Benno. Die allerwahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne

Benno. Die allerwahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne

[Roman, mit einem Einführungstext zu Belphegor und seine Zeit. 2011 & 2025]

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Belphegor und seine Zeit

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in eine Epoche zurückzublicken, in der die Vernunft noch an sich selbst glaubte, als wäre sie eine Sonne, die nur deshalb scheint, weil niemand ihr das Gegenteil beweisen konnte. Zwischen den späten Jahren Voltaires, in denen der Spott noch als elegante Waffe des Geistes galt, und den ersten unruhigen Jahrzehnten nach Rousseau, wo die Freiheit schon nach Pulver roch, schreibt ein Mann namens Johann Karl Wezel ein Buch, das in seiner Art wie ein zerrissener Spiegel wirkt – ein Spiegel, der nicht nur das Licht der Aufklärung bricht, sondern zugleich zeigt, was sich in seinen Sprüngen verbirgt: das Misstrauen gegenüber jeder fertigen Wahrheit, das Lächeln des Skeptikers, der alle Systeme prüft und am Ende nur auf den Menschen selbst stößt, diesen wunderlichen Mechanismus aus Begierde, Angst und Hoffnung.

Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne – schon der Untertitel ist eine Provokation, eine ironische Verbeugung vor der Philosophie, die sich in den Jahrhunderten zuvor an der Aufgabe verzehrt hatte, eben diese Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der der Mensch gut, gerecht oder glücklich sein könne. Während Voltaire seinen Candide durch ein Feuerwerk von Katastrophen jagt, um am Ende die lächerliche Formel des „besten aller möglichen Welten“ in ein resigniertes „wir müssen unseren Garten bestellen“ zu verwandeln, lässt Wezel seinen Helden weiterziehen, zweifeln und umdenken, als wolle er sagen: Es gibt keinen Garten, den man bestellen könnte, weil der Boden selbst brüchig ist, und die Vernunft, die ihn pflügt, eine alte, müde Kreatur geworden ist, die mehr über sich als über die Welt weiß.

Wezel war kein höfischer Philosoph, kein glänzender Pariser Satiriker, kein Weltreisender der Salons, sondern ein deutscher Aufklärer, der die Aufklärung zu ernst nahm, um ihr ganz zu trauen. Er war von jener Sorte Denker, die in der Provinz geboren werden und dort die ganze Welt studieren; einer, der wusste, dass zwischen den großen Ideen und dem wirklichen Leben eine Lücke klafft, die kein System zu schließen vermag. Wenn Voltaire und Swift ihre Figuren auf Abenteuer schicken, um die Dummheit der Welt bloßzustellen, dann lässt Wezel seine Reisenden durch Länder ziehen, die alle gleich verlogen, gleich grausam und berechnend sind – als sei die Welt selbst eine Bühne, auf der sich nur die Masken ändern, nie aber die Gesichter dahinter.

In dieser Hinsicht ist Belphegor weniger ein Roman als ein Experiment: eine Versuchsanordnung, in der Menschen wie Marionetten des Eigennutzes agieren, und die Frage, ob es Güte oder Vernunft wirklich gebe, zu einem Spiel der Wahrscheinlichkeit wird. Der Held, Belphegor, ist kein reiner Tor wie Candide, kein unschuldiger Narr, der an die Güte der Welt glaubt; er ist ein Beobachter, ein Wanderer, der sehen will, ob es jenseits der Eigenliebe so etwas wie moralische Ordnung gibt. Ihm zur Seite stellt Wezel Figuren, die philosophische Positionen vertreten – allen voran den düsteren Fromal, der, wie ein Echo Hobbes’ und La Mettries, behauptet, dass alle Menschen Triebwesen sind, Maschinen aus Fleisch, die nur nach Nutzen streben. Es ist eine kühle, aber präzise Diagnose, die Wezel seiner Zeit stellt, und sie wirkt fast modern in ihrer illusionslosen Klarheit: Der Mensch, so scheint er zu sagen, ist kein vernünftiges Tier, sondern ein Tier, das sich seine Unvernunft schönredet.

Die Satire, die in Voltaires Candide in funkelnden Pointen aufblitzt, weitet sich bei Wezel zu einem düsteren Panorama: Die Reise führt durch Europa, den Orient und Afrika bis nach Amerika, und überall, wo die Figuren anlanden, begegnen sie denselben Strukturen von Herrschaft, Aberglauben und Habgier. Das Exotische ist nur Dekor, der Mensch bleibt sich gleich. Während Voltaire seine Kritik mit Leichtigkeit und Witz versieht, der die Leser schmunzeln lässt, bevor sie erschrecken, arbeitet Wezel mit der Geduld eines Anatomen: Er legt Schicht um Schicht frei, bis am Ende kein Glaube mehr übrig ist, der nicht schon unter der eigenen moralischen Fäulnis begraben läge.

