Weihnachten bei Herrn Röslein

Weihnachten bei Herrn Röslein

[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Weihnachten anders. Anthologie, 2025]

Weihnachten bei Herrn Röslein

Herr Röslein war kein böser Mensch, aber das Gerücht, er sei es, hielt sich standhaft wie die Flechten an seiner bröckelnden Hausfassade, und wenn man ehrlich war, dann hatte er selbst nicht eben viel dafür getan, es zu widerlegen – im Gegenteil: Er grüßte nicht, wenn man ihn grüßte, er lachte nie, wenn man ihn anlachte, und wenn er doch einmal den Mund aufmachte, dann kamen Dinge heraus, die nach Ablehnung und kalter Abneigung klangen, auch wenn die Worte selbst meist harmlos genug waren.

Er lebte allein, natürlich, das war in der Straße ohnehin bekannt, und das Alleinsein, das wusste jeder, war die erste Stufe auf dem Weg zur Schrulligkeit, vielleicht sogar zur vollständigen Menschenscheu, aus der nur noch Katzen oder der plötzliche Tod einen zu befreien vermochten. Aber Herr Röslein hatte weder Katzen noch den Tod – oder besser: der Tod hatte ihn noch nicht – und so saß er nun, am Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezembers, in seinem Wohnzimmer, das nach Linoleum und vergilbtem Resopal roch, trank Schnaps aus einer Teetasse und hörte Jazzmusik aus einem knisternden Radio, dessen Frequenz immer einen Hauch neben dem Richtigen lag.

Sein „Anti-Weihnachten“, wie er es nannte, war sorgfältig vorbereitet: kein Baum, kein Licht, keine Plätzchen, kein Fernsehen mit Kitsch und Glockenspiel, sondern Sauerkraut mit Speckwürfeln, ein Buch von Schopenhauer auf dem Beistelltisch, das er seit Jahren nicht über Seite 14 hinaus gelesen hatte, und das leise Stöhnen des Windes, der an seinem maroden Dach rüttelte wie ein Geist, der den Eingang nicht fand.

Er trug einen hässlichen, braunen Strickpullunder, in dem er aussah wie ein pensionierter Verkehrspolizist, was er auch war, und Socken mit kleinen Löchern, die an der Ferse einen Grauton angenommen hatten, der selbst durch hartnäckiges Waschen nicht mehr zu entfernen war. Als er gerade mit der Teetasse ansetzte, um dem ersten „Trinkspruch gegen das Fest der Heuchelei“ (wie er es nannte) zu frönen, klopfte es.

Nicht zaghaft. Nicht wie jemand, der um Butter oder Kerzenstummel bittet, sondern laut und zielsicher. Fast fröhlich. Er erschrak.

Es gab keinen vernünftigen Grund, warum am Heiligabend jemand bei ihm klopfen sollte, es sei denn, es war ein Irrtum – oder ein Zeuge Jehovas, dachte er, was im Grunde dasselbe war. Zögernd, den Schnaps noch in der Hand, stand er auf, ging zur Tür und öffnete sie.

Draußen stand eine Frau, Mitte dreißig, mit einer Mütze in Regenbogenfarben, die irgendwie nicht zu ihrem blassen, erschöpften Gesicht passte; in der Hand hielt sie eine zerdrückte Plastiktüte, aus der ein Rest Geschenkpapier und eine zerbeulte Christbaumkugel ragten. Ihre Augen waren gerötet – vom Weinen oder vom Wetter oder beidem.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie, „aber ich… ich weiß nicht, wohin.“

Herr Röslein sagte nichts. Er schielte auf die Kugel. Golden, mit roten Sternen. Billig und geschmacklos. Ein Symbol des weihnachtlichen Unsinns und: Er hasste Symbole.

„Ich bin die neue Nachbarin aus Nummer 11“, sagte sie. „Sie kennen mich sicherlich nicht. Ich bin erst letzte Woche eingezogen.“

Er nickte langsam, nicht weil er sie erkannte, sondern weil er hoffte, dass das Nicken das begonnene Gespräch endlich beendete.

„Ich hatte Streit mit meinem Freund. Jetzt ist er weg – und das an Weihnachten. Ich bin ihm hinterher, hatte gehofft, dass wir noch mal die Chance bekommen, doch dann habe ich ihn verloren. Als ich dann… an Ihrer Türe… Ich sah das Licht unter der Türe…Ich dachte, vielleicht… haben Sie eine Steckdose? Für die Lichterkette, die ich dabei habe? Oder einfach nur… ein bisschen Gesellschaft für mich – denn ich habe schon bemerkt, dass Sie auch alleine sind.“

Was dann geschah, war nicht geplant, nicht einmal von irgendeinem unterbewussten Reflex gesteuert – es war einfach das, was geschah: Herr Röslein trat einen Schritt zur Seite und ließ sie herein, und während sie ihre klammen Finger an seiner Heizung wärmte, stellte er eine zweite Tasse auf den Tisch, füllte Schnaps hinein und schob ihr die Teekanne zu, als wäre das alles ganz normal, als hätte er jedes Jahr zur gleichen Zeit Besuch von einer Fremden mit kaputten Kugeln, Lichterkette und Herzschmerzen.

Sie sagte nicht viel und das war gut so. Denn in der Stille, die zwischen ihnen lag, war Platz für ein Schweigen, das nicht verletzte, sondern wärmte. Er hörte sie atmen. Leise, wie jemand, der nicht mehr mit allem rechnet, aber noch nicht aufgegeben hat.

Die Kugel stellte sie auf das Fensterbrett. Sie kippte leicht zur Seite, aber blieb stehen. Die Lichterkette schloss sie an seine uralte Mehrfachsteckdose an, die etwas versifft war und für die er sich aus irgendeinem Grund plötzlich schämte, und für einen Moment leuchteten die kleinen, bunten Lämpchen wie eine fehlerhafte Hoffnung – flackernd, aber lebendig.

Herr Röslein runzelte die Stirn. Dann nahm er das Schopenhauer-Buch vom Tisch und legte es ins Regal zurück.

„Ich habe Sauerkraut gemacht“, sagte er, „mit Speck.“

Sie nickte, und während draußen der Wind die letzten Töne von „Silent Night“ in den Äther trug, aßen sie zusammen aus einem einzigen Topf und tranken den Schnaps mit klammen Fingern, und als die Frau später einschlief – eingerollt auf seiner Couch, unter einer Decke, die nach Campher roch –, saß Herr Röslein noch lange da und starrte auf die flackernde Kugel, die nun irgendwie schöner schien, als sie je hätte sein dürfen.

Er glaubte nicht an Wunder. Er dachte nicht an Einsamkeit. Er dachte nur, dass das Leben ihm schon seltsam mitspielt – und das ausgerechnet an Weihnachten!