Alarm
[Kurzgeschichte]

Alarm
Wie ein Verrückter jage ich die Straße hinab, laufe, bis mir die Lunge aus der Brust zu platzen droht. Mir ist übel von der ganzen Bewegung, und je länger ich meinen Körper auf Hochtouren durch die Stadt jage, desto weniger habe ich das Gefühl, dass es mir gelingen wird, meine Aufgabe zu erfüllen.
Die Aufgabe! Es ist die Aufgabe, die mich hetzen lässt. Die mich an den Rand meiner physischen Möglichkeiten bringt, weil ich ankommen muss, bevor der Alarm losschlägt. Und das Grausame: Ich weiß nicht, wann der Alarm losschlägt!
Also jage ich in einem Wettlauf gegen die Zeit durch die Straßen meiner Stadt, einem Wettlauf gegen einen Alarm, dessen Zeitmaß ich nicht kenne und dessen Auswirkungen mir ebenfalls unbekannt sind. Alles, was ich weiß, ist, dass ein Auslösen des Alarms, bevor ich mein Ziel erreiche, eine Katastrophe auslöst – und zwar nicht nur für mich, denn das wäre noch zu verkraften, sondern für viel mehr Menschen, als ich mir vorstellen kann. Das war die Botschaft, die mir eingebläut wurde, ehe ich vor weniger als einer Stunde loslief. Loslief in meiner Wohnung, in der ich den Anruf erhielt, und der so eindringlich war, dass ich loslaufen musste.
Der Weg? Ja, der Weg! Ich muss den Weg durch meinen Vorort nehmen, zu Fuß, mir ist verboten, zu fahren. Ich muss laufen, auch wenn meine Lunge brennt und schmerzt und jeden Moment aus meinem Körper herausbrechen könnte. Die Beine schreien nach Halt, doch ich kann und darf nicht halten. Ich darf nicht halten, sonst passiert eine Katastrophe. Eine riesige Katastrophe.
Ich dürfe nicht zweifeln, hat mir die Stimme gesagt. Genau das hat sie gesagt: Ich dürfe nicht zweifeln. Wenn ich zu zweifeln beginne, bliebe ich irgendwann stehen und es geschehe das Unglück. Was aber, wenn ich wirklich stehenbleiben würde? Was, wenn ich stürze, zu Boden falle und nicht mehr weiterrennen kann? Würde dann die Katastrophe auch geschehen? Welche Katastrophe meint der Anrufer überhaupt?
Ich renne einfach weiter. Versuche, die Gedanken an die Schmerzen und das Gehtnichtmehr, Willnichtmehr, Kannnichtmehr nicht zuzulassen, ich hetze unbeirrbar weiter. Geradeaus, ohne genau zu wissen, wohin eigentlich.
Wer sagt mir denn, nein, wer kann mir denn garantieren, dass die Katastrophe nicht stattfinden wird, selbst wenn ich meine Aufgabe erfülle? Wenn ich sie erfülle, dort ankomme, wo ich ankommen soll, und dann Teil dieser Katastrophe werde. Was, wenn ich benötigt werde, um die Katastrophe auszulösen, wenn ich der Auslöser bin, wie ein Zünder, der zum Zündstoff gelangen muss, damit etwas ausgelöst werden kann? Was, wenn ich besser stehen bliebe, um herauszufinden, was passiert, wenn ich es wirklich tue?
Was, wenn…
In diesem Moment ertönt der Alarm. Ich höre ihn ganz deutlich, er ist direkt in meiner Nähe. Ich suche die Quelle mit meinen Augen, finde aber nichts. Nichts. Oder doch? Ein Lautsprecher! Es ertönt ein Signal. Ist es das Signal zur Katastrophe? Ist es die Katastrophe?
Ich bleibe stehen und muss mitansehen, wie die Katastrophe einfach geschieht, ohne dass ich etwas gegen sie tun kann.