Diese konsequente Entzauberung macht Belphegor zu einem Werk, das seiner Zeit voraus ist – und zugleich zu einem, das von ihr kaum verstanden werden konnte. Denn die deutsche Aufklärung liebte die Vernunft als Erlöserin, als Schutzengel gegen die Barbarei der Jahrhunderte. Wezel aber zeigt, dass die Vernunft selbst barbarisch werden kann, wenn sie glaubt, den Menschen erklären zu können. Sein Roman ist damit weniger ein Gegenstück zu Candide als dessen radikale Fortsetzung: Wo Voltaire aufhört, beginnt Wezel – und er endet nicht mit einem moralischen Trost, sondern mit einer kühlen, fast physikalischen Beschreibung des Lebens als Versuch, Schmerz zu vermeiden.

Es ist nicht schwer, darin schon eine Vorahnung der späteren Skepsis des 19. Jahrhunderts zu erkennen, jenes ironischen Blicks, der bei Büchner, bei Heine, ja selbst bei Nietzsche aufblitzen wird. Wezel steht am Ende der Aufklärung und schaut in einen Abgrund, den seine Zeit noch nicht sehen wollte: dass der Mensch vielleicht gar kein moralisches Wesen ist, sondern ein Rechenfehler der Natur, eine komplizierte Maschine, die zu viel Bewusstsein bekommen hat und damit nicht umzugehen weiß. Das Tragische daran ist, dass Wezel das nicht zynisch schreibt, sondern mit einem beinahe verzweifelten Humanismus, der in allem Spott noch die Sehnsucht nach einer besseren Menschlichkeit trägt – nur glaubt er nicht mehr, dass sie erreichbar ist.

So wird Belphegor zu einem seltsamen Zwitterwesen zwischen Satire und Anthropologie, zwischen Roman und Gedankenexperiment. Er erzählt nicht, um zu unterhalten, sondern um zu prüfen. Er führt die Figuren nicht in Abenteuer, sondern in Konstellationen, in denen ihr Denken sichtbar wird, wie in einer Versuchsanordnung. Jeder Dialog ist ein kleiner Weltentwurf, jede Begegnung eine Variation über das Verhältnis von Vernunft und Trieb, Moral und Macht. Dass der Roman dabei gelegentlich trocken, ja schwerfällig wirkt, gehört zu seinem Wesen: Er will keine elegante Erzählung sein, sondern ein intellektueller Spiegel, in dem sich das Lächeln des Lesers langsam in ein Stirnrunzeln verwandelt.

Das vielleicht Eigentümlichste an Belphegor aber ist seine Haltung: ein Humor, der keiner sein will, ein Spott, der aus Erschöpfung kommt. Wezel lacht nicht über die Dummheit der Welt, sondern über die Hoffnung, sie ändern zu können. Aber genau darin, in diesem bitteren Lachen, liegt seine Modernität. Denn wenn man den Roman heute liest, in einer Zeit, die wieder zwischen Aufklärung und Desillusion pendelt, erkennt man in seinen Seiten eine vertraute Müdigkeit: das Wissen, dass Erkenntnis nichts nützt, wenn sie nicht auch das Herz erreicht; und dass der Mensch, bei aller Klugheit, immer wieder denselben Fehler macht – er hält sich für besser, als er ist.

So könnte man sagen: Belphegor ist das Schattenbild der Aufklärung, ihr dunkler Zwilling, der dieselben Wege geht, aber andere Schlüsse zieht. Wo die einen die Welt verbessern wollten, wollte Wezel sie verstehen; wo die einen in der Vernunft die Lösung sahen, sah er in ihr das Symptom. Er nimmt das Licht der Vernunft und zeigt, dass es auch blenden kann. Und in dieser paradoxen Bewegung – der Aufklärung, die sich selbst aufklärt – liegt das, was Wezels Roman einzigartig macht. Er ist keine Geschichte „unter der Sonne“, wie der Untertitel verspricht, sondern eher eine Geschichte über die Sonne: über jenes blendende Licht, das so hell scheint, dass man darin die Schatten übersieht, die es wirft.