Nassbert und die verschwundene Schaumberge-Expedition
[Kurzgeschichte. Veröffentlicht in Nassbert, der Wannenwichtel. Anthologie. 2026]

Nassbert und die verschwundene Schaumberge-Expedition
Es war einer dieser unentschlossenen Nachmittage, an denen die Wolken draußen am Fenster wie Vergessensfetzen am Himmel hingen und sich nicht recht entscheiden wollten, ob sie nun grau, weiß oder irgendetwas dazwischen sein wollten, und genau an solchen Tagen – das wusste Mia inzwischen – begann im Badezimmer das heimliche Gluckern, das keineswegs vom alten Abflussrohr stammte, wie ihr Papa immer behauptete, sondern von Nassbert, dem Wannenwichtel, der sich dann mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit in Bewegung setzte, als sei der Beginn eines neuen Abenteuers lediglich eine Frage des richtigen Glucks-Geräuschs.
Mia stand barfuß auf den Fliesen, die ein bisschen zu kalt waren, um gemütlich zu sein, aber genau kalt genug, um ein verheißungsvolles Kribbeln zu verursachen, das in ihr jene Art freudiger Erwartung auslöste, wie man sie nur kennt, wenn man sicher ist, dass gleich, wirklich gleich etwas Magisches passieren würde; und tatsächlich wuchs in der Wanne bereits der Schaum zu einer ersten stattlichen Bergkette heran, die sich wie die Miniaturausgabe eines sehr höflichen Himalaja über den Rand neigte und freundlich „Hallo“ zu sagen schien.
„Nassbert?“, fragte Mia vorsichtig, denn sie wusste, dass man ihn nicht einfach herausrufen konnte wie eine Katze, die auf dem Küchenschrank eingeschlafen war, sondern dass man ihn eher einladen musste, indem man die Stimme ein kleines bisschen senkte und ein Stück Fantasie mitschwingen ließ.
Es gluckerte.
Dann stoppte es plötzlich.
Wieder gluckerte es so heftig, dass eine winzige Wasserfontäne aus dem Abfluss emporschoss – und genau daraufhin erschien Nassbert, der Wannenwichtel, in einer Pose, die man mit etwas gutem Willen als elegant hätte bezeichnen können, hätte er sich nicht im selben Moment in einen Schaumberg verheddert und rücklings wieder hineingefallen.
„Ich… bin… da!“, verkündete er, nachdem er sich befreit hatte, und richtete seine schaumverklebte Zipfelmütze mit einem Ausdruck unerschütterlichen Stolzes, der so sehr zu ihm passte wie Seifenschlieren zu einem Spiegel, den niemand rechtzeitig abgewischt hat.
„Was machst du denn heute?“, fragte Mia, die inzwischen in die Wanne gestiegen war und vorsichtig ihre Zehen in die schaumige Gebirgslandschaft tunkte.
Nassbert stemmte die Hände in die Hüften. „Ich mache eine Expedition! Die Schaumberge sind dieses Jahr außergewöhnlich stabil, fast schon architektonisch beeindruckend, und man muss diese Gelegenheiten nutzen, bevor sie wieder zusammenfallen wie jeder gute Vorsatz beim Zähneputzen.“
Er deutete auf einen besonders hohen, fast turmförmigen Schaumkegel. „Siehst du dort? Der Große Gurgelgipfel! Ich war kurz davor, ihn zu besteigen, aber dann…“ – er senkte die Stimme, als müsse er ein düsteres Geheimnis preisgeben – „… ist meine Wegkarte verschwunden.“
„Wegkarte?“, fragte Mia.
„Natürlich! Jede ordentliche Expedition braucht eine Karte! Sie zeigt die gefährlichen Wirbel, die hinterhältigen Blubb-Felder, die Nass-Strudel und die geheimen Tunnelgänge unter dem Schaummassiv!“ Er blickte bedeutungsvoll auf das Wasser. „Und irgendjemand hat sie mir gemopst.“
„Vielleicht die gemeine Quietscheente?“, schlug Mia vor.
„Die?“, sagte Nassbert mit einer Mischung aus Empörung und Anerkennung. „Die ist so philosophisch geworden, seit sie letztes Jahr aus Versehen im Bücherregal gelandet ist. Die fragt inzwischen nur noch nach dem Sinn des Platschens. Nein, die war’s nicht.“
Sie untersuchten gemeinsam die Wanne, wobei Nassbert immer wieder heldenhaft in den Schaum sprang, als würde er in ein unbekanntes Dschungelterritorium eindringen, während Mia mit der Hand die Wasseroberfläche glättete, um zu sehen, ob darunter vielleicht ein Hinweis wartete.
Plötzlich hörten sie ein leises Kichern.
Es kam eindeutig von oben.
Als sie beide hinaufsahen, entdeckten sie die Shampoo-Flaschen, die ordentlich wie kleine bunte Soldaten aufgereiht am Wannenrand standen – und genau zwischen Mango-Möhre-Wunderkur und dem Schaumschlau-Sensibelshampoo lugte eine winzige Seifenblase hervor, die sich sichtlich bemühte, unauffällig zu wirken, aber dabei nur noch verdächtiger erschien.
„Aha!“, rief Nassbert und zeigte mit ausgestrecktem Arm darauf. „Ein Shampoo-Geist! Die sind berüchtigt! Die tun immer so, als würden sie nur herumblubbern, aber eigentlich…“
In diesem Moment platzte die Blase mit einem frechen Piff, und aus dem Nichts schwebte ein hauchdünner Schaumgeist hervor – kaum größer als ein Marienkäfer, aber mindestens dreimal so selbstbewusst – und kicherte: „Hab dich!“
In seinen winzigen Händen – die mehr Hände im übertragenen Sinne waren, denn eigentlich bestand er nur aus schimmernder Seifenhaut – hielt er ein zusammengerolltes Papier.
Die Wegkarte.
„Warum hast du sie gestohlen?“, fragte Mia.
„Ich wollte mitspielen!“, rief der Geist. „Aber er hat mich nie gefragt! Dabei kann ich schweben, glitzern und mich durch Abflussrohre zwängen! Was will man denn mehr von einem Abenteurer?“
Nassbert sah betroffen aus, als hätte ihm jemand eröffnet, dass sein liebstes Schaumbad eigentlich nur lauwarmes Wasser sei. „Oh. Äh. Ich… dachte… du bist viel zu beschäftigt mit Herumblubbern und Duftverströmen.“
„Ich kann multitasken!“, sagte der Geist, verschränkte seine – wieder im übertragenen Sinne – Arme und wirkte dabei erstaunlich überzeugend.
Mia lächelte. „Dann macht doch die Expedition zusammen.“
Und so geschah es.
Der Geist schwebte voraus, weil er Höhenangst überhaupt nicht kannte und auch nicht kennen konnte, denn Schaumgeister fallen nicht – sie schweben lediglich anders; Nassbert folgte mit entschlossener Miene und einer Zipfelmütze, die nun klarerweise eine Art Expeditionsflagge darstellte; Mia stapfte ihnen hinterher und formte aus dem Schaum vorsichtshalber neue Hügel, falls einer der bestehenden zusammenrutschte.
Sie erreichten den Großen Gurgelgipfel, riefen „Hurra!“, „Jippie!“ und „Gluck-Gluck-Hurra!“, und dann rutschten sie gemeinsam den Schaumberg hinunter, lachten so laut, dass sogar die philosophische Quietscheente für einen Moment aufhörte, über die metaphysische Bedeutung des Planschens nachzudenken.
Als der Schaum schließlich sank und die Expedition offiziell beendet war, sagte Nassbert: „Das war das beste Abenteuer seit… na ja, seit dem letzten. Danke.“
Der Schaumgeist glitzerte zufrieden.
Am Ende wusste Mia, als sie aus der Wanne stieg und die Fliesen noch ein bisschen kälter waren als zuvor, dass es im Badezimmer immer wieder kleine Wunder gab – man musste sie nur hören, wenn der Abfluss gluckerte. Plitsch. Platsch – und irgendwo, tief unten, lachte Nassbert.