenen Gesten und dann mit seufzendem Verharren vor dem Gitter; er lernte, das Flimmern des Bartschattens im Dunkel zu lesen wie Schriftzeichen auf altem Pergament, und jedes Mal, wenn sich der Wind drehte und den Moosgeruch mit einem Hauch von Asche mischte, glaubte er, eine Antwort zu spüren, darin ein leichtes, schweres, sprechendes Nichts.

Dann kam jener Abend – glühend, dämmernd und mit wolkenrosigem Himmel, wie aus gleißendem Kupfer gegossen –, an dem sich der Prinz entschloss, das unaussprechlich Notwendige zu tun: die Grenzen zu überschreiten, die seine Zofe stets „Regeln“, der König „Ordnung“ und seine Mutter „Schutz“ genannt hatte, aber die im Grunde nur Nebelwände aus Angst in seinem Kopf waren.

Im silberspät beleuchteten Schlafgemach seiner Mutter – voller Spitzen und feiner Decken, porzellangeküsster Möbel und dem warmen Geruch von getrocknetem Lavendel, unterschwelligem Angstschweiß und dominantem Rosenöl – schob er vorsichtig, fast ehrfürchtig, das weiche Kopfkissen beiseite und ertastete den Schlüssel: alt, rostschwer und grünlich angelaufen, doch noch warm von der Stirn der Königin, und mit einer Form, die aussah, als sei sie nicht für echte Schlösser, sondern für geschundene Seelen gemacht.

Als er den Schlüssel hob und in seinem Mantel verbarg, war es nicht ein Augenblick des Diebstahls, sondern der eines Übergangs – das leise Klirren des altehrwürdigen Metalls klang wie ein uralter Schwur, und sein feuchter Atem ging schneller, nicht aus Furcht, sondern aus dem Wissen, dass er nun – ein für alle Mal – kein Kind mehr, sondern etwas anderes werden würde